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Das Sanatorium (Tagebuch von W. Mannock)


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57 Antworten in diesem Thema

#1 Halvar

Halvar

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Geschrieben 14. Mai 2008 - 23:42

Spoiler-Warnung!

Bei diesem Spielbericht handelt es sich um das Abenteuer "Das Sanatorium" aus dem Cthulhu-Quellenbuch "Dementophobia". Es dürfte hoffentlich klar sein, dass alle Spieler, die dieses Abenteuer noch zu spielen gedenken, in diesem Thread nichts zu suchen haben!


Allen anderen wünsche ich viel Spa?! :)

#2 Halvar

Halvar

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Geschrieben 14. Mai 2008 - 23:44

Inhaltsverzeichnis
  • Cthulhu fhtagn! (Vorwort)
  • Dramatis Personae: Major William Mannock
  • Prolog
  • Teil 1: Ankunft
  • Teil 2: Alarmierende Entdeckungen
  • Teil 3: Hausdurchsuchung
  • Teil 4: Brewers Büro
  • Teil 5: Das Erdgeschoss
  • Teil 6: Die erste Nacht
  • Teil 7: Auf Erkundungstour
  • Teil 8: Aufräumarbeiten
  • Teil 9: Der alltägliche Wahnsinn
  • Teil 10: Die zweite Nacht
  • Teil 11: Böses Erwachen
  • Teil 12: Spurensuche
  • Dramatis Personae: Lady Elizabeth Gordon
  • Teil 13: Audienz bei Annephis
  • Teil 14: Showdown
  • Teil 15: Der Morgen danach
  • Teil 16: Traumata
  • Teil 17: Jämmerliche Existenzen
  • Teil 18: Die Nacht des roten Todes, Teil 1
  • Teil 19: Die Nacht des roten Todes, Teil 2
  • Teil 20: Gegenoffensive
  • Dramatis personae: Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick
  • Teil 21: Das Ding, das nicht sein darf
  • Teil 22: Die verlorene Tochter
  • Teil 23: Neuer Plan
  • Teil 24: Die fünfte Nacht
  • Teil 25: Kalt erwischt
  • Teil 26: Auf Leben und Tod
  • Teil 27: Feuchtes Grab
  • Dramatis personae: Pater William Benedict
  • Teil 28: Phönix
Durch die Zeichenbegrenzung auf 12.345 Zeichen je Beitrag sind manche der Teile in a und b aufgeteilt.


Session-Historie:
  • 06.10.2007 (Teil 1 bis 8)
  • 03.11.2007 (Teil 9 bis 14)
  • 02.02.2008 (Teil 15 bis 21)
  • 05.04.2008 (Teil 22 bis 27)
  • 19.04.2008 (ab Teil 28)
Dieser Beitrag wird von mir immer auf dem neuesten Stand gehalten.

#3 Halvar

Halvar

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Geschrieben 14. Mai 2008 - 23:56

Cthulhu fhtagn!

Bei diesem Spielbericht handelt es sich um die Erlebnisse meiner Spielgruppe. Ich spiele dabei den Charakter Major William Mannock, einen Gro?wildjäger und früheren Kampfpiloten im ersten Weltkrieg. Dies ist sein Tagebuch. Wir spielen eine Cthulhu-Runde in der klassischen Periode, d.h. 1920er Jahre, wobei das genaue Datum nicht definiert ist. Das verwendete System ist jenes von Pegasus/Chaosium in der neuesten Version (Zweite Edition). Als Ausgangspunkt für die Kampagne und Bezugspunkt für die Charaktere wurde London festgelegt. Die Charaktere hatten noch keinerlei Kontakt mit dem Cthulhu-Mythos, es handelt sich also um das Start-Abenteuer einer neuen Kampagne.

Leider bringt eine öffentliche Story Hour eines Cthulhu-Abenteuers auch ein Problem mit sich, nämlich die ganzen Handouts. Diese sind in aller Regel äu?erst zahlreich, unterliegen aber dem Urheberrecht, so dass ich sie hier nicht einfach wiedergeben kann. Die alten Fotos sind dabei - soweit ich wei? - kein Problem, denn wie ich inzwischen festgestellt habe, holt Pegasus Press sich diese selbst aus dem Internet, mit dem Hinweis, dass aufgrund des Alters der Bilder diese inzwischen frei vervielfältigt werden dürfen (ob das stimmt, mag ein Jurist beurteilen, ich vertraue dem jetzt einfach mal). Die Fotos, die zum Aufbau der Atmosphäre und zur Visualisierung in dem Quellenbuch enthalten sind, werde ich also hier wiedergeben, in der Hoffnung, dass das kein Problem darstellt. Falls doch, bitte ich um einen entsprechenden Hinweis, und ich werde die Bilder umgehend entfernen.

Anders sieht es jedoch mit anderen Spielhilfen aus, also beispielsweise irgendwelchen Schriftstücken, Grundrissen von Gebäuden oder ähnlichem, also Dingen, die von Pegasus Press selbst für das Abenteuer erstellt worden sind. Da ich diese hier mit Sicherheit nicht vollständig wiedergeben darf, müsst ihr leider darauf verzichten. Ich werde versuchen, den Inhalt dieser Spielhilfen zumindest grob wiederzugeben, so dass man der Geschichte bzw. den Schlussfolgerungen, die die Charaktere aus diesen Handouts ziehen, trotzdem folgen kann.

In der Material-Sektion der Pegasus-Homepage befindet sich jedoch eine Spielhilfe, in der man zumindest einige der Handouts im Klartext wiederfindet: LINK.

Die Update-Häufigkeit wird eher gering sein, so viel kann ich jetzt schon mal sagen. Wir spielen leider äu?erst selten (zwischen den Sessions liegen immer so 1 bis 2 Monate), au?erdem bin ich ein extrem fauler Tagebuch-Autor und hänge schon jetzt bereits zwei Sessions hinterher. Ihr müsst mich also motivieren, z.B. durch konstruktive Kommentare, über die ich mich übrigens freuen würde, insbesondere da dies mein erster Spielbericht überhaupt ist. :)

Anmerkung: Dieser Spielbericht wurde bereits an anderer Stelle im Netz veröffentlicht, die ich hier der Fairness halber und weil ich niemandem die Spannung nehmen will nicht nennen möchte. Mein SL hat mich allerdings ermutigt, die Geschichte auch hier einzustellen. Ich hoffe, das geht in Ordnung. Bis Teil 12 ist der Spielbericht bereits fertig, d.h. bis zu diesem Teil kann ich die Updates relativ schnell einpflegen, falls das gewünscht ist. Vorerst werde ich aber nur mit den ersten zwei Teilen beginnen und die Reaktionen abwarten.

#4 Halvar

Halvar

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Geschrieben 15. Mai 2008 - 00:06

Dramatis Personae: Major William Mannock

Geboren wurde William zwischen Weihnachten und Silvester 1887 in eine einfache Arbeiterfamilie in Cork (Irland). Als William 2 Jahre alt war, stürzte sein Vater in stark angetrunkenem Zustand von einer Kaimauer in den Lee und ertrank. Kurz darauf wurde seine Mutter schwer krank und verstarb ebenfalls. Der nunmehr verwaiste William wurde von seinem Onkel und seiner Tante adoptiert und wuchs zusammen mit deren leiblichem Sohn Edward auf, der etwa im gleichen Alter wie William und schon bald so etwas wie ein Bruder für ihn war.

Aber auch Williams neue Familie war keine besonders glückliche: Edwards Vater war ein brutaler Saufbold und verlie? die Familie, als Edward und William 12 waren. Die alleinerziehende Mutter konnte die beiden Jungs aber nicht alleine ernähren und so musste sie mit ihnen nach England ziehen, wo ihre Verwandten lebten, damit diese sie unterstützen konnten. Edward und William konnten trotzdem nicht weiter zur Schule gehen, sondern mussten mit Gelegenheitsarbeiten für sich und ihre Mutter sorgen. Als sie 16 waren, sahen sie die einzige Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen und ihre Mutter zu entlasten, darin, sich für den Militärdienst einzuschreiben.

Ihre Mutter sollte stolz auf sie sein, und so absolvierten William und Edward die Grundausbildung mit Bravour und erhielten die Möglichkeit, sich in der renommierten Militärakademie von Sandhurst einzuschreiben. Beide entschlossen sich für eine Karriere beim Royal Flying Corps und absolvierten eine Ausbildung zum Kampfpiloten. Während William jedoch schon bald an seine Grenzen stie?, zeigte Edward ein beeindruckendes Talent für diesen Job. Als der gro?e Krieg ausbrach, entpuppte sich Edward als Flieger-As, das ein deutsches Flugzeug nach dem anderen vom Himmel schoss. William dagegen wurde zu den Aufklärern versetzt und sorgte dafür, dass die englischen Truppen stets über die Standorte und Bewegungen der Feinde informiert waren, einerseits zur Unterstützung der eigenen Taktik, andererseits zur Zielbestimmung für die Artillerie. Und auch wenn diese Arbeit weit weniger populär war als die spektakulären Luftkampf-Siege seines Cousins, so war sie doch nicht weniger wertvoll, und sorgte immerhin dafür, dass William im Laufe des Krieges zum Major befördert wurde und zwei Orden erhielt.

Am 26. Juli 1918, kurz vor dem Ende des gro?en Krieges, geschah jedoch etwas, das Williams Leben völlig auf den Kopf stellen sollte. Edwards Maschine wurde von feindlichem Maschinengewehrfeuer erfasst, geriet in Brand und stürzte ab. Edward war auf genau die Art gestorben, die für ihn immer der grö?te Alptraum gewesen war: im Wrack seiner eigenen Maschine zu verbrennen. Er hatte sogar immer extra einen Revolver mitgenommen, um sich im Notfall selbst das Leben nehmen zu können, bevor es die Flammen auf qualvolle Weise tun würden. Als das Wrack geborgen wurde, fand man auch den Revolver in der Hand Edwards, allerdings noch voll geladen û warum Edward ihn nicht mehr abfeuern konnte, war und blieb sein Geheimnis.

Der Tod seines Cousins versetzte William einen schweren Schlag, von dem er sich nie wieder ganz erholen sollte. Vorher noch ein patriotischer Haudegen, wurde er hinterher zunehmend still, desillusioniert und zynisch, und verfiel zudem dem Alkohol. Seine militärische Laufbahn brach er ab, auch weil nach dem Krieg kein Bedarf mehr an Kampfpiloten vorhanden war.

Nachdem der anfängliche Schock überwunden war, musste William sich auf die Suche nach einer neuen beruflichen Zukunft machen. Am liebsten wollte er aus England und dem vom Krieg gezeichneten Europa weg, und zwar möglichst weit. Als ein ihm bekannter Geschäftsmann auf der Suche nach einem Leibwächter für eine Reise in die britische Kronkolonie Süd-Rhodesien war, kam ihm dies sehr gelegen. Auf der Geschäftsreise unternahmen William und sein Schützling auch eine Safari und dabei entdeckte William erstmals sein Faible für die Gro?wildjagd. Er entschloss sich, nach Fort Salisbury in Süd-Rhodesien umzusiedeln und sich fortan voll und ganz dem Jagdgeschäft zu widmen. ?ber seinen Geschäftsfreund konnte er weitere Kontakte zu anderen wohlhabenden Kunden knüpfen, für die er schon bald zahlreiche Safaris organisieren konnte.

Bei einem Besuch in England bot sich ihm eine ganz besondere Gelegenheit: Er konnte, vermittelt von einem alten Waffenbruder bei der Armee, günstig einen ausgemusterten Doppeldecker erstehen. Bei der Maschine handelte es sich um eine gut erhaltene Armstrong Whitworth F.K.8 û genau das Modell, das er bei seinen Aufklärungsflügen im gro?en Krieg geflogen war, und eine der wenigen zweisitzigen Propellermaschinen überhaupt. William kratzte seine gesamten Ersparnisse zusammen, kaufte das Flugzeug und verschiffte es bis nach Maputo in Mosambik, von wo aus er selber mit der Maschine mit mehreren Zwischenstopps bis nach Fort Salisbury in Süd-Rhodesien flog.

Dort angekommen konnte er seinen Kunden fortan eine besondere Attraktion bieten: Einen Rundflug über die wilde afrikanische Savanne. Das Geschäft entwickelte sich bis zum heutigen Tag hervorragend: William hat inzwischen ein erkleckliches Auskommen und kann auch seine Ziehmutter finanziell unterstützen, die noch in London lebt, und die er regelmä?ig besucht, wenn ihn seine Geschäfte wieder einmal nach Gro?britannien führen.

William spricht ein paar Brocken Deutsch und Shona, die Sprache der Einheimischen Süd-Rhodesiens.

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Fragebogen

1. Name: William Mannock

2. Alter: 32 Jahre, geboren am 27.12.1887

3. Geschlecht: Männlich

4. Ausbildung & Titel (BI 17): Ausbildung: Royal Military College in Sandhurst, Südengland. Während des gro?en Kriegs zum Major des Royal Flying Corps (RFC) aufgestiegen, nach dem Krieg aus persönlichen Gründen aus der Armee ausgetreten. Orden: Air Force Medal, Distinguished Service Medal.

5. Geburts- und Wohnort: Geburtsort: Cork (Irland), Wohnort: Fort Salisbury, Süd-Rhodesien. William hält sich aus beruflichen und privaten Gründen aber oft in Gro?britannien und Irland auf.

