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Ingame Tagebuch und Zeitungsartikel der laufenden Kampagne

Spielbericht Tagebuch ingame Berge des Wahnsinns Spoiler

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25 Antworten in diesem Thema

#16 Azrael

Azrael

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Geschrieben 30. April 2014 - 21:18

Und weiter geht´s! Wir stehen kurz vor dem Überflug der Berge, ich bin so aufgeregt. ;-)

 

(ACHTUNG SPOILER) ----------------------------------------------------------

 

 

Reisetagebuch Raymond Harsen 

Donnerstag, 30.11.1933

Ich erwachte in dem improvisierten Schlafraum, den Jenkin und ich uns nach dem Unfall mit dem Sendemast in unserem Transportflugzeug eingerichtet haben. Das Laudanum, das mir Dr. Greene gestern verabreichte, hat mich in einen langen, gleichwohl jedoch wenig erholsamen Schlaf versetzt. Ich träumte von dem Schiffswrack, das wir auf der Fahrt zur Ross-See gesichtet haben. In meinem Traum bin ich in einem kleinen Boot von der „Gabrielle“ hinübergerudert, während die Männer unserer Besatzung an der Reling standen und mir zusahen. Das Wrack in meinem Rücken löste in mir ein Gefühl von großer Nervosität aus, so dass ich mich immer wieder dazu gezwungen sah, über meine Schulter zu blicken. Als ich endlich den Bug des Schiffes erreichte stellte ich fest, dass es sich nicht etwa um ein von Eis überzogenes Schiff handelte. Nein, das Schiff selbst bestand komplett aus Eis. Trotzdem kletterte ich daran empor und setze schließlich einen Fuß auf das Vorderdeck. In diesem Moment begannen die Besatzungsmitglieder, mir lautlosen, beinahe spöttischen Applaus zu spenden. Dann kam ich zu mir.
Ich fühle mich immer noch sehr erschöpft und ausgelaugt, habe Schwierigkeiten damit, mich zu konzentrieren. Manchmal könnte ich schwören, aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen, doch sobald ich meine Aufmerksamkeit darauf richte, ist nichts zu entdecken. Ebenso bin ich mir hin und wieder sicher, seltsame Geräusche zu hören. Mal ist es ein schwaches Summen, wie von einer elektrischen Leitung, dann wieder ein sanftes Kratzen, wie Nägel auf einer Schiefertafel, das mir jedes Mal durch Mark und Bein geht. Keiner der anderen scheint die Geräusche zu hören, und ich fürchte mich davor, mich jemandem anzuvertrauen. Selbst Jenkin sieht mich seit gestern so eigenartig an wenn er sich sicher scheint, dass ich es nicht bemerke. Womöglich halten sie mich ja alle schon für wahnsinnig und ich ende in Fesseln, wie die beiden armen Gestalten aus Lexingtons Expedition. Aber nein, so kann und will ich nicht denken!
Beim Frühstück meinte Prof. Moore, dass ich noch immer sehr mitgenommen und fahrig auf ihn wirken würde. Deshalb hat er mir für heute leichten Dienst verordnet und mich mit der Katalogisierung der Fundstücke beauftragt, die wir gestern aus den Zelten geborgen haben. Mir ist das sehr recht, um nichts in der Welt möchte ich mich den Zelten nähern, in denen vielleicht noch mehr von den scheußlichen Dingern begraben liegen. Dr. Greene bat mich, im Lauf des Tages einmal bei ihm vorbeizuschauen. Der feine Herr Doktor glaubt wohl, in mir ein passendes Objekt für seine Seelenklempnerei gefunden zu haben.
Mit der Katalogisierung kam ich nur sehr langsam voran. Einerseits, weil es mir sehr unangenehm war, die oftmals mit Blut verschmierten Gegenstände auf Hinweise zu untersuchen. Andererseits aber auch, weil mein Konzentrationsvermögen offenbar stärker angegriffen ist, als ich bisher bereit war, mir einzugestehen. Beim Schreiben war ich plötzlich wie weggetreten. Als ich wieder zu mir kam, waren nach meiner Uhr mehr als 20 Minuten vergangen. Das Absonderlichste war jedoch, dass ich in dieser wohl unbewusst weitergeschrieben habe. Mehrere Seiten waren dicht mit meiner Schrift gefüllt, doch die Worte waren seltsam verdreht und ergaben keinen Sinn. Vertauschte Buchstaben und Sätze, die in Fragmente zerrissen über mehrere Zeilen, scheinbar wahllos, verteilt waren. Ich habe mich tief erschrocken und die Seiten hastig aus dem Notizbuch gerissen. Später habe ich sie in einem der Öfen im Messezelt verbrannt. Besser, wenn niemand Wind davon bekommt!