6. Haut-, Haar- und Augenfarbe: Haut: Wei?, Haar: Rotbraun, Augen: Grün

7. Besondere Kennzeichen: Schnauzbart

8. Beruf: Gro?wildjäger

9. Einkommen: $ 6.000/Jahr

10. Religion & Aberglaube: Römisch-katholisch getauft, aber nicht besonders religiös.

11. Archetyp: Desillusionierter Draufgänger û seit dem Tod seines Cousins hat sein Draufgängertum stark nachgelassen.

12. Motive & innerer Konflikt: Pflichtgefühl <> Schuldprojektion û William besitzt ein starkes Pflichtgefühl für die englische Krone, gibt ihr aber auch eine Mitschuld am Tod seines Cousins.

13. Achillesferse: Erinnerungen an den Tod seines Cousins machen William depressiv und aktivieren einen latenten Alkoholismus.

14. Spleens: Humorlosigkeit

15. Schlimmster Alptraum: In einem Flugzeugwrack zu verbrennen, genau wie sein Cousin.

16. Innigster Wunsch: Die Zeit zurückdrehen zu können, um seinen Cousin von seinem letzten Flug abzuhalten.

17. Besonderes Talent:
  • Pilot (Propellermaschinen): 80% - Durch seine Kriegserfahrung und vielen Flugstunden über der afrikanischen Savanne ist William zu einem sehr guten Piloten geworden.
  • Verbergen: 75% und Schleichen: 70% - Nicht nur im Krieg sind diese Fertigkeiten äu?erst nützlich (falls man hinter feindlichen Linien notlanden muss), auch bei der Jagd erweisen sie sich als äu?erst vorteilhaft.
  • Gewehr und Schrotflinte: je 80% - William ist ein guter Schütze und hat schon so manche Trophäe in seinem Haus in Fort Salisbury stehen.
18. Besonderer Besitz: Der Revolver seines Cousins, den dieser immer mit sich geführt hatte, um sich selbst zu erschie?en, bevor er in seinem Flugzeug verbrennen würde. Obwohl William kein geübter Pistolenschütze ist, führt er diese Waffe (wenn möglich) immer mit sich.

19. Eltern: Beide leiblichen Eltern sind schon früh verstorben, wodurch William bei seinem Onkel und seiner Tante aufgewachsen ist. Letztere besucht er noch häufig in London.

20. Geschwister: Keine

21. Freunde: - noch zu bestimmen -

22. Kontakte: - noch zu bestimmen -

23. Mentoren & Mäzene: Keine

#5 Halvar

Halvar

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Geschrieben 15. Mai 2008 - 00:09

Prolog

Sehr geehrter Mr. Mannock,

es freut uns sehr zu hören, dass Sie sich nun doch dazu entschlossen haben, Ihren ehemaligen Ausbilder von der Militärakademie zu besuchen. Schön, dass wir Ihnen bei der Kontaktaufnahme behilflich sein konnten. Sicherlich haben Sie sich viel zu erzählen. Zum Ende des Gro?en Krieges hatte der Colonel gesundheitlich stark abgebaut. Wie bereits erwähnt, war es daher leider notwendig geworden, unseren Gro?vater in die Obhut von Dr. Aldous Brewer zu geben. Der Ruf seines Sanatoriums ist untadelig und es wurden schon mehrere Artikel von ihm im Journal of the British Psychological Society veröffentlicht. Wir waren so frei, Ihren Besuch im Sanatorium schon anzukündigen. Einmal in der Woche verkehrt ein Boot zwischen dem Festland und der Insel. Der Bootsführer ist ein alter Seebär namens Ebenezer. Noch einmal herzliches Beileid zum Tode Ihres Cousins.

Hochachtungsvoll,
Harold und Charlotte Billings

Dies war der letzte Brief, bevor ich mich auf den Weg machte. Meine Bemühungen, meinen alten Ausbilder von der Militärakademie ausfindig zu machen, erreichten endlich ihren Höhepunkt - ich würde den alten Colonel wiedersehen! Zum Glück hatten mich seine Enkel Harold und Charlotte nicht hängen lassen und mir mitgeteilt, wo sich der Colonel befindet: In der Nervenheilanstalt "North Island Sanatorium", das sich auf der gleichnamigen Insel in der Nähe der Themse-Mündung befindet. Schon vor einiger Zeit mussten sie ihn dort wegen nicht näher beschriebenen "Altersgründen" einweisen. Da es sich um eine private Einrichtung handelt, in der nur wohlhabende Patienten unterkommen, war ich frohen Mutes, dass es ihm dort gut ging. Vielleicht konnte ich ihm auch wieder auf die Beine helfen oder wenigstens auf seine alten Tage eine kleine Freude machen.

Morgen geht's endlich los!

#6 Halvar

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Geschrieben 15. Mai 2008 - 00:10

Teil 1: Ankunft

Session: 06.10.2007

Es war bereits später Nachmittag, als ich endlich das Meer riechen konnte. Die Zugfahrt von London hatte zwar nur ein paar Stunden gedauert, trotzdem kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Ich konnte es einfach nicht mehr erwarten, endlich den alten Colonel Billings wiederzusehen. Die Nachricht, dass er nach dem Krieg geistig stark abgebaut hatte und sogar in ein Sanatorium eingewiesen werden musste, hatte mich doch reichlich betrübt. Ich hoffte, dass ich irgendwie dabei behilflich sein könnte, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Immerhin verdanke ich seiner anspruchsvollen Ausbildung meine gesamte militärische Laufbahn, au?erdem war er immer wie der Vater für mich, den ich nie hatte.

Das Ziel der Reise war eine Insel in der Nähe der Themse-Mündung, auf der das "North Island Sanatorium" lag - ein Institut von hervorragendem Ruf, geleitet von einem gewissen Dr. Aldous Brewer. Ich verstehe zwar nicht viel von Psychologie, aber der Mann gilt wohl als Koryphäe auf seinem Gebiet. Es tat jedenfalls gut, zu wissen, dass Colonel Billings zumindest in guten Händen war.

Langsam rollte der Zug in das kleine, verschlafene Küstendorf, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Von hier aus sollte mich ein "alter Seebär" namens Ebenezer mit seinem Kahn auf die Insel bringen, wie die Enkel von Colonel Billings mir geschrieben hatten. Nach der anstrengenden Zugfahrt erschien mir die Aussicht auf eine anschlie?ende, längere ?berfahrt auf irgendeinem schaukelnden Kutter zwar wenig verlockend, aber wie sich herausstellte, war die Aussicht auf eine ?bernachtung in diesem abgelegenen Kaff, das mit Sicherheit keine anständige Herberge aufzuweisen hatte, noch weit weniger verlockend. Also schleppte ich mich und meinen Koffer Richtung Strand.

Entgegen meiner Befürchtung war der alte Ebenezer nicht schwer zu finden - er war nämlich die einzige Person am ganzen Strand. Als ich auf den Sand trat und auf den alten Mann und das Meer zusteuerte, bemerkte ich auf einmal mehrere Personen, die es mir gleich taten, wenn auch aus anderen Richtungen. Sie waren ebenfalls mit dem Zug gekommen - ich erinnerte mich, sie am Bahnhof gesehen zu haben. Zwei Männer und zwei Frauen bewegten sich wie ich auf Ebenezer zu und zogen dabei schwere Koffer hinter sich her - offenbar war ich nicht der einzige, der heute einen Platz auf seinem Kutter gebucht hatte.

Nahezu zeitgleich erreichten wir Ebenezer und das Boot, und noch ehe wir uns vorstellen konnten, begrü?te er uns überschwänglich, schnappte sich unsere Koffer und hie? uns, an Bord zu kommen. Wir taten wie befohlen und nahmen auf den Sitzbänken der kleinen Barkasse Platz. Ebenezer erklärte uns, dass die ?berfahrt ca. zwei Stunden dauern würde und wir uns besser beeilen sollten, damit wir noch vor Einbruch der Nacht ankämen. Die Aussicht auf zwei Stunden Geschaukel auf diesem Seelenverkäufer lie? wohl auch bei meinen neugewonnen Reisegefährten die Laune sinken, denn die gesamte Fahrt über wurde kein einziges Wort gesprochen.

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Immerhin hatte ich aber Gelegenheit, mir meine Leidensgenossen etwas genauer anzusehen: Die beiden Damen fielen mir natürlich als erstes ins Auge. Beide waren recht attraktiv - eine von ihnen sogar sehr! - und elegant gekleidet. Nie im Leben hätte ich bei meinem Besuch in der Anstalt mit derartig angenehmer Gesellschaft gerechnet. Die beiden Herren hätten gegensätzlicher kaum sein können: Der eine war wohl eine Art Geistlicher (zumindest lie? sein hochgeknöpftes Hemd dies erahnen) mit flammendrotem Haarschopf, bei dem ich sofort die Vermutung hatte, einem Landsmann gegenüberzusitzen, während der andere einen äu?erst distinguierten, schon fast überkorrekten Eindruck machte: Mehrmals holte er während der Fahrt seinen Kamm hervor, um seine vom Wind zerzausten Haare wieder in die vorgeschriebene Form zu bringen. Nur mit Mühe konnte ich mir ein Schmunzeln verkneifen.

Als die Insel endlich in Sicht kam, dämmerte bereits der Abend. Die hereinbrechende Nacht gestattete uns gerade noch einen Blick auf das Anwesen, bevor Ebenezer das Boot geschickt anlegte und behände auf den Landungssteg sprang - ganz so, als wolle er sein Alter Lügen strafen. Er sagte uns, dass er zunächst das Boot verstauen müsse und bat uns, schon einmal die Stufen zum Sanatorium hinaufzusteigen - er würde später nachkommen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit den Damen Kontakt aufzunehmen, und bot ihnen meine Hilfe bei ihrem Gepäck an. Kurz darauf hatte ich drei Koffer zu tragen. Nun ja, wenigstens hatte ich das erste Eis gebrochen.

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Der Aufstieg über die Stufen die Klippen hinauf erwies sich ob der inzwischen fortgeschrittenen Dämmerung als etwas mühselig, insbesondere mit dem mir selbst aufgebürdeten Gepäck. Schlie?lich und endlich standen wir aber alle vor dem gro?en Portal des Sanatoriums und betätigten den Türklopfer. "Moment, ich komme gleich!", rief eine weibliche Stimme von drinnen. Wir hatten eine Minute Zeit, uns fragende Blicke zuzuwerfen, dann öffnete sich die Tür und im Rahmen erschien eine ältere Dame: "Guten Tag, ich bin Blanche. Bitte kommen Sie doch herein..."

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In diesem Moment bemerkte ich eine Bewegung im Augenwinkel, doch es war bereits zu spät: Aus dem Nichts tauchte ein Mann hinter uns auf und versuchte, der hübscheren meiner Begleiterinnen einen Arm um den Hals zu legen. "Hab' ich dich endlich, du Satansbrut!", schrie er dabei. Glücklicherweise schaffte er es aber nicht, sie richtig zu packen, so dass sie ins Haus hinein fliehen konnte, an der völlig verdatterten Blanche vorbei. Die andere meiner Begleiterinnen reagierte blitzschnell: Sie wirbelte herum und versetzte dem Mann einen Tritt an den Kopf - dabei schwang sie ihr Bein so hoch wie ich dies zuletzt bei französischen Cancan-Tänzerinnen gesehen hatte! Nicht sehr ladylike, aber effektiv: Der Angreifer taumelte einen Schritt zurück, offenbar ebenso von diesem Angriff überrumpelt wie ich. Nun endlich überwand ich meine ?berraschung. Ich lie? die Koffer fallen, zog meinen Colt aus der Westentasche und richtete ihn auf den Angreifer. "Keine Bewegung!", drohte ich. Das zeigte Wirkung. Alle starrten auf meine Waffe, auch der Angreifer. Hoffentlich merkte niemand, dass ich mit dem Ding überhaupt nicht umgehen konnte. Hoffentlich merkte niemand, dass das Ding noch nicht mal geladen war.

Wie es aussah, hatte ich Glück: Der Angreifer begann zu wimmern und kauerte sich auf den Boden. Blanche stürzte herbei und schimpfte auf ihn ein: "Das sollst Du doch nicht tun, Leonard!"

Sie schnappte sich das Häuflein Elend und zerrte es zur Tür hinein: "Bitte entschuldigen Sie Leonard, er ist ein bisschen durcheinander. Gehen Sie doch bitte schon mal in die Bibliothek und machen Sie es sich bequem. Dr. Brewer wird gleich zu Ihnen kommen."

Mit diesen Worten zeigte sie auf eine Tür in der rechten Wand des geräumigen Foyers, während Sie den Angreifer durch selbiges zog. "Aber gehen Sie bitte nicht ins Wohnzimmer, dort ist ein kleiner Unfall passiert."

Noch ehe wir fragen konnten, was sie damit gemeint hatte, verschwand sie mitsamt dem wimmernden Leonard hinter einer verstärkten Tür und wir hörten, wie Schlüssel im Schloss umgedreht wurden. Verdutzt ob dieses merkwürdigen Vorfalls schauten wir uns zunächst einmal im Foyer um. Viele Türen waren zu sehen, sowie zwei Treppenaufgänge, die jeweils in einem Halbkreis in das Obergeschoss führten. Ich steckte meine Waffe weg, nahm die drei Koffer wieder auf und bewegte mich auf die von Blanche angezeigte Tür zu.