Die schwarze Flüssigkeit, die wir auf vielen Kleidungsstücken fanden, scheint zu den seltsamen Dingern zu gehören. Zumindest ist sich Dr. Bryce da recht sicher, auch wenn er ansonsten mit seinem Latein am Ende zu sein scheint. Er sagte mir, dass er diese Wesen nach keiner der gängigen Normen der Botanik oder Zoologie zuordnen könne. Pflanzen scheinen es nicht zu sein, aber auch keine Tiere. Am ehesten würde er sie als Seekreaturen bezeichnen, doch auch das ist bestenfalls annähernd korrekt. Es hat wohl auch nicht wirklich geholfen, als ich ihm von den seltsamen Spuren erzählte, die Jenkin in den Zelten fand und die von den Dingern zu stammen schienen. Für ihn ist das völlig ausgeschlossen, eine schlüssige und überzeugende Erklärung für die Spuren konnte er aber auch nicht liefern.
Derweil arbeiteten Jenkin und Prof. Moore weiter an der Freilegung der übrigen Zelte. Unterbrochen wurden sie dabei von der Landung dreier Flugzeuge, die Teil der deutschen Expedition zum Südpol sind. Deren Leiter, ein gewisser Dr. Johann Meyer, stellte sich uns zusammen mit zwei seiner Kollegen dann auch gleich vor. Sowohl Dr. Meyer als auch Dr. Uhr und Dr. Rielke machten einen höflichen Eindruck, aber meine alte Abneigung gegen Deutsche brach sich mal wieder Bahn. Ich kann mir einfach nicht helfen, aber nach meinen Erfahrungen im Krieg bringe ich diesem Volk kein Vertrauen mehr entgegen. Zwar reden viele Menschen davon, dass sich unter diesem neuen Reichskanzler Hitler in Deutschland vieles zum Besseren wandelt und die Deutschen sich auf friedlichem Wege ihren Platz in der Gemeinschaft der Völker suchen wollen, aber ich kann das nicht so recht glauben. Zu martialisch ist das Auftreten von diesem Mann und seinen Braunhemden, zu häufig wird in Berlin vom „Versailler Schandfrieden“ gesprochen. Schmitt, einer der Schriftsetzer beim „Tattler“, ist erst vor zwei Jahren aus Deutschland ausgewandert und hat mir einmal von dem Terror berichtet, den Hitlers NSDAP und ihre Schlägertrupps gegen politisch Andersdenkende und jüdische Mitbürger vom Zaun brechen. Ich denke, dass wir alle gut beraten sind, wenn wir die Deutschen und ihren neuen, starken Mann an der Spitze genau im Auge behalten.
Genau das habe ich dann auch, mit Zustimmung von Prof. Moore, getan. Dr. Meyer gab unumwunden zu, dass er und seine Leute sich auch für Lake's Funde interessieren und Grabungen vornehmen wollen. Also habe ich mich mit einem Fernglas in Dr. Greenes Zelt zurückgezogen und von dort den Aufbau des deutschen Lagers, westlich von unserer Position, mitverfolgt. Sie scheinen hervorragend ausgestattet zu sein und erledigen ihre Arbeiten mit großer Effizienz und Ordnung. Da Meyer an uns alle eine offene Einladung ausgesprochen hat, das Lager zu besuchen, habe ich mich dort dann auch etwas genauer umgesehen und konnte dabei eine Kladde erbeuten, die zusammen mit den abgefangenen Funksprüchen darauf schließen lässt, dass Lexington offenbar mit den Deutschen gemeinsame Sache macht. Das erklärt dann auch, warum sie so pünktlich zum Beginn der Bohrarbeiten hier aufgetaucht sind. Prof. Moore war davon recht beunruhigt.
Zwischendurch war ich dann auch noch bei Dr. Greene, der mir eine ordentliche Portion seiner so genannten Psychoanalyse angedeihen ließ. Auf sein Geschwätz, mit dem er vor allem seiner intellektuellen Eitelkeit schmeicheln will, gebe ich keinen Schuss Pulver. Aber das Laudanum, das er mir zur Beruhigung verordnet hat, sollte mir zumindest beim Schlafen helfen.