Meine Begleiter waren bereits vorausgegangen. Hinter der Tür befand sich tatsächlich eine kleine, gemütlich eingerichtete Bibliothek. Diese war jedoch nicht leer: In einem Stuhl sa? eine hübsche junge Dame, ein Buch auf dem Scho?. Als wir sie freundlich begrü?ten, hob sie den Kopf und sagte nur: "Psst, dies ist eine Bibliothek."

Offensichtlich war ihr die Lektüre von "Dantes Inferno" wichtiger als die Horde von Besuchern, die gerade in den Raum eingefallen war. Ich stellte die Koffer in der Nähe der Eingangstür ab. So allmählich schlich sich bei mir das Gefühl ein, dass es mit dem "untadeligen Ruf" dieses Sanatoriums nicht wirklich weit her sein konnte. Ich war gespannt, was uns hier noch erwarten würde.

Fortsetzung in Teil 2: Alarmierende Entdeckungen

#7 Halvar

Halvar

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Geschrieben 15. Mai 2008 - 00:12

Teil 2: Alarmierende Entdeckungen

Fortsetzung Session 06.10.2007

Eingefügtes Bild

Da au?er dem von der stoischen Leserin okkupierten Stuhl nur noch eine kleine Couch als Sitzmöbel zur Verfügung stand, begab ich mich zu den mit Belletristik gefüllten Bücherregalen, um den Damen die Sitzplätze zu überlassen. Der Geistliche tat es mir gleich. Aber auch die Damen hatten scheinbar nicht vor, sich zu setzen. Ich wandte mich an die Angegriffene und erkundigte mich nach ihrem Befinden. Sie war glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen und stellte sich mir als Prof. Dr. Stevens-McCormmick vor, eine Geschichtslehrerin und persönliche Bekannte von Dr. Brewer. Schön und gebildet - ich war beeindruckt.

Als sie uns miteinander sprechen sahen, gesellten sich auch die beiden anderen Herren zu uns, die sich als Pater Benedict, tatsächlich ein Ire und Franziskaner-Mönch, und Dr. Tiller, ein Psychoanalytiker und Medizinier, vorstellten. Beide waren aus wissenschaftlichem Interesse hierher gereist, Pater Benedict wegen einem der Patienten, und Dr. Tiller hatte wohl die Neugier an Dr. Brewers Forschungsarbeit hergelockt.

Die zweite Dame unserer illustren Gesellschaft (jene, die dem Angreifer vor den Kopf getreten hatte) zeigte sich weniger gesprächig, dafür jedoch umso rastloser: Erst warf sie einen Blick durch die zweite Tür, die sich in diesem Raum befand, dann verschwand sie durch die Tür ins Foyer. Während wir uns unterhielten, hörten wir, wie sie dort mehrere Türen öffnete und auch an offenbar verschlossenen Türen rüttelte. Eine Vorgehensweise, die mir angesichts der Tatsache, dass Blanche uns gebeten hatte, in der Bibliothek zu warten, äu?erst befremdlich erschien. Dann hörten wir jedoch Wasser rauschen - offenbar hatte es der Dame nur pressiert. Kurz darauf erschien sie auch wieder in der Bibliothek, gesellte sich nun auch zu uns und stellte sich als Lady Elizabeth Gordon vor. Auch sie war aus wissenschaftlichem Interesse an einem der Patienten hierher gekommen.

Während wir uns unterhielten, brach Lady Gordon plötzlich mitten im Satz ab, runzelte die Stirn, ging noch einmal zu der zweiten Tür der Bibliothek und öffnete sie. Wir blickten ihr gespannt hinterher. "Hallo?", sagte sie in den anderen Raum hinein. Wir warfen uns fragende Blicke zu. Dr. Tiller konnte seine Neugier nicht länger zügeln: Er ging zu Lady Gordon und warf ebenfalls einen Blick in den Raum. Nach einem kurzen Moment brachte er nur ein "Oh, mein Gott!" hervor. Nun hielt es natürlich keinen von uns mehr an seinem Platz. Wir stürzten zur Tür, die - wie wir sogleich erkannten - wohl in ebenjenes Wohnzimmer führte, dessen Besuch uns von Blanche untersagt worden war. Zunächst einmal fiel mir auf, dass einige Gegenstände vom Wohnzimmertisch offenbar auf den Boden gefegt worden und zerbrochen waren. Erst bei einem zweiten Blick fielen mir die Fü?e ins Auge, die hinter dem Sofa hervor ragten. Dort lag jemand!

Ich eilte zu meinem Koffer und holte meine Erste Hilfe-Tasche hervor. Als ich ins Wohnzimmer eilen wollte, wurde ich von Lady Gordon aufgehalten. Sie faselte irgendetwas von Spuren, die wir zerstören würden. Ich entgegnete ihr nur, dass dort jemand vielleicht unsere Hilfe bräuchte und drängte mich an ihr vorbei. Prof. Dr. Stevens-McCormmick folgte mir. Wir näherten uns vorsichtig der Person und achteten darauf, die Gegenstände nicht zu berühren, die auf dem Boden verstreut waren. Es handelte sich um eine Frau in der Arbeitskleidung einer Krankenschwester. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht nach unten. Um ihren Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet, man konnte jedoch keine offensichtlichen Verletzungen erkennen. Ich nahm behutsam ihre Hand, um ihren Puls zu fühlen. Die Hand war kalt, kein Puls. Die Frau war tot. Ich entschied mich dazu, die Leiche so zu lassen wie sie war und Mrs. Stevens-McCormmick und ich kehrten zu den anderen zurück, die an der Tür gewartet hatten.

Alle waren von der Nachricht, dass die Dame tot sei, sichtlich betroffen - alle au?er Lady Gordon, die lediglich sehr aufgebracht darüber war, dass wir eventuell Spuren verwischt hätten. Ich verkniff mir einen Kommentar. Sie machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um dort nach irgendwelchen Personen zu suchen, die uns vielleicht über den Vorfall aufklären könnten. Ich kam zu dem Schluss, dass dies wohl ein Fall für die Behörden wäre. Die einzige Möglichkeit, diese zu alarmieren, wäre Ebenezers Boot.

Moment mal - Ebenezer? Wollte der alte Seebär nicht nur noch das Boot verstauen und dann wieder zu uns sto?en? Ich teilte den anderen meine letzten Gedanken mit und entschloss mich dazu, noch einmal zum Bootssteg hinunterzugehen und nach ihm zu sehen. Dr. Tiller wollte mich begleiten und nahm sich eine Íllampe aus dem Foyer, ich holte meine Browning Auto-5 Schrotflinte aus meinem Koffer - und lud sie. Er starrte etwas befremdlich auf mein Gewehr. "Sie rechnen also mit dem Schlimmsten?", fragte er. Das tat ich allerdings.

Als wir die Tür öffneten, begrü?te uns eine nahezu undurchdringliche Dunkelheit. Wolken verdeckten den Mond und die Sterne. Schon wenige Meter vom Anwesen entfernt sah man au?erhalb des kleinen Lichtkreises von Dr. Tillers Lampe die Hand vor Augen nicht mehr. Trotzdem starrte ich angestrengt in die Dunkelheit, während wir uns langsam und vorsichtig den Pfad zum Meer hinabtasteten. Unten angekommen arbeiteten wir uns auf den Steg vor. Es dauerte nicht lange, bis ein auf dem Boden liegender Körper in unser Sichtfeld kam. Er trug eindeutig die Kleidung Ebenezers und lag auf dem Bauch. Der Kopf hing über den Rand des Steges nach unten und war nicht zu sehen. Dr. Tiller und ich stürzten nach vorne und drehten den Körper herum, während wir ihn vollständig auf den Steg hinaufzogen. Mir entfuhr ein Keuchen, als ich den Kopf des alten Seebären erblickte, Dr. Tiller taumelte zurück und rang mit seinem Mageninhalt. Der Schädel Ebenezers war fast vollständig gespalten, wie mit einer gro?en Axt. Wahrscheinlich war auch genau das geschehen.

Nachdem wir unsere Fassung wieder zurückerlangt hatten, suchte ich den Steg ab - ergebnislos. Dort, wo Ebenezer das Boot vertäut hatte, fanden wir nur noch das gekappte Tau. Das Boot war natürlich weg. Entweder war der Mörder damit geflohen oder er wollte uns den Fluchtweg verbauen. Was auch immer sein Ziel war, er hatte es jedenfalls erreicht. Dr. Tiller und ich beratschlagten, was mit der Leiche zu tun sei. Da Dr. Tiller sie nicht hier unten liegen lassen wollte, hakten wir jeweils einen unserer Arme unter einen Arm Ebenezers und konnten den Leichnam so die Stufen hinaufschleifen. Oben angekommen wussten wir nicht so recht, wo wir ihn am besten ablegen sollten. Da uns das Foyer unpassend erschien und wir den anderen den Anblick ersparen wollten, legten wir Ebenezer neben den Stufen ab, die zum Haupteingang des Sanatoriums hinaufführten, und begaben uns wieder in die Bibliothek.

Die anderen warteten dort bereits. Wir berichteten von unserer grausigen Entdeckung. Unsere Begleiter waren in der Zwischenzeit allerdings auch nicht untätig gewesen: Lady Gordon hatte wohl im gesamten 1. Stock nur leere Schlafzimmer vorgefunden - manche davon bewohnt, andere unbewohnt - allerdings keinen der Bewohner, weder tot noch lebendig. Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick hatten sich die Frauenleiche im Wohnzimmer noch einmal genauer angeschaut. Beiden war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. "Das war auch kein Unfall", presste der Pater zwischen seinen Lippen hervor. "Eine Schere...", murmelte Mrs. Stevens-McCormmick. "...Schere im Auge", ergänzte der Pater.

Spätestens jetzt war uns allen klar, dass hier offensichtlich einiges faul war und wir uns in einer äu?erst gefährlichen Notsituation befanden. Die Dame in der Bibliothek, die immer noch hartnäckig in ihr Buch starrte, und bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Patientin des Sanatoriums handelte, war unser einziger lebender Anhaltspunkt. Dr. Tiller als gelernter Psychoanalytiker bot sich an, sich in einer therapeutischen Sitzung mit der Dame zu beschäftigen. Vielleicht würden wir auf diese Art und Weise etwas aus ihr herausbekommen. Da es dazu unabdingbar war, dass er möglichst ungestört mit ihr reden konnte, lag es nahe, dass wir anderen uns dazu entschieden, währenddessen eine gründliche Untersuchung des Anwesens vorzunehmen.

Fortsetzung in Teil 3: Hausdurchsuchung

#8 Halvar

Halvar

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Geschrieben 17. Mai 2008 - 08:19

Teil 3: Hausdurchsuchung

Forsetzung Session 06.10.2007

Wie sich herausstellte, hatte Lady Gordon bereits das Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes soweit möglich untersucht und dabei im - wenn man vom mittig gelegenen Foyer ausging - rechten Gebäudeflügel neben der Bibliothek und dem Wohnzimmer, welche wir ja bereits kannten, noch ein Badezimmer mit Abort, sowie im linken Gebäudeflügel ein gro?es Esszimmer und eine Küche mit Vorratskammer ausgemacht. In keinem der Räume hatte sie jemanden angetroffen. So begaben wir uns über die gro?en Treppen im Foyer ins Obergeschoss. Im Uhrzeigersinn klapperten wir die vielen Türen ab und fanden insgesamt sechs Schlafräume sowie ein weiteres Badezimmer vor. Einige der Schlafräume schienen bewohnt zu sein, einige nicht: Erstere dienten wohl dem Personal als Schlafstatt, Zweitere hätten unsere Gästezimmer werden sollen - so vermuteten wir jedenfalls. Auch auf dieser Etage gab es einen Zugang in den "Patiententrakt".

Der Grundriss des Gebäudes entsprach einem auf den Kopf gestellten T mit dem Haupteingang unten in der Mitte. Das Gebäude lie? sich also grob in einen "Wohntrakt" (der waagerechte Strich des umgedrehten T) und einen "Patiententrakt" (der senkrechte Strich) unterteilen, auf die ich mich im Folgenden der Einfachheit halber beziehen werde, auch wenn die Begriffe nicht ganz glücklich gewählt sind - schlie?lich "wohnten" die Patienten im Patiententrakt. Wie auch immer: Den Wohntrakt hatten wir jedenfalls zu diesem Zeitpunkt komplett begangen, bis auf einen eventuell vorhandenen Keller. Wie sich herausstellte, war der Zugang zum Patiententrakt hier im Obergeschoss nicht verschlossen. Vorsichtig öffneten wir die Tür und schauten in einen von Íllampen schwach erleuchteten Gang.

In diesem Moment wurde mir klar, dass Dr. Tiller ja mit der jungen Dame ganz allein in der Bibliothek sa? - unbewaffnet. Ich teilte den anderen mit, dass ich mich mit meinem Gewehr besser zu ihm gesellen würde, denn wie ich gesehen hatte, war Mrs. Stevens-McCormmick inzwischen mit einem Degen bewaffnet und von Lady Gordon wusste ich ja, dass sie auch ohne Waffe äu?erst wehrhaft war. Also begab ich mich wieder ins Erdgeschoss und öffnete vorsichtig die Tür zur Bibliothek. Dr. Tiller hatte die Patientin auf die Couch gebettet, während er selber auf dem Stuhl Platz genommen hatte und mit ihr redete. Als er mich hörte, wandte er sich mir zu und wies mich mit einer Geste an, den Raum nicht zu betreten. Ich schloss vorsichtig die Tür und bezog davor Posten.

Es vergingen einige Minuten, dann kam Lady Gordon die Treppe heruntergeeilt. Sie hielt auf mich zu und sagte, dass sie dringend in die Bibliothek müsse, um ihr "Werkzeug" zu holen. Ich unterdrückte die Frage, was sie denn damit meinen würde, und gab ihr stattdessen zu verstehen, dass es im Moment keine gute Idee wäre, die Bibliothek zu betreten. Lady Gordon bestand jedoch darauf, ihre Tasche herauszuholen, die sich ohnehin nahe bei der Tür befand. Als sie die Tür öffnete, deutete Dr. Tiller ihr ebenfalls mit einer Geste an, den Raum nicht zu betreten. Lady Gordon zeigte jedoch auf ihre Tasche und schickte sich an, nach dieser zu greifen. Auch das nachfolgende, eindringliche Gestikulieren von Dr. Tiller half nichts: Lady Gordon machte einen Schritt in den Raum hinein und griff nach ihrer Tasche. Ihre Bemühungen, dabei besonders leise zu sein, rächten sich jedoch: Als sie den Schritt wieder hinausgehen wollte, verlor sie kurz ihr Gleichgewicht und die Tasche drosch mit einem laut vernehmlichen Rums gegen die Wand. Die junge Dame auf der Couch zuckte zusammen. Dr. Tiller schlug sich entnervt die Hand vor die Stirn. "Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen!", konstatierte er.

Nachdem Lady Gordon sich entschuldigt und die Tür zur Bibliothek wieder geschlossen hatte, teilte sie mir mit, dass sie oben eine abgeschlossene Tür vorgefunden hätten, von der sie vermuten würden, dass sich dahinter das Arbeitszimmer von Dr. Aldous Brewer befindet. Eine Lady, die Werkzeug besitzt, mit dem sich abgeschlossene Türen öffnen lassen? Die Dame erschien mir zunehmend suspekt. Jedenfalls verschwand sie mit diesen Worten wieder nach oben.

Es dauerte nicht lange, als die gesamte Truppe wieder nach unten kam, Enttäuschung auf den Gesichtern. Offenbar war es Lady Gordon auch mit ihrem Werkzeug nicht gelungen, die fragliche Tür zu öffnen, und angetroffen hatten sie auch niemanden. Sie teilten mir mit, dass sie im ersten Stock des Patiententrakts zwei Behandlungszimmer vorgefunden hätten, eines davon für Elektroschocktherapie, sowie ein gro?es Badezimmer und ein weiteres Abort. Eine der Türen des Ganges hatten sie jedoch nicht öffnen können, au?erdem befand sich am Ende des Ganges eine Treppe nach unten, die jedoch an einer weiteren verschlossenen Tür endete, und zwar eine solche verstärkte Tür, wie sie sich auch im Foyer befand. Hier hindurchzukommen hatten sich die Damen und Pater Benedict wenig Chancen ausgerechnet, also hatten sie es auch gar nicht erst versucht.

Eingefügtes Bild

Nun blieb uns als einzige, einfache Alternative nur noch der Keller übrig, dessen Zugang sich ebenfalls im Foyer befand. In diesem Moment öffnete sich die Tür der Bibliothek und Dr. Tiller kam mit verärgerter Miene heraus. "Das hat für heute keinen Zweck mehr", verkündete er mit einem vorwurfsvollen Blick auf Lady Gordon. "Die Patientin zeigt starke Anzeichen von Autismus, mehr war in der Kürze der Zeit nicht zu ermitteln."

Dr. Tiller gab mir aber noch zu verstehen, dass er auch alleine auf die Frau aufpassen könne, so dass ich mich den anderen bei der Untersuchung des Kellers anschlie?en konnte. Vorsichtig stiegen wir die schmale Treppe hinab und kamen in einen Raum mit drei Türen, von denen es sich bei einer wieder um eine verstärkte handelte. Die anderen beiden führten in einen Heizungskeller mit angrenzendem Kohlebunker und in einen weiteren kleinen Schlafraum, der zwar bewohnt erschien, dessen Bewohner aber ebenfalls abwesend war. Da uns nun alle anderen Optionen ausgegangen waren, machte sich Lady Gordon mit ihrem Werkzeug am Schloss der verstärkten Tür zu schaffen. Nach einigen Momenten vernahmen wir tatsächlich ein Klicken - sie hatte es geschafft!

In dem Wissen, dass wir nun wahrscheinlich einen von Patienten bewohnten Trakt betraten, öffneten wir mit äu?erster Vorsicht die Tür. Wir schauten in einen langen, leeren Gang, der wie auch bereits der Gang im Obergeschoss durch das schwache Licht von heruntergedrehten Íllampen nur mä?ig erhellt wurde. An den Wänden des Ganges konnten wir mehrere Sicherheitstüren ausmachen. Das Beunruhigende daran: Sie standen alle auf. Im Gang war es totenstill.

Langsam tasteten wir uns zu den ersten Türen vor, die nach nur wenigen Metern links und rechts von dem Gang abgingen. Die Räume dahinter waren dunkel. Irgendjemand nahm sich eine Íllampe von der Wand und leuchtete in den rechten Raum hinein. Wir sahen in ein gemütlich eingerichtetes Patientenzimmer, auf dessen Bett eine reglose Gestalt lag. Als wir uns vorsichtig näherten, erkannten wir, dass es sich um Leonard handelte - der Mann, der bei unserer Ankunft Mrs. Stevens-McCormmick angegriffen hatte. Er schlief. Wir verlie?en leise den Raum und zogen die Tür ins Schloss (die Sicherheitstüren konnten im geschlossenen Zustand nur von au?en geöffnet werden und besa?en au?erdem eine kleine Klappe in Kopfhöhe, durch die man in die Zimmer hineinsehen konnte. Zusätzlich konnte man die Türen auch noch abschlie?en). Die Tür war mit der Nummer "K3" beschriftet.

Nun wandten wir uns nach links, der offenen Sicherheitstür mit der Nummer "K1" zu. Auch hier leuchteten wir vorsichtig mit der Íllampe hinein - und erstarrten vor Schreck! Auch dieses Patientenzimmer wäre gemütlich eingerichtet gewesen, hätte nicht an der Wand, die von der Tür aus links zu sehen war, ein riesiger Blutfleck geprangt. Auch der Boden vor dem Fleck war voller Blut. Die Mitte des Flecks war jedoch wei?: Hier war der Putz von der Wand gebröckelt oder geschabt worden. Auf dem Bett daneben sa? ein Mann und starrte ins Leere. Beim Anblick seiner Arme und Hände packte uns das nackte Grauen: Seine Arme waren von Schnittwunden übersät und von seinen Fingerkuppen hing das Fleisch in Fetzen herab. Die obersten Fingerglieder bestanden nur noch aus den blanken Knochen! Offenbar hatte der Mann mit seinen blo?en Händen den Putz von der Wand geschabt!

Eingefügtes Bild

Nachdem wir unsere Fassung wiedererlangt hatten, eilte ich nach oben, um Dr. Tiller zu holen. Dieser griff sich gleich seine Arzttasche und wir rannten wieder nach unten. Als er die Bescherung sah, musste auch er schlucken, aber dann versorgte er den Verletzten so gut es ging. Er trug auf die Arme und Hände des Patienten eine Salbe auf und bandagierte sie, dann legte er ihn auf das Bett. Der Mann war offensichtlich in einer Art katatonischem Zustand, jedenfalls regte er sich nicht und brachte auch keinen Ton hervor. Danach begab sich Dr. Tiller wieder nach oben, um weiter auf die Frau in der Bibliothek aufzupassen.

Pater Benedict starrte lange und nachdenklich auf den gro?en Blutfleck an der Wand, so als ob ihm irgendetwas daran merkwürdig vorkommen würde - nicht, dass ein Blutfleck solchen Ausma?es nicht schon merkwürdig genug wäre. Ich sah auch genauer hin: Irgendjemand hatte mit seinem Finger ein äu?erst wirres Linienmuster durch das Blut gezogen, noch bevor der Putz entfernt worden war. "Können Sie sich das erklären?", fragte ich den Pater. "Nein", antwortete dieser nach kurzem Zögern. "Nein, leider nicht." Irgendwie schien ihn seine eigene Antwort nicht zufriedenzustellen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er log.

Als ich den Raum nach Spuren absuchte, fiel mir an dem Teppich vor dem Fleck noch etwas Merkwürdiges auf: Die obersten Spitzen der Fasern des Teppichs schienen flächenweise leicht angesengt zu sein, als ob sie von gro?er Hitze gerade so eben gestreift worden wären. Darauf konnte sich niemand einen Reim machen. Nachdem wir die Untersuchung des Raumes beendet und ansonsten nichts Auffälliges entdeckt hatten, gingen wir wieder auf den Gang hinaus und zogen die Tür ins Schloss.

Nach diesem schaurigen Erlebnis fragte ich mich, was uns in den nächsten Patientenzimmern noch erwarten würde. Mir brach der kalte Schwei? aus, aber uns blieb ja nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubei?en und weiterzumachen, wenn wir wissen wollten, was hier los war. Also riss ich mich zusammen und ging mit den anderen weiter den Gang entlang. Als nächstes folgte auf der rechten Seite die Tür mit der Aufschrift "K4". Mit dem schlimmsten rechnend leuchteten wir in das Zimmer hinein: Ein weiteres Patientenzimmer mit einem Himmelbett und einem Schminktisch, also offenbar dasjenige einer Frau, aber niemand darin. Gott sei Dank! Wir mutma?ten, dass es sich um das Zimmer der Dame aus der Bibliothek handeln könnte, aber sicher sein konnten wir uns natürlich nicht. Fehlte nur noch "K2", das auf der linken Seite folgte. Dieses Zimmer war sogar bis auf ein Bettgestell vollkommen leer. Auch diese beiden Türen zogen wir zu. Es folgten noch ein Badezimmer, eine unbelegte Gummizelle, zwei weitere Heizungsräume und ein weiterer, gut gefüllter Kohlebunker, dann endete der Gang an einer verstärkten, verschlossenen Tür, an der wir nicht weiter kamen. Wie es schien, war nur der Patiententrakt unterkellert, der Wohntrakt nicht.

Nach allem, was wir bis hierher gefunden hatten, hielten wir es nach kurzer Beratung für angemessen, die Tür zu Dr. Brewers vermeintlichem Büro im Obergeschoss aufzubrechen. Wir machten uns auf den Weg nach oben.

Fortsetzung in Teil 4: Brewers Büro

#9 Halvar

Halvar

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Geschrieben 22. Mai 2008 - 20:45

Teil 4a: Brewers Büro

Forsetzung Session 06.10.2007

Als Expertin für Fu?tritte lie? es sich Lady Gordon nicht nehmen, einen ersten solchen gegen die verschlossene Tür von Dr. Brewers vermeintlichem Büro zu richten. Wäre die Tür ein Mensch gewesen, hätte dieser Tritt richtig weh getan, aber da Türen bekannterma?en keine besonders empfindlichen Stellen besitzen, sondern nur mit roher Gewalt aufzubrechen sind, erreichte sie au?er einem lauten Krachen nichts. Ich bot mich an, diese rohe Gewalt zur Verfügung zu stellen und wollte es als nächster versuchen. Ich legte mein ganzes Gewicht in den Tritt und die Tür flog auf.

Wir hatten ja bereits befürchtet, dass Dr. Brewer ebenfalls Opfer des Mörders geworden war, und somit rechneten wir mit einer weiteren Leiche. Der Anblick, der sich uns in Dr. Brewers Büro bot, übertraf jedoch unsere schlimmsten Befürchtungen bei Weitem: Der Mörder hatte den Schreibtisch und die Stühle ans Fenster geschoben, um in der Mitte des Raumes Platz zu schaffen. Das, was von Dr. Brewer übrig war, lag dort auf dem blutdurchtränkten Teppich. Durch seine Hände und Fü?e waren dicke Nägel in den Fu?boden getrieben worden, Kopf, Arme und Beine waren abgehackt. Den Torso hatte der Mörder geöffnet und den Inhalt gleichmä?ig im ganzen Raum verteilt. Sein Darm hing sogar in Form einer Girlande von der Decke. Alles war voller Blut, der ganze Raum ein einziges Schlachthaus.

Es roch wie in einer Metzgerei. Ich japste nach Luft und musste mich am Türrahmen abstützen. Den anderen erging es nicht besser: Auch Pater Benedict wankte bedenklich und Mrs. Stevens-McCormmick schrie entsetzt auf. Am schlimmsten war Lady Gordon betroffen: Sie taumelte zurück an die Wand, setzte sich auf den Boden und begann zu würgen.

Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefangen hatten. Lady Gordon schleppte sich in das gegenüber liegende Badezimmer und Pater Benedict und ich begannen damit, uns vom Türrahmen aus im Raum umzuschauen. Neben dem Schreibtisch befanden sich noch eine Bücherwand, ein Aktenschrank und ein Safe in dem Büro. Au?erdem führte linkerhand eine weitere Tür in ein angrenzendes Zimmer, das wir noch nicht kannten. Zunächst einmal untersuchte ich aber den Boden vor der Tür auf Fu?spuren hin und fand tatsächlich einige blutige Schuh-Abdrücke, die von Dr. Brewers Leichnam zur Tür hin führten, dort aber plötzlich aufhörten und sich nicht im Gang fortsetzten.