Freitag, 01.12.1933

Heute habe ich, auf Anordnung von Prof. Moore, das Hilfsangebot der Deutschen angenommen und wir arbeiteten gemeinsam an der Freilegung der drei Flugzeugunterstände, die Lake’s Leute angelegt hatten. Interessanterweise richten sich die Deutschen hier nicht nach der Antipoden-Zeit, sind also genau 12 Stunden versetzt zu uns und arbeiten, während wir schlafen. Da mein Schlafrhythmus durch das Laudanum ziemlich aus den Fugen geraten ist, war ich die logische Wahl für die Aufgabe. Mit der technischen Ausrüstung der Deutschen gelang es uns auch, die Eispanzer um die Flugzeuge in mehrstündiger Arbeit abzutragen…nur um dort weitere grausige Funde zu machen. Wieder fanden wir die Überreste von Schlittenhunden, die jemand (oder etwas?) furchtbar zugerichtet hat. Einem wurde das komplette Fell abgezogen, einem anderen der Schädel geöffnet und das Gehirn entfernt. Eingeweide lagen wahllos zerstreut umher. Eine makabre, schauerliche Szenerie, die sich unserem Anblick bot. Auch die Deutschen wirkten schockiert und besorgt.
Als wir weiter suchten, fanden wir am Boden immer wieder rote Flecken, die von Salzresten umgeben waren. Ich konnte mir darauf zunächst keinen Reim machen, doch Dr. Meyer wies darauf hin, dass wohl jemand die Kadaver der Hunde mit Salz bedeckt hat. Aber wozu? Wollten die Männer etwa Vorräte anlegen? Sie mussten doch noch ausreichend Proviant bei sich gehabt haben. Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf stießen wir schließlich im dritten Unterstand auf ähnliche Blut- und Salzspuren, die jedoch in Form und Größe nicht zu den Kadavern der Hunde passten. Vielmehr schienen sie menschenartige Umrisse zu formen. Was ist hier geschehen? Kam es unter Lake’s Männern zum Kannibalismus? So abscheulich der Gedanke ist, es wäre nicht die erste Polarexpedition, bei der sich derartiges ereignet. Ich habe Berichte über die Expedition von Adolphus Washington Greely und das „Jeanette“-Unternehmen von George Washington DeLong gelesen, bei denen es wohl in der größten Verzweiflung zu kannibalistischen Handlungen gekommen war. Aber es kann nicht sein, dass sich hier so etwas abgespielt hat. Lake und seine Männer waren nur kurze Zeit hier, sie hatten Proviant und hätten sich kaum zu dieser Abscheulichkeit hinreißen lassen. Es muss dafür eine andere Erklärung geben, auch wenn wir sie jetzt noch nicht sehen können.
Ich hatte nach unseren Entdeckungen erstmals das Gefühl, dass die Eiseskälte der Antarktis nun auch von meinem Innersten Besitz ergreift. Bisher habe ich sie als gefährlichen, lebensfeindlichen Ort wahrgenommen, doch nun kann ich mich nicht länger gegen den Eindruck wehren, dass hier etwas durch und durch Böses am Werke ist. Ich kann meine Empfindungen nicht recht in Worte fassen, doch ein starkes Gefühl von Einsamkeit und Verzweiflung legt sich wie ein schwerer Mantel um meine Schultern. Oder so will es mir zumindest scheinen.
Dr. Meyer war erstaunlich gefasst und bat mich, Prof. Moore zu wecken und herbeizuholen. Als der Professor und ich zurückkehrten, überreichte Meyer uns einen Text, den er als die vollständige Version von „Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“ bezeichnete. Ich kenne die Erzählung von E. A. Poe noch aus meiner Studienzeit, eine in der Tat merkwürdige Geschichte über die Irrfahrten eines jungen Seemannes, den es auch in die Südpolargegend verschlägt und die merkwürdig abrupt endet. Dr. Meyer bat uns, die vollständige Version zu lesen, danach würden wir klarer sehen und er will sich dann erneut mit uns besprechen. Damit verließen er und seine Leute den Unterstand und verschwanden in Richtung ihres Lagers.
Ich fürchte, dass ich auch diese Nacht keine Ruhe finden werde. Aber vielleicht ist das auch besser so. Wer weiß schon, welcher Schrecken in den finsteren Ecken meines Verstandes darauf wartet, dass ich unvorsichtig meine Augen schließe…