In der einen Hand meine Elefantenbüchse bewegte ich mich sachte nach links in den Raum hinein auf den Aktenschrank zu, wobei ich versuchte, so viel Abstand zwischen mir und Dr. Brewer wie möglich zu halten. Der Schrank hatte vier Hängeregister-Schubladen. Ich öffnete die oberste und fand darin vier Personalakten: Catherine Ames (Krankenschwester), Bobby Birch (Krankenpfleger), Melba Carson (Zimmermädchen) und Charles Johnson (Krankenpfleger). Ich gab die Namen laut bekannt und wir stellten mit Verwunderung fest, dass es keine Akte mit dem Namen "Blanche" gab. Entweder fehlte die Akte oder die Dame, die uns die Tür geöffnet hatte, gehörte überhaupt nicht zum Personal (oder hatte uns einen falschen Namen genannt).

Die zweite Schublade offenbarte mir die Unterlagen der Buchführung des Sanatoriums. Da ich diese als nicht sonderlich relevant für unsere momentane Situation einstufte, öffnete ich gleich die dritte Schublade: Patientenakten! Fünf Hängeregister, die folgenderma?en beschriftet waren, boten sich meinem Auge:
  • E1: Blanche Goddard Richmond
  • E2: Colonel Crandall Billings
  • E3: (leer)
  • E4: Henry Adam Barber
  • E5: Cecil Randolph
Hier hatten wir unsere Blanche! Da es sich bei ihr offenbar um eine der Patientinnen handelte, die zudem über den "Unfall" im Wohnzimmer Bescheid gewusst hatte, kamen wir zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich mit den Morden irgendwie in Verbindung stand. Die Codierung der Akten mit E1 bis E5 deutete auf Zimmer im Erdgeschoss hin, denn im Keller hatten wir ja bereits Patientenräume mit den Nummern K1 bis K4 entdeckt. Colonel Billings befand sich also im Erdgeschoss. Des Weiteren schürte dies meine Hoffnung, in der vierten Schublade die entsprechenden Akten der Patienten im Keller zu finden. Ich öffnete sie, und tatsächlich:
  • K1: Allen Harding
  • K2: (leer)
  • K3: Leonard Hawkins
  • K4: Darlene
Die Akten selbst waren äu?erst umfangreich und in einer schwer entzifferbaren Handschrift geschrieben - sie komplett zu lesen, würde längere Zeit in Anspruch nehmen.

Pater Benedict hatte inzwischen den Schreibtisch in Augenschein genommen und einen Brief darauf entdeckt, den Dr. Brewer wohl gerade im Begriff zu verfassen gewesen sein muss, bevor er seinem Mörder begegnet war. Er las ihn laut vor:

Brief auf Dr. Brewers Schreibtisch
Der Brief ist an einen "Herausgeber" gerichtet, offenbar denjenigen einer Zeitschrift. Brewer beschwert sich darin über einige negative Leserbriefe, die scheinbar als Reaktion auf einen seiner Artikel veröffentlicht worden sind. Er stellt klar, dass seine Arbeit rein experimenteller und spekulativer Art sei und er keine Behauptungen aufstellen würde. Des Weiteren wird in dem Brief ausgeführt, dass er inzwischen weitere Experimente durchgeführt hätte, die seine Beobachtungen zu bestätigen scheinen. Der Brief rei?t mitten im Satz ab.


?ber die in dem Brief erwähnten Experimente wollten wir natürlich mehr wissen, also untersuchten wir zunächst die Bücherwand. Au?er der zu erwartenden umfangreichen Fachliteratur über Psychologie und einer Sammlung vieler Ausgaben des Journal of the British Psychological Society befanden sich dort auch auffallend viele Bücher über ?gyptologie. In einem dieser Bücher fand Pater Benedict einen Zeitungsausschnitt, der Dr. Brewer wohl als Lesezeichen gedient hatte:

Zeitungsausschnitt "Archäologische Entdeckung"
In dem Zeitungsartikel wird von der Entdeckung von Tempelruinen und Steinstatuen in der Nähe des "Tals der Könige" in ?gypten berichtet. Der erste Fund war eine Stele zu Ehren der Prinzessin Annephis, die etwa 1400 v. Chr. einen Feind in die Flucht geschlagen haben soll. Bei diesem Feind soll es sich um Plünderer der Hyksos oder um ein "geheimnisvolles Seevolk" gehandelt haben.


Der Safe enthielt mit Sicherheit auch noch einige interessante Dinge, aber dieser war natürlich geschlossen und mit einem Zahlenschloss versehen. Ohne die richtige Kombination würden wir hier nicht weit kommen, also wandten wir uns dem Schreibtisch zu.

Pater Benedict und ich schoben den Schreibtisch vorsichtig von der Wand, um an die Schubladen heranzukommen. Ich öffnete die linken beiden und fand ein Tagebuch (offenbar von Dr. Brewer, da es in der gleichen Handschrift geschrieben war wie der Brief) und ein dickes Schlüsselbund. Der Weg ins Erdgeschoss war frei! Pater Benedict nahm sich die rechten beiden vor. In der ersten fand er nur Schreibutensilien, aber aus der zweiten zog er plötzlich einen Revolver. "Kann den jemand brauchen?" fragte er unverhohlen in die Runde und hielt die Waffe dabei in die Höhe. Trotz allem, was ich an diesem Tag schon gesehen hatte, war der Kirchenmann, der mit einer Schusswaffe herumwedelte, der mit Abstand absurdeste Anblick. Mrs. Stevens-McCormmick, die sich zwischenzeitlich wieder im Türrahmen eingefunden hatte, war offenbar ähnlich perplex: Wir tauschten verständnislose Blicke aus. Schlie?lich nahm sie die Waffe, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie sie wirklich haben oder nur diese seltsame Situation beenden wollte. Ich bin zwar kein Theologe, aber einen solch unverfänglichen Umgang mit Waffen hätte ich einem christlichen Mönch unter keinen Umständen zugetraut. An dem Mann war offenbar mehr dran als es den Anschein hatte.

Wie auch immer, mich interessierte noch das angrenzende Zimmer, dessen Zugang sich hier offenbart hatte. Ich machte meine Waffe bereit, öffnete die Tür und sah in einen fensterlosen Raum. Im Licht der Íllampe tauchten lediglich Schrankwände an drei Seiten der kleinen Kammer auf, sowie ein leerer Tisch in der Mitte. Einen nach dem anderen öffnete ich die Schranktüren und fand massenweise Medikamente, Verbandszeug und andere medizinische Utensilien vor. Wir hatten die Apotheke gefunden, den letzten noch verbliebenen uns unbekannten Raum im Obergeschoss.

Wir entschlossen uns, den gesamten Inhalt des Aktenschranks und das Tagebuch mit nach unten zu nehmen, um alles genauer zu studieren. Das Schlüsselbund nahm ich an mich. Als Pater Benedict und ich mit den Aktenstapeln den Raum verlie?en, trafen wir auf Lady Gordon, die im Gang gewartet hatte, ohne sich einen weiteren Blick in Brewers Büro antun zu wollen. Als sie unsere blutverschmierte Kleidung sah, fing sie jedoch augenblicklich wieder an zu würgen und Dr. Stevens-McCormmick musste sie wieder ins Badezimmer zurück begleiten. Mit leicht schlechtem Gewissen ob meiner Unachtsamkeit setzte ich den Weg in die Bibliothek fort. Dort angekommen berichteten wir Dr. Tiller von Dr. Brewers Tod, wobei wir ihm jedoch die grausamen Einzelheiten ersparten. An den gefundenen Patientenakten zeigte er sich jedenfalls sehr interessiert.

Pater Benedict und Lady Gordon zogen es auch vor, sich mit den Akten zu beschäftigen, anstatt weiter das Haus zu untersuchen. Vielleicht hatten sie auch einfach nur genug zerstückelte Leichen für einen Tag gesehen und wollten nicht riskieren, einer weiteren zu begegnen. Dafür hatte ich zwar Verständnis, aber ich konnte mich nicht mit der Idee anfreunden, mich unter diesen Umständen hinzusetzen und Akten zu studieren, auch wenn diese vielleicht für uns interessant sein könnten. Au?erdem wollte ich wissen, wie es Colonel Billings ging. Als ich mein Vorhaben verkündete, das Haus weiter zu untersuchen, schloss sich mir unerwarteterweise die reizende Mrs. Stevens-McCormmick an.

Es erschien uns jedoch zu riskant, nur zu zweit den direkten Weg durch das Foyer ins Erdgeschoss zu nehmen. Immerhin wussten wir, dass sich hier höchstwahrscheinlich Blanche aufhalten würde und eventuell auch der Mörder - wenn es sich nicht ohnehin um die gleiche Person handelte. Also begaben wir uns in den Keller und setzten unsere Untersuchung am Gangende fort, wo uns zuvor die verschlossene Tür aufgehalten hatte. Ich suchte den passenden Schlüssel heraus, dann schloss ich die Tür auf. Dahinter verbarg sich lediglich ein kleiner Lagerraum mit einer gro?en Schrankwand, aber um eine Ecke herum führte eine Treppe nach oben, offenbar ins Erdgeschoss. Eine kurze Untersuchung des Schranks erbrachte au?er Haushaltsgegenständen, diversen Werkzeugen und Wandfarben nichts. Wie es schien, war uns damit auch der Keller komplett bekannt.

Vorsichtig bewegten wir uns die Stufen hinauf. Ich ging voran, die Elefantenbüchse im Anschlag, während Mrs. Stevens-McCormmick die Íllampe hielt. Oben öffnete sich die Treppe in eine Waschküche hinein. Als erstes fiel uns rechterhand eine offene Tür auf, die offenbar nach drau?en führte - der Hintereingang. Kühle Nachtluft wehte herein. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, dass die Tür nicht offen stand, sondern komplett fehlte. Die Angeln hingen abgerissen im Türrahmen.

Dann sah ich die Frau. Ich hatte sie nicht sofort bemerkt, da sie auf dem Boden sa? und sich nicht rührte. Sie trug die Arbeitskleidung eines Zimmermädchens, sa? mit dem Rücken an einen Wäschetrockner gelehnt direkt vor der zerborstenen Tür und starrte ins Leere.

Ich wollte mich ihr nähern, um sie anzusprechen, dann hielt ich jedoch plötzlich inne. Was war mit ihren Beinen los? Mir wurde schwindelig. Mrs. Stevens-McCormmick, die hinter mir die Treppe heraufgekommen war, stie? einen Schrei aus und hastete auf den letzten Absatz zurück. Zum Glück lie? sie die Lampe nicht fallen. Ich starrte nach wie vor gebannt auf die Beine des Zimmermädchens. Wie in Trance ging ich zu ihr hin, um mir die Sache genauer anzusehen. Die Haut und das Fleisch waren bis auf die Knochen zusammengeschrumpelt. Der Anblick erinnerte mich an eine ägyptische Mumie. Ein kurzes Stück der Oberschenkel war noch normal, dann gingen die Beine in diesen furchtbaren Zustand über, ohne dass eine offene Wunde oder Blut zu sehen war. Ich konnte mir absolut nicht erklären, wie sie sich diese Verletzungen zugezogen haben könnte.

Fortsetzung in Teil 4b

#10 Halvar

Halvar

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Geschrieben 22. Mai 2008 - 20:47

Teil 4b: Brewers Büro (Fortsetzung)

Forsetzung Session 06.10.2007

Ich sah mich um. Genau gegenüber der aus den Angeln gerissenen Tür befand sich eine verstärkte Tür wie im Foyer, die offenbar von der anderen Seite in den Gang mit den Patientenzimmern im Erdgeschoss führte. Wenn man eine direkte Linie zwischen der zerborstenen Au?entür und dieser verstärkten Tür ziehen würde, dann hätten die Beine der Frau diese Linie genau gekreuzt. Also, um mal ein wenig zu spekulieren: Hätte sich irgendetwas oder irgendjemand aus dem Gang nach drau?en bewegt, und zwar möglicherweise so schnell, dass dabei die Hintertür herausgerissen wurde, dann hätte dieses Etwas oder dieser Jemand die Beine der Frau gekreuzt, und zwar genau dort, wo sie ihre Verletzungen hatte. Die verstärkte Tür, die vermutlich in den Gang führte, war aber geschlossen und völlig intakt. Au?erdem wäre in dem Fall merkwürdig, dass die Frau bereits auf dem Boden gesessen haben müsste, bevor sie verletzt wurde. Aus welchem Grund hätte sie sich aber genau dort hinsetzen sollen? Wieder einmal stand ich vor einem Rätsel.

Jedenfalls lebte die Frau noch und wir mussten ihr dringend helfen. Ich ging zurück zu Mrs. Stevens-McCormmick. Glücklicherweise hatte sie sich wieder so weit gefangen, dass sie sich in der Lage sah, das Zimmermädchen mit mir zusammen zu tragen. Wir beschlossen, sie in eines der Schlafzimmer im Obergeschoss des Foyers zu bringen und dann Dr. Tiller hinzuzuziehen. Da keiner von uns die verdorrten Beine anfassen wollte, griffen Mrs. Stevens-McCormmick und ich jeweils unter einen Arm des offensichtlich traumatisierten Mädchens und hoben es vorsichtig an. Mit einem Geräusch, als würden zwei morsche ?ste brechen, lösten sich ihre Beine von den Oberschenkeln und blieben an Ort und Stelle liegen. Ich wei? bis heute nicht, wie Mrs. Stevens-McCormmick und ich es geschafft haben, in diesem Moment nicht schreiend davonzulaufen, aber irgendwie behielten wir die Fassung und trugen die Frau die Treppe hinunter, ohne noch einen Blick auf ihre Beine zu werfen.