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#17 Azrael

Azrael

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Geschrieben 23. Juni 2014 - 08:14

Endlich konnten wir die Sache mal wieder anpacken. :) Viel Spaß beim Lesen.

 

(ACHTUNG SPOILER) ----------------------------------------------------------

 

 

Reisetagebuch Raymond Harsen 

Samstag, 02.12.1933 

Ich verbrachte die Nacht damit, das Ende des Pym-Textes zu lesen, das mir Dr. Meyer gab. Es ist eine bizarre Fantasterei, anders kann ich es nicht beschreiben. Von Höhlensystemen ist dort die Rede, die mit einer Art Grubenbahn befahren werden. Von seltsamen Eingeborenen, die europäische Seefahrer als Sklaven gefangen halten und sie seltsamen Monstern als Opfer darbringen. Warum uns Meyer das alles zu lesen gab bleibt mir rätselhaft. Prof. Moore ist davon überzeugt, das der Deutsche diesen Text für bare Münze nimmt. Ein beunruhigender Gedanke. 

Wieder fand ich nur mit Hilfe des Laudanums ein wenig Ruhe. Als ich mich nach dem Aufwachen zum ersten Mal seit einigen Tagen im Spiegel betrachtete, bin ich tatsächlich ein wenig erschrocken und betastete unwillkürlich mein Gesicht mit meinen Fingern, als müsste ich mich davon überzeugen, dass wirklich ich es bin, der mir da entgegenblickt. Meine Haut ist von ungesunder Blässe, beinahe wächsern. Die Wangen sehen eingefallener aus als sonst, dunkle Ringe haben sich unter den Augen gebildet, die mich matt und unstet anblicken. Tiefe Falten haben sich um Mund und Augen in mein Gesicht gegraben. Ich habe mich schon länger nicht mehr rasiert, die Bartstoppeln sind inzwischen mehrheitlich grau-weiß. Die gleiche Entdeckung machte ich bei meinem Haupthaar. Macht diese Expedition mich etwa noch vor meiner Zeit zum Greis? Mein Blick verrät die große Erschöpfung und Apathie, die ich seit Tagen fühle. Dazu kommt die nahezu vollständige Appetitlosigkeit, mit der ich mich herumschlage. Dr. Greene hält sie für eine Nebenwirkung des Laudanums und hat mir ein Vitamintonikum dafür gegeben. Das Fläschchen muss hier irgendwo sein, ich werde es später suchen. 

Heute Morgen erschien mir die Bergkette, in deren Schatten wir unser Lager aufgeschlagen haben, noch etwas bedrohlicher und massiver als zuvor, beinahe so, als wäre sie über Nacht näher an uns herangerückt. Ein absurder Gedanke, ich weiß … und trotzdem ertappte ich mich auf dem Weg zum Messezelt mehrmals dabei, wie ich nervös über meine Schulter zu den zerklüfteten Graten hinter mir blickte. 

Prof. Moore verkündete uns beim Frühstück, dass für Montag nun auch endgültig der Überflug über die Gebirgskette und die Erkundung des dahinter liegenden Hochplateaus geplant war. Natürlich blieb es wieder an uns hängen, die Beladung der Flugzeuge anhand der vorgegebenen Listen zu prüfen. Wer auch immer diese Listen erstellt hat, er muss ein rechter Stümper gewesen sein! Ted bemerkte recht schnell, dass die Gewichtsberechnung für ein anderes Flugzeugmuster gemacht worden war und wir über eine Tonne Gewicht zu viel an Bord hatten. 

Am Nachmittag hätte die „Belle“, das Flugzeug der Lexington-Expedition, beinahe eine Bruchlandung erlitten. Offenbar war der Sauerstoff, den die Besatzung an Bord benutzte, verunreinigt und hat den Piloten aus seiner Konzentration gerissen. Man könnte es als ein düsteres Omen für unseren bevorstehenden Flug auffassen, wenn man dergestalt veranlagt wäre. Jenkin überprüfte daraufhin unsere Sauerstoffflaschen und stellte tatsächlich bei vielen eine ähnliche Verunreinigung fest. Als ich Prof. Moore damit konfrontierte, verstieg er sich in die üblichen Floskeln und Durchhalteparolen, die er mir schon in der Vergangenheit aufgetischt hatte. Ich habe meinen Posten als „Sicherheitsbeauftragter“ (Oh, was für eine bittere Ironie!) mit sofortiger Wirkung aufgegeben. Es reicht, ich bin es endgültig leid! 

Nachmittags dann auch eine weitere Therapiesitzung mit Dr. Greene, die sich recht unerfreulich entwickelte. Der elende Quacksalber möchte das Laudanum absetzen und mir weitere Kostproben seiner Seelenklempnerei angedeihen lassen. Die intellektuelle Eitelkeit trieft ihm aus jeder Pore, wenn er sich wie ein schlechter Possenreißer mit überschlagenen Beinen auf seinem Stuhl niederlässt 

und mir Fragen zu meinen Ängsten und Empfindungen stellt, während er gleichzeitig betont wichtig mit gespitzten Lippen in sein Notizbuch kritzelt. Manchmal werde ich dabei so wütend, dass ich am liebsten aufspringen und ihm seine eitle Visage polieren würde. Was würde Dr. Freud wohl dazu sagen, hm? Aber leider ist er meine einzige Quelle, die mich mit Laudanum versorgt. Ich habe diesmal besonders aufgepasst, die Truhe mit den Medikamenten ist fest verschlossen und er trägt den Schlüssel stets in seiner Brusttasche. Momentan sehe ich keine Möglichkeit, ohne großes Aufsehen an den Stoff heranzukommen. Abwarten… 

 

Sonntag, 03.12.1933 

Nur noch drei Wochen bis Heilig Abend. Zuhause in Boston hängen jetzt schon die Strohsterne in den Fenstern und die Menschen singen Weihnachtslieder. Bei uns ist von festlicher Stimmung jedoch kaum etwas zu spüren. Letzte Nacht wurde das Camp von einem heftigen Schneesturm getroffen. Bisher hatten wir, so unglaublich das auch klingt, mit dem Wetter großes Glück. Doch jetzt zeigte sich die Antarktis von ihrer menschenfeindlichsten Seite. Trotz der Schneewälle, die wir zum Schutz um die Zelte aufgeworfen haben, wäre die Unterkunft der Hundeführer beinahe von den gewaltigen Böen davongerissen worden. Nur mit vereinten Kräften gelang es uns, die wild herumschlagenden Planen wieder halbwegs unter Kontrolle zu bringen. 

Wir verbrachten den Tag mit weiteren Vorbereitungen. Jenkin stellte mit den Hunden einige Experimente an um herauszufinden, worauf sie so ungewöhnlich stark und aggressiv reagieren. Offenbar hat es etwas mit diesen Dingern zu tun, die wir in den Überresten des Lake-Lagers gefunden haben. Ted stellte die Vermutung an, dass es sich dabei um eine Art von Raubtier handeln könnte, das hier im ewigen Eis heimisch ist. Eigentlich ein absurder Gedanke, aber schließlich habe auch ich die seltsamen Spuren im Untersuchungszelt gesehen. Zumindest würde das auch die schrecklich zugerichteten Hundekadaver erklären, die wir fanden. Auf jeden Fall schlug unser Mormone die Einrichtung einer Nachtwache vor, und einer der wissenschaftlichen Assistenten meldete sich auch prompt als Freiwilliger. Wenn ich eines gelernt habe, dann dass man sich bei solchen Unternehmungen möglichst dezent im Hintergrund halten sollte. Keine zehn Pferde bringen mich dazu, bei völliger Finsternis und Schneetreiben allein ums Camp herum zu stolpern und mich möglichen Räubern als Mitternachtshappen anzubieten. 