Als wir schlie?lich in einem der Schlafzimmer angekommen waren, legten wir das Zimmermädchen hin und deckten es zu. Dann eilte ich in die Bibliothek, um Dr. Tiller zu holen. Auch dieser hatte solche Verletzungen noch nie gesehen und konnte sich auch nicht erklären, was sie verursacht haben könnte. Er behandelte sie so gut es ging, dann kehrten wir wieder alle in die Bibliothek zurück.

Wir beratschlagten, wie weiter vorzugehen sei. Wenn man nach den Personalakten ging, dann hatten wir die beiden Krankenpfleger Bobby Birch und Charles Johnson noch nicht gefunden. Womöglich lebten sie noch und waren verletzt. In diesem Fall durften wir keine weitere Zeit mehr verlieren. Wir versammelten uns im Foyer vor der Tür zum Patiententrakt. Es war an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Fortsetzung in Teil 5: Das Erdgeschoss

#11 Halvar

Halvar

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Geschrieben 22. Mai 2008 - 20:51

Aufgrund der Zeichenbegrenzung für Beiträge auf 12345 Zeichen musste ich diesen Teil in a und b aufteilen, au?erdem taucht hier erstmalig das Problem mit den Handouts auf. Ich habe sie zu ihrem jeweiligen Fundzeitpunkt in Quotes gesetzt und hoffe, dass das so in Ordnung ist. Falls aber jemand eine bessere Idee hat, dann immer raus damit.

#12 Halvar

Halvar

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Geschrieben 24. Mai 2008 - 06:39

Teil 5: Das Erdgeschoss

Fortsetzung Session 06.10.2007

Abgesehen von Dr. Tiller, der sich weiter in der Bibliothek mit den Patientenakten beschäftigen wollte, versammelten wir uns vor der Tür zum Patiententrakt im Erdgeschoss. Ich machte meine Doppelbüchse bereit und Lady Gordon suchte den passenden Schlüssel an dem Bund, das wir in Dr. Brewers Büro gefunden hatten, drehte ihn vorsichtig im Schloss herum und drückte die Klinke herunter. Während wir in der Erwartung, gleich von einem Patienten oder dem Mörder angefallen zu werden, den Atem anhielten, öffnete Lady Gordon leise die Tür.

Der Anblick, der sich uns bot, glich dem im ersten Stock: Ein von heruntergedrehten Íllampen schwach erleuchteter Gang, am gegenüber liegenden Ende die verstärkte Tür, die in die uns bereits bekannte Waschküche führte. Auch hier befanden sich wieder mehrere Türen an den Wänden, von denen einige offen standen, au?erdem konnten wir erkennen, dass der Gang sich direkt hinter dem Eingang rechterhand fortsetzte und zu einem kleinen Raum öffnete, in den uns momentan jedoch noch der Blick verwehrt war. Es herrschte Totenstille.

Nach einigen Sekunden gespannten Wartens wagten wir uns den ersten Schritt vor und warfen zuerst einen Blick in den Raum, der sich rechterhand öffnete. Dort befanden sich ein Schreibtisch und ein Stuhl, auf dem einer der Pfleger sa?. Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, was an diesem Bild nicht stimmte: Der Stuhl des Pflegers war zum Fenster hin gedreht, also von uns weg, nichtsdestotrotz starrte er uns mit leeren Augen an - sein Kopf war vollständig nach hinten gedreht. Wieder einmal verspürte ich Lust, schreiend davonzulaufen. Auch den anderen ging dieser erneute Leichenfund nahe, wie ich an den bleichen Gesichtern erkennen konnte, jedoch behielten glücklicherweise alle die Fassung. Wahrscheinlich waren wir inzwischen abgestumpft genug, um solche Bilder besser ertragen zu können - ich wei? es nicht.

Direkt gegenüber des toten Pflegers, in der linken Wand des Ganges befand sich die erste geschlossene Tür. Da sie keine Kennung als Patientenzimmer trug, erwarteten wir hier keine Gefahr, und tatsächlich erwies sich der dahinter liegende Raum als Abstellkammer. Eine ähnliche geschlossene und nicht gekennzeichnete Tür in der rechten Wand des Ganges verbarg einen geräumigen Putzschrank mit Waschbecken. Beide Räume waren fensterlos.

Nun näherten wir uns jedoch der ersten offenen Tür auf der linken Seite, bei der es sich um eine Sicherheitstür handelte, und welche die Kennung "E1" trug - das Zimmer von Blanche. Vorsichtig lugten wir hinein und schauten in einen kleinen, aber gemütlich eingerichteten Raum, dessen Mobiliar aus einem gro?en Schrank mit integriertem Schreibtisch, einem Sofa und einem Bett bestand. Das Zimmer war sogar mit einem eigenen kleinen Badezimmer samt Toilette und Duschkabine ausgestattet. Das einzige, das die heimelige Atmosphäre etwas störte, war das vergitterte Fenster. Blanche war auch da: Sie lag auf dem Bett und schlief. Auf dem Schreibtisch entdeckten wir ein weiteres Schlüsselbund, das Blanche offenbar benutzt und dann dort abgelegt hatte.

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Nach kurzer Absprache schlich ich mich ins Zimmer hinein und konnte das Schlüsselbund an mich nehmen, ohne Blanche zu wecken. Als ich mich jedoch umdrehte, um mich wieder leise aus dem Raum heraus zu bewegen, musste sie etwas bemerkt haben: Plötzlich schreckte sie hoch und stie? einen Schrei aus. Ich stürzte aus dem Zimmer und schlug die Tür zu, die man ja so glücklicherweise nur von au?en öffnen konnte. Im Nu war Blanche an der Tür und trommelte mit ihren Fäusten gegen das Holz. "Lasst mich raus!", schrie sie dabei mehrere Male hysterisch. Wir suchten den passenden Schlüssel heraus, schlossen die Tür sicherheitshalber auch noch ab, und atmeten erst einmal erleichtert auf: Falls Blanche tatsächlich die Mörderin war, dann sa? sie jetzt in der Falle! Wir hofften nur, dass der Lärm niemanden sonst geweckt hatte.

Mit Schlüsselbund und Elefantenbüchse bewaffnet näherten wir uns der schräg gegenüber liegenden Tür, welche die Kennung "E4" trug und somit von dem uns noch unbekannten Patienten namens "Henry Adam Barber" bewohnt sein musste. Auch dieses Zimmer war ähnlich gemütlich eingerichtet und ausgestattet wie das von Blanche. Auf dem Bett, das sich von der Tür aus gesehen rechterhand befand, lag eine Gestalt. Als wir vorsichtig in das Zimmer hinein leuchteten, hob sie den Kopf und zischte: "Verschwinden Sie! Und machen Sie gefälligst die Tür zu, bei dem Krach kann ja kein Mensch schlafen!"

Das lie?en wir uns nicht zweimal sagen. Wir zogen die Tür zu und schlossen sie ab, dann wandten wir uns wieder dem Gang zu. Als nächstes folgte auf der linken Seite das Patientenzimmer "E2", in dem laut den Akten Colonel Billings untergebracht sein sollte. Tatsächlich sa? er dort auch in einem Rollstuhl und starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Ich stellte mich vor ihn und begrü?te ihn, überglücklich, dass er offenbar unversehrt war. Leider reagierte er überhaupt nicht auf mich und starrte nur durch mich hindurch, als wäre ich unsichtbar. Als ich mich mit vollem Rang und Namen vorstellte und vor ihm salutierte, schien er kurz aus seinem Dämmerzustand zu erwachen - er hob den Kopf und schaute mich an. Dann jedoch riss er auf einmal beide Arme in die Höhe und schrie: "Zum Angriff!"

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In diesem Moment erst bemerkte ich, dass sich Colonel Billings völlig eingenässt hatte. Mich überkam eine tiefe Betroffenheit und Trauer. Das war also aus dem Mann geworden, den ich während meiner Ausbildung schätzen gelernt und dem ich meine gesamte militärische Laufbahn zu verdanken hatte: ein sabbernder Greis, der nicht mehr alleine auf die Toilette gehen konnte. Ich war mit der Hoffnung hierher gekommen, dem Colonel noch irgendwie helfen zu können, vielleicht indem ich ihn wieder an ein paar alte Geschichten erinnern würde, aber wie sollte das bitte funktionieren, wenn er nicht in der Lage war, sich auch nur auf einfachste Weise zu artikulieren und wahrscheinlich noch nicht einmal verstand, was man ihm sagte? Mit einer Mischung aus Mitleid und grenzenloser Enttäuschung führte ich Colonel Billings ins Badezimmer, wusch ihn ab und wechselte seine Hosen. Als ich das Bad wieder mit ihm verlie?, hatte irgendjemand den Rollstuhl gesäubert und den Boden aufgewischt. Wir legten den Colonel auf sein Bett, deckten ihn zu und lie?en ihn schlafen. Dann verlie?en wir das Zimmer und schlossen die Tür ab.

Ich versuchte, mich wieder zusammenzurei?en - hier warteten schlie?lich noch ganz andere Dinge, zum Beispiel die letzte noch verbliebene Patientin. Wir folgten weiter dem Gang bis zur nächsten Tür auf der rechten Seite: "E5" - laut Akten das Zimmer von Mrs. Cecil Randolph. Noch während wir uns der Tür näherten, ertönten auf einmal Schreie aus dem Raum - eine weibliche Stimme schrie um Hilfe. Wir stürmten die letzten Meter bis zur Tür, da kam uns die Patientin auch schon völlig panisch entgegen. Sie schrie irgendetwas von Fledermauswesen, die sie vor ihrem Fenster gesehen haben wollte. Wir redeten zunächst beruhigend auf die Frau ein, dann führten wir sie zurück in ihr Zimmer. Ich ging ans Fenster und sah nichts als Dunkelheit. Zum Glück konnten wir die Frau beruhigen und schlossen sie schlie?lich ebenfalls ein.

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Das letzte Patientenzimmer, "E3", enthielt dann tatsächlich nur noch ein Bettgestell, wie nach den Patientenakten zu erwarten war. Damit hatten wir auch das Erdgeschoss komplett erkundet.

Wir kehrten in die Bibliothek zurück und berichteten Dr. Tiller von unseren Entdeckungen. Dieser merkte an, dass es von äu?erster Wichtigkeit wäre, so schnell wie möglich die Patientenakten zu studieren, da die Kranken wahrscheinlich bestimmte Medikamente benötigen würden und ihren Leiden entsprechend behandelt werden müssten. Dem stimmten wir zu, wollten jedoch zunächst eine andere Sache klären: Da wir nur einen Krankenpfleger tot vorgefunden hatten, rätselten wir über den Verbleib des zweiten. Zunächst war da die Frage nach der Identität - um diese zu klären, durchsuchten wir gründlich alle Schlafzimmer im Obergeschoss sowie den Schlafraum im Keller, fanden jedoch keine eindeutigen Hinweise. Eine Merkwürdigkeit fiel uns jedoch dabei auf: In dem Zimmer mit dem Doppelbett, welches wir als jenes von Dr. Brewer vermuteten, befand sich unter dem Bett ein Paar abgetragener Hausschuhe, die eindeutig einer Frau zuzuordnen waren. Wir konnten uns nicht erklären, wem diese Schuhe wohl gehören würden - nach unserem Kenntnisstand war Dr. Brewer Junggeselle.

Mehr Erfolg hatten wir aber zumindest bei jener Dame, die nach wie vor in der Bibliothek sa? und beharrlich in ihrem Buch weiterlas. Da wir Mrs. Randolph und Blanche in ihren jeweiligen Zimmern angetroffen hatten, konnte es sich bei ihr nur noch um Darlene handeln, denn weitere weibliche Patienten gab es nicht. So konnten wir auch sie auf ihr Zimmer führen und einschlie?en - natürlich nicht ohne ihr Buch.

Nach diesen ganzen Aufregungen stellten wir fest, dass uns doch gehörig der Magen knurrte. Wir richteten ein schnell improvisiertes Abendessen her, dann schnappte sich schlie?lich jeder eine Akte und wir begannen zu lesen - es hätte ohnehin niemand ruhig schlafen können.

Es war kurz nach Mitternacht, als Pater Benedict plötzlich aufhorchte. "Da war irgendwas", sagte er, ging zum Fenster und öffnete es. Jetzt konnten wir es alle hören: Da schrie jemand!

Irgendwo auf der Insel schrie ein Mann um sein Leben.

Fortsetzung in Teil 6: Die erste Nacht

#13 Halvar

Halvar

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Geschrieben 25. Mai 2008 - 00:15

Teil 6a: Die erste Nacht

Fortsetzung Session 06.10.2007

"Der Ornithologe!", stie? Mrs. Stevens-McCormmick hervor. Als sie in vier fragende Gesichter blickte, ergänzte sie: "Das muss der Ornithologe sein!"

Es vergingen einige Sekunden, in denen jeder darauf wartete, dass jemand anders etwas sagte. Pater Benedict hielt es als erster nicht mehr aus: "Was für ein Ornithologe?"

"Auf der Insel lebt ein Ornithologe", erklärte Mrs. Stevens-McCormmick schlie?lich. "Er hat ein Zelt auf dem Strand im Norden der Insel und geht dort seinen Forschungen nach. Vielleicht ist er das."

"Jedenfalls braucht er Hilfe", sagte ich und ärgerte mich darüber, dass Mrs. Stevens-McCormmick dieser Ornithologe erst jetzt wieder eingefallen war. Ich griff nach meiner Elefantenbüchse. "Wer kommt mit?"

"Ich", sagte Pater Benedict, dann herrschte Stille. Wie sich herausstellte, war den anderen die Sache zu gefährlich. Sie zogen es vor, weiter die Akten zu studieren.

Nur der Pater und ich? Kurz erwog ich, die anderen aufzufordern, uns zu begleiten, aber das hätte wahrscheinlich nur Diskussionen verursacht, für die jetzt keine Zeit war. Der Pater organisierte sich noch eine Íllampe aus dem Foyer, dann traten wir aus dem Haupteingang, wo uns die stockdunkle Nacht begegnete. Die geringe Leuchtkraft der Íllampe war zwar eigentlich ein gro?er Nachteil für uns, sorgte jedoch auf der Eingangstreppe dafür, dass dem Pater wenigstens der Anblick von Ebenezers gespaltenem Schädel erspart blieb. Wir folgten den immer heftiger werdenden Schreien hinter das Sanatorium, wo ein Trampelpfad ins Inselinnere zu führen schien.

Wir folgten dem Pfad so schnell es unsere magere Beleuchtung zulie?. "Was ist das?", fragte Pater Benedict plötzlich, und dann sah ich es auch: Am Horizont, vermutlich am anderen Ende der Insel, erhellte ein rötliches Leuchten den Nachthimmel. "Keine Ahnung, vielleicht ein Schiff?", antwortete ich. Wir eilten noch einige Schritte weiter, dann traf der Pfad, auf dem wir uns befanden, in einem 90 Grad-Winkel auf einen anderen Pfad. "Links oder rechts?", fragte der Pater. Die Schreie kamen von uns aus gesehen aus nordöstlicher Richtung, das Leuchten war jedoch in nordwestlicher Richtung zu sehen. "Rechts", antwortete ich, "um das Leuchten können wir uns später kümmern."

Gesagt, getan. Der Pfad beschrieb einen weiten Linksbogen und führte schlie?lich genau auf die Schreie zu. Wir waren schätzungsweise 100 Meter weit gekommen, als sie erstarben. Wir hielten inne und lauschten - Stille. "Verdammt, was sollen wir jetzt machen?", fragte ich den Pater. Jetzt noch weiter zu gehen, erschien mir zu riskant, da wir nun jederzeit auf den Mörder treffen konnten, ohne vorgewarnt zu sein. Stattdessen würden wir durch unsere Schritte und noch viel mehr durch den Schein unserer Íllampe eher ihn vorwarnen. Pater Benedict sah das wohl ähnlich. "Schauen wir uns das Leuchten an", antwortete er.

Wir kehrten um, eilten den Pfad zurück bis zur Weggabelung und gingen dann geradeaus weiter. Wie sich herausstellte, machte der Pfad einen weiten Rechtsbogen und führte dann genau auf den rötlichen Schein zu. Wir konnten noch erkennen, dass das Leuchten irgendwo auf der Insel seinen Ursprung haben musste, dann wurde es jedoch schwächer und verging schlie?lich ganz. Wieder waren wir nur etwa 100 Meter weit gekommen. Ich fluchte. Pater Benedict und ich entschlossen uns, zum Sanatorium zurückzukehren, jedoch mit der festen Absicht, die Insel morgen bei Tageslicht einer genaueren Erkundung zu unterziehen. Frustriert berichteten wir den anderen in der Bibliothek von unseren mageren Ergebnissen.

Wenigstens hatten die anderen bereits einige der Akten durchgearbeitet. Lady Gordon hatte die Akte von Blanche gelesen und berichtete nun, dass diese extrem paranoid sei und unter schwerem Verfolgungswahn litt. Andauernd würde sie von ihren drei erwachsenen Kindern sprechen, die hinter ihrem Vermögen her seien. Blanche hatte tatsächlich einmal drei Kinder, jedoch hatte sie diese bereits in jungen Jahren im Wahn ermordet. Grundsätzlich galt Blanche aber im Sanatorium als ungefährlich. Aus den Akten ging hervor, dass sie weitgehende Bewegungsfreiheit besa? und sogar die Schlüssel für die Küche hatte, wo sie auch flei?ig aushelfen durfte.

Mrs. Stevens-McCormmick hatte die Patientenakte von Allen Harding gelesen, dem Mann, der sich die Fingerkuppen abgeschabt hatte. Sie konnte uns berichten, dass es sich bei ihm um einen besessenen Lyriker handelt, der als hoffnungsloser Fall eingestuft wurde und unter starken Beruhigungsmitteln gehalten werden musste:

Patientenakte Allen Harding

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Nach der Veröffentlichung seiner ersten und bisher einzigen Lyriksammlung verschwand Harding spurlos für sechs Monate, die er vermutlich im Alkohol- und Drogenrausch verbracht hatte. Bei seinem Auffinden war er zwar wach, sein Körper befand sich jedoch in einem Starrezustand.

Sein Verstand ist derartig zerüttet, dass eine herkömmliche Therapie unmöglich ist. Durch Hypnose kann man bei ihm jedoch eine andere, fremde Persönlichkeit zutage fördern, die zwar nicht sehr mitteilsam ist, aber wenn sie spricht, dann mit einer sehr tiefen, klugen und einnehmenden Stimme. Sie zieht es vor, keine Fragen zu beantworten, sondern stattdessen Prophezeiungen über die Ankunft von "Ihm, der wartet" zu äu?ern.


Dr. Tiller schlie?lich hatte die Akte von Darlene studiert. Er teilte uns mit, dass die Dame nicht nur unter Autismus, sondern auch unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung und einer kompletten, irreversiblen Amnesie litt:

Patientenakte Darlene

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Darlene wurde aufgegriffen, während sie nackt in der Innenstadt von Boston herumlief. Bis heute ist es nicht gelungen, ihre Identität zu ermitteln, noch nicht einmal ihren Familiennamen.

Herkömmliche Therapien erwiesen sich bei ihr als wirkungslos, unter Einfluss von Hypnose und einer Zusammenstellung verschiedener Drogen öffnet sie sich jedoch. Bei wiederholten Behandlungen erhielt man so Kontakt zu insgesamt 27 Persönlichkeiten, wovon einige nur ein Mal, andere mehrmals auftauchten. Die interessanteste davon ist jene der ägyptischen Prinzessin Annephis, die vor mehr als 3.000 Jahren gelebt haben soll. Als jene zeigt Darlene ein erstaunliches Wissen über das alte ?gypten und sagte sogar die Entdeckung von König Tutenchamuns Grab voraus, nachdem sie in der Zeitung gelesen hatte, dass eine Expedition dieses Gebiet untersuchen wollte.

Da die Aussagen von "Annephis" sich sehr mit jenen von Harding während dessen "besessenen" Phasen und Hawkins während dessen Tobsuchtsanfällen gleichen, wertet Dr. Brewer dies als Beweis für seine Theorie von einem tief verwurzelten Urmythos, der einem kollektiven Unterbewusstsein entspringt.


Die Zusammensetzung des Drogencocktails, mit der man bei Darlene die anderen Persönlichkeiten zum Vorschein bringen konnte, war ebenfalls in der Akte beschrieben. Dr. Tiller sah sich durchaus imstande - vorausgesetzt, die entsprechenden Ingredienzien lie?en sich hier irgendwo auftreiben - diesen herzustellen und der Patientin gegebenenfalls zu verabreichen. Ich war sehr zuversichtlich, dass wir die entsprechenden Ingredienzien im Medikamentenraum finden würden, war jedoch auch der ?berzeugung, dass wir derartige Experimente nur im äu?ersten Notfall durchführen sollten. Momentan jedenfalls sah ich dafür nicht den geringsten Anlass, und so hielt ich meinen Mund.

Inzwischen waren alle reichlich müde geworden, jedoch wollte niemand alleine schlafen. In Anbetracht der letzten Ereignisse konnten wir uns keineswegs in Sicherheit wähnen. Wir entschlossen uns zu der etwas unorthodoxen Vorgehensweise, gemeinsam in der Bibliothek zu nächtigen, und zwar abwechselnd, damit immer jemand wach war und gegebenenfalls Alarm schlagen konnte. Zu diesem Zweck holten wir drei Matratzen aus den Schlafzimmern im ersten Stock und legten sie in der Bibliothek aus. Da ich am nächsten Tag relativ früh aufstehen wollte, um die Insel zu erkunden, legte ich mich als erstes hin, während die anderen weiter Akten studierten. Pater Benedict wollte nur noch die Akte von Leonard Hawkins beenden und sich dann auch hinlegen.

Fortsetzung in Teil 6b

#14 Halvar

Halvar

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Geschrieben 25. Mai 2008 - 00:16

Teil 6b: Die erste Nacht (Fortsetzung)

Fortsetzung Session 06.10.2007

2. Tag

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lagen der Pater und Mrs. Stevens-McCormmick neben mir und Dr. Tiller hatte sich auf der Couch ausgestreckt. Nur Lady Gordon war noch wach - wie sich herausstellte, hatte sie die ganze Nacht Akten gelesen. Dabei hatten sie noch die folgenden Erkenntnisse gewonnen:

Zunächst hatte Pater Benedict die Akte von Leonard Hawkins beendet und berichtet, dass dieser sich für einen Propheten halten würde und einen enormen Hass auf alle Frauen entwickelt hätte:

Patientenakte Leonard Hawkins

Bis zu seinem Zusammenbruch führte Hawkins ein völlig normales Leben. Nachdem er eine Woche lang bewusstlos war, zeigte er nach seinem Erwachen Anzeichen akuter Paranoia und konnte nicht einmal seine Frau wiedererkennen. Während der kommenden zwei Monate erholte er sich jedoch weitestgehend.

Kurz nachdem er wieder angefangen hatte, in seinem Beruf als Buchhalter zu arbeiten, schloss er sich einer Sekte ultra-konservativer Baptisten an. Seine Familie brachte er auch dazu, sich der Sekte anzuschlie?en, au?erdem versuchte er, seine Kollegen zu missionieren. Zwei Wochen später trat er jedoch aus der Sekte aus und begann, auf der Stra?e zu predigen. Er zog aus seinem Haus aus, verlor seinen Arbeitsplatz und wurde kurze Zeit später festgenommen, nachdem er mehrere Polizisten attackiert hatte.

Seit seine Frau ihn ins Sanatorium eingewiesen hat, schwelt in ihm ein gewalttätiger Hass auf alle Frauen, insbesondere seine Ehefrau. Er predigt weiter von der "Ankunft, derer die warten", ist jedoch nicht bereit, zu verraten, woher er dieses Wissen hat.


Zusätzlich ging aus der Akte hervor, dass sein ursprünglicher Zusammenbruch von einer Kopfverletzung herrührte und er an einer Herzschwäche litt.

Bevor Mrs. Stevens-McCormmick sich hingelegt hatte, hatte sie das Tagebuch von Dr. Brewer durchgelesen und dabei eine interessante, aber auch etwas beunruhigende Stelle gefunden:

Tagebuch von Dr. Brewer

Brewer schreibt in seinem Tagebuch, dass ein Bekannter von ihm namens "Jameson" in London ein sehr altes Buch gefunden hat, bei dem es sich um die Kopie einer Handschrift handelt, die im 15. Jahrhundert von einem spanischen Mönch angefertigt wurde. Es enthält die fiebrigen Ergüsse eines Wahnsinnigen, der von der Inquisition zum Tode verurteilt wurde, wobei jedoch einiges mit dem übereinstimmt, was Brewers Patienten unter Hypnose von sich geben. Brewer hatte dieses Buch bereits erhalten und bestätigt diese ?bereinstimmungen. Des Weiteren zeigt er sich sehr beeindruckt von den Persönlichkeiten, die seine Patienten unter dem Einfluss von Hypnose und Drogen annehmen.


Lady Gordon selbst schlie?lich hatte sich nach Blanches Akte mit sämtlichen Dokumenten des Personals beschäftigt. Demnach handelte es sich bei dem toten Pfleger, den wir im Erdgeschoss an seinem Schreibtisch vorgefunden hatten, um Bobby Birch, und bei dem Pfleger, den wir noch vermissten, um Charles Johnson. Ausgerechnet in der Personalakte von Letzterem hatte sie ein interessantes Schreiben gefunden:

Empfehlungsschreiben für Charles Johnson

Das Schreiben ist an Dr. Brewer persönlich gerichtet, jedoch nicht unterzeichnet. Der unbekannte Verfasser lobt Johnson in den höchsten Tönen und erwähnt dabei, dass neben seiner Grö?e und Stärke die eigenen Jahre in einer Anstalt Johnson offenbar besonders für diesen Beruf qualifizieren.


Merkwürdig war an dem Schreiben nicht nur die ungewöhnliche Handschrift, sondern auch die Tatsache, dass es nicht unterzeichnet und der Verfasser damit für uns nicht zu ermitteln war. Wer bitte setzt ein Empfehlungsschreiben auf und unterzeichnet es dann nicht, und wer bitte akzeptiert ein solches Schreiben? Selbst wenn Dr. Brewer den Urheber der Zeilen vielleicht gekannt hatte - was die persönliche Anrede in dem Schreiben vermuten lie? - so erschien mir dies doch höchst unprofessionell. Die Tatsache, dass dieser Charles Johnson offenbar selbst einmal als Patient in einer Anstalt eingesessen hatte, lie? ihn auch nicht gerade vertrauenswürdiger erscheinen. Wenn man nun noch die Andeutungen auf seine Körpergrö?e und -kraft hinzunahm, zeichnete sich ab, dass unser wahnsinniger Serienmörder wohl noch frei auf der Insel umherlief. Das gefiel mir ganz und gar nicht.

Wie dem auch sei, Lady Gordon hatte noch etwas anderes zu berichten: Kurz, nachdem ich eingeschlafen war, hatten sie alle gehört, wie ein Geräusch verstummt war, dessen Existenz sie vorher so gar nicht richtig wahrgenommen hatten, da es anscheinend die ganze Zeit schon zu hören gewesen war. So richtig erklären konnten sie es sich nicht, aber es hatte sich um ein leises Brummen gehandelt, das mit einem Mal gestoppt hatte. Nachdem das Geräusch verstummt war, hatten sie festgestellt, dass der Strom weg war, woraus sie schlussgefolgert hatten, dass es sich offenbar um eine Art Generator oder etwas ähnliches gehandelt haben musste. Jedenfalls gab es jetzt kein flie?endes Wasser mehr und wahrscheinlich war auch die Heizung aus.

Ich kam zu dem Schluss, dass dies wohl ein Grund mehr sei, um sich die Insel mal etwas genauer anzusehen, und weckte den Pater.

Fortsetzung in Teil 7: Auf Erkundungstour

#15 Halvar

Halvar

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Geschrieben 26. Mai 2008 - 06:58

Teil 7a: Auf Erkundungstour

Fortsetzung Session 06.10.2007

Pater Benedict wollte sich gerade frisch machen, als wir einen gellenden, panikerfüllten Schrei aus dem Obergeschoss vernahmen. Mrs. Stevens-McCormmick und Dr. Tiller schreckten aus dem Schlaf und wir stürmten nach oben. Wie sich herausstellte, kam der Schrei aus dem Zimmer, in das wir Melba Carson, das Zimmermädchen aus der Waschküche, gebettet hatten. Offensichtlich war sie erwacht. Als wir die Tür in ihr Zimmer aufrissen, lag sie starr auf dem Bett, Mund und Augen weit aufgerissen, die Hände an ihre Brust gekrallt. Dr. Tiller konnte nur noch ihren Tod feststellen. "Vermutlich ein Herzinfarkt, der durch eine Panikattacke ausgelöst wurde", stellte er nüchtern fest.

Deprimiert über diesen neuerlichen Todesfall stiegen wir die Stufen ins Foyer wieder hinab. "Was sollen wir jetzt machen?", fragte ich. "Nun, zunächst einmal müssen wir die Patienten versorgen", antwortete Dr. Tiller. Wie sich herausstellte, hatte niemand von uns Erfahrung im Umgang mit Kranken oder verstand etwas von deren Pflege. Wir entschlossen uns daher, Blanche aus ihrem Zimmer zu befreien - vielleicht könnte sie uns wenigstens in der Küche behilflich sein, da sie dies laut ihrer Akte ja früher auch schon getan hatte. Ich lud meinen Colt und folgte Dr. Tiller in den Patiententrakt, die anderen warteten derweil in der Bibliothek, um die Dame nicht allzu sehr zu beunruhigen.

Als Dr. Tiller die Klappe in der Tür zu Blanches Zimmer öffnete, um die Lage zu sondieren, dauerte es nicht lange, bis sie dies bemerkte und wieder mit ihren Fäusten gegen die Tür trommelte. "Lasst mich raus!", schrie sie dabei, offenbar völlig hysterisch. Dr. Tiller versuchte, beruhigend auf die Frau einzureden, und konnte damit zumindest erreichen, dass sie sich von der Tür entfernte. Ich verbarg meine Waffe so gut es ging vor ihren Blicken und öffnete das Schloss. Kaum war die Tür auf, stürzte Blanche auf uns zu und versuchte, sich an uns vorbeizudrängen. Dr. Tiller und ich traten ihr jedoch in den Weg und konnten sie aufhalten. Immer noch schimpfte sie auf uns ein und verlangte, freigelassen zu werden. Dr. Tiller meinte, er könne versuchen, mit ihr eine therapeutische Sitzung abzuhalten, um sie wieder zu beruhigen, also führten wir Blanche ins Behandlungszimmer im Obergeschoss. Oben angekommen hatte sie sich wieder so weit beruhigt, dass sie bereit war, mit Dr. Tiller zu sprechen. Also lie? ich die beiden allein und begab mich wieder in die Bibliothek.

Wie sich herausstellte, kam ich genau richtig, denn Lady Gordon hatte soeben die Akte von Henry Adam Barber beendet. Sie konnte uns berichten, dass es sich bei ihm um den einzigen Sohn der Familie, der die Barber Paper Company gehört, handelt - ein 28-jähriger, suizidgefährdeter Transvestit, der ein hochgradig asoziales Verhalten an den Tag legt. Bei ihrem Vortrag fielen Lady Gordon bereits fast die Augen zu, so dass sie sich genötigt sah, sich in eines der Gästezimmer im Obergeschoss zurückzuziehen, ohne noch das Frühstück abzuwarten. Wir wünschten ihr eine gute Nacht.

Nunmehr sa? ich also mit Mrs. Stevens-McCormmick und Pater Benedict allein in der Bibliothek und wir schauten noch einmal die gefundenen Dokumente durch, während wir darauf warteten, dass Dr. Tiller seine Sitzung mit Blanche beendete. Mrs. Stevens-McCormmick las zum wiederholten Male den unvollendeten Brief, den wir auf Dr. Brewers Schreibtisch gefunden hatten, dann fragte sie in die Runde: "Was halten Sie eigentlich davon, wenn wir mal nachschauen, ob wir den Artikel, der ja offensichtlich der Stein des Ansto?es für diesen Disput zwischen Dr. Brewer und dessen Kollegen war, oben in seinem Büro suchen? Theoretisch müsste er ja in einer der letzten Ausgaben des Journal of the British Psychological Society erschienen sein - und diese befinden sich ja alle oben in dem Bücherregal." Ich stimmte zu und Pater Benedict meinte, dass er sich die Bücher von Dr. Brewer sowieso noch einmal genauer anschauen wollte. Ich begleitete die beiden nach oben, da ich bei Dr. Tiller und Blanche nach dem Rechten sehen wollte. Nachdem ich mich mit einem Blick durch die Tür zum Behandlungszimmer vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war, ging ich wieder zurück in die Bibliothek und wartete.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis Dr. Tiller und Blanche die Treppe herunterkamen. Blanche hatte sich offenbar wieder beruhigt und sich sogar dazu bereit erklärt, das Frühstück für uns und die Patienten herzurichten. "Allerdings brauche ich die Schlüssel, damit ich von meinem Zimmer in die Küche komme", warf sie ein. Ich blickte zu Dr. Tiller und dieser nickte kurz. Da ich Blanche aber nicht das ganze Schlüsselbund anvertrauen wollte, löste ich die Schlüssel für die Küche und ihr eigenes Zimmer von dem Bund und überreichte ihr diese. Ich sagte ihr, dass wir die Sicherheitstür im Erdgeschoss tagsüber für sie offen stehen lassen würden. Mit den Worten "Gut, ich mach' dann jetzt mal Frühstück, wird ja eh höchste Zeit" verschwand sie in die Küche.

In diesem Moment kehrten auch Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick zurück. Sie hatten den Artikel von Dr. Brewer tatsächlich gefunden. Wir begaben uns alle in die Bibliothek und Mrs. Stevens-McCormmick las uns die interessanteste Stelle vor:

Artikel von Dr. Brewer im Journal of the British Psychological Society

Dr. Brewer berichtet in dem Artikel von Experimenten, die er mit drei Testpersonen, die er mit den Buchstaben A bis C benennt, durchgeführt hat. Alle drei Testpersonen wurden von ihm unter starke Drogen gesetzt und dann hypnotisiert. Testperson A zeigte keine Reaktionen, Testperson B nahm eine andere, sehr dominante Persönlichkeit an, und Testperson C offenbarte mehrere Persönlichkeiten, von denen eine zur Zeit der ägyptischen Pharaonen gelebt haben soll. Die Experimente hatte Dr. Brewer offenbar durchgeführt, um seine Theorie von einem kollektiven Unterbewusstsein zu untermauern.


Als wir den Artikel mit den Patientenakten verglichen, so wurde uns recht schnell klar, dass es sich bei Testperson A um Leonard Hawkins, bei Testperson B um Allen Harding und bei Testperson C um Darlene handeln musste. Das machte auch Sinn, wenn man bedachte, dass genau diese drei im Keller untergebracht waren, alle anderen Patienten dagegen im Erdgeschoss.

Der feine Dr. Brewer hatte also seine Patienten unter Drogen gesetzt, um Beweise für seine wirre Hypothese von einem "kollektiven Unterbewusstsein" zu sammeln. Ich hoffte blo?, dass er das mit Colonel Billings nicht auch versucht hatte. Zugegebenerma?en fand ich es durchaus bemerkenswert, dass alle drei Personen unter Drogeneinfluss den gleichen Unsinn verzapft hatten, aber daraus eine Theorie von einer unterbewussten "Ur-Mythologie" herleiten zu wollen, die allen Menschen gemein ist, erschien mir doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Kein Wunder, dass sich seine Kollegen darüber ziemlich respektlos geäu?ert hatten.

"Ich habe auch etwas gefunden", riss mich Pater Benedict aus meinen Gedankengängen und hielt mir ein kleines, schwarzes Büchlein hin. "Ein Gedichtband, steckte zwischen den anderen Büchern in Brewers Regal", ergänzte er. Ich fragte mich, was an einem Gedichtband besonderes dran sein sollte, aber dann las ich, wer der Autor war: Allen Harding. "Hm", machte ich und hob eine Augenbraue, "glauben Sie, das hilft uns irgendwie weiter?" - "Keine Ahnung, aber ich werde mal ein bisschen darin schmökern", antwortete der Pater und steckte das Buch ein.

"Frühstück ist fertig!", tönte es aus der Küche. Es war Zeit, die Patienten zu holen. Wir teilten uns in zwei Zweiergrüppchen auf und klapperten die Zimmer nacheinander ab, bis alle Patienten mit ihren jeweiligen Medikamenten versorgt und frisch gemacht waren - so gut dies ohne Wasser möglich war - und am Tisch sa?en. Zum Glück fragte niemand nach Dr. Brewer oder dem anderen Pflegepersonal, ansonsten hätten wir ihnen zu dem eher dürftigen Frühstück auch noch irgendeine Lügengeschichte auftischen müssen.

Nachdem die Mahlzeit beendet war, brachten wir die Patienten nach dem gleichen Schema wieder in ihre Zimmer zurück, dann nahmen sich Dr. Tiller die Akte von Cecil Randolph und Mrs. Stevens-McCormmick die Buchführungsunterlagen des Sanatoriums vor, während Pater Benedict und ich endlich zu unserer geplanten Insel-Expedition aufbrechen konnten.

Als wir vor die Tür traten, begrü?ten uns das typisch südenglische, diesige Wetter und ein wolkenverhangener Himmel. Wir schauten uns um und stellten fest, dass die Insel nicht allzu gro? sein konnte. Wenn man die Landzunge, auf der das Sanatorium errichtet worden war, als Südspitze definierte (was wir mangels eines Kompasses leider nicht überprüfen konnten), dann bestanden die West-, Süd- und Ostküste aus mehr oder weniger hohen, aber sehr steilen Klippen, die direkt aus dem Meer ragten. Nach Norden hin schien sich das Gelände abzuflachen, allerdings konnten wir dieses Gebiet noch nicht einsehen. Die Mitte der Insel wurde von einem dichten Wäldchen dominiert, dessen Ausdehnung nach Norden hin wir ebenfalls noch nicht abschätzen konnten. In nordwestlicher Richtung befand sich ein weiteres kleines Wäldchen, au?erdem standen ein paar Bäume direkt beim Sanatorium. Ein Blick über das Wasser zeigte uns weder ein Schiff, noch war das Festland auszumachen.

Pater Benedict und ich begaben uns auf den Trampelpfad, den wir bereits letzte Nacht genommen hatten, und wandten uns dann an der Abzweigung nach links. Wir marschierten etwa eine halbe Stunde den Pfad entlang, bis wir die nordwestliche Spitze der Insel erreichten. Zu unserer gro?en ?berraschung fanden wir hier einen kleinen Leuchtturm vor, der bisher von dem nordwestlichen Wäldchen verdeckt gewesen war. Als wir näher traten, erkannten wir, dass der Turm komplett aus Metall bestand und offenbar nicht mehr in Betrieb war - das Glas des Leuchtfeuers war zerschmettert. Der einzige Zugang bestand aus einer metallenen Tür auf Bodenhöhe, ansonsten waren in dem Turm keine weiteren Íffnungen zu erkennen. Trotz des eher verfallenen Zustands klopften wir erst an der Tür und warteten ein paar Minuten, bevor wir versuchten, sie zu öffnen - vergeblich. Die Tür war abgeschlossen.

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Fortsetzung in Teil 7b




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