Ebenfalls zu beobachten war, dass Lexington ihren Schulterschluss mit den Deutschen nun wohl endgültig vollzogen hat. Zumindest gibt sie sich keine Mühe mehr, ihre Zusammenarbeit irgendwie zu kaschieren. Stattdessen geht sie offen in deren Lager ein und aus und berät sich auch permanent mit Dr. Meyer und den anderen. 

Im Lauf des Tages 

 

Montag, 04.12.1933 

Am Morgen nach einem hastigen Frühstück dann endlich der mit Spannung erwartete Abflug. Inzwischen hat unser Expeditionsleiter auch seinen Egotrip am Beardmore-Gletscher abgebrochen und sich für die Erkundung des Hochplateaus wieder uns angeschlossen. Es fällt mir schwer, meine Abneigung gegen den Kerl im Zaum zu halten, seine aufdringlich-heuchlerische Kumpanei treibt mich zur Weißglut. 

Wir verteilten uns auf die Flugzeuge, die von Ted und Halperin geflogen wurden. Jenkin und ich haben uns für Halperin entschieden, der Mormone ist uns einfach nicht geheuer. Der Start verlief reibungslos und wir nahmen Kurs auf die Bergkette. Ich merkte schnell, dass ich wieder die gleichen Probleme mit den Ohren hatte wie schon beim letzten Flug. Die Schmerzen waren enorm, als hätte man meinen Schädel in einen Schraubstock geklemmt. Deshalb war ich mir zunächst auch nicht 

sicher, ob ich die regelmäßigen Felsformationen auf den umliegenden Bergspitzen wirklich gesehen hatte oder nur einer optischen Täuschung aufgesessen war. Doch als Jenkin sie ebenfalls sah, waren meine Zweifel ausgeräumt und ich konnte sie mit einem Feldstecher genauer betrachten. Sie sahen tatsächlich zu regelmäßig und gleichförmig aus, um ein bloßes Produkt geologischen Zufalls zu sein. Ich musste an die Aufnahmen von Ausgrabungen in Mesopotamien denken, bei der eine britische Expedition Ruinen eines babylonischen Ziggurats freigelegt hatte. Aber wer hätte hier auf den eisigen Gipfeln der Antarktis so etwas errichten sollen? 

Um nicht die gesamte Bergkette überfliegen zu müssen, führte unser Kurs durch einen anfänglich noch recht breiten Kamin zu einem Gebirgssattel. Während wir stetig an Höhe gewannen, rückten die Felswände immer enger zusammen, bis schließlich kaum noch Platz links und rechts von den Tragflächen blieb. Immer wieder sahen wir im Fels Öffnungen, die wie Höhleneingänge aussahen, doch bei der großen Geschwindigkeit können wir uns auch getäuscht haben. Trotzdem musste ich unfreiwillig an das Ende des Pym-Textes denken, den ich erst am Freitag gelesen habe. 

Schließlich, nach Minuten, die sich zu endlosen Stunden zu dehnen schienen und die Halperin in verbissener Konzentration, der Rest von uns in hilfloser Anspannung verbrachte, verließen wir den Kamin und überquerten den Sattel des Gebirges. Das Plateau lag tiefer, als wir erwartet hatten, und wir näherten uns beinahe im Sturzflug. Was wir zu Gesicht bekamen, machte uns sprachlos. Unter uns erstreckt sich, soweit das Auge reicht, eine wahnhaft-bizarre Landschaft, die durch ihre streng geometrischen Formen einer gigantischen Stadt gleicht. Wir umflogen gewaltige, turmähnliche Bauten und zerbröckelnde Gebäuderuinen, die alle aus großen Schieferblöcken errichtet wurden. Jenkin datierte das Gestein auf die Kreidezeit, womit es über 50 Millionen Jahre alt wäre. Eine kaum vorstellbare Zeitspanne, doch noch weniger vorstellbar ist für mich, wer an diesem gottverlassenen Flecken der Welt eine solch riesige Stadt bauen würde. 

Mitten durch die Stadt verlief eine Kluft, die möglicherweise ein ausgetrocknetes Flussbett war. Wir kreisten mehrfach, bis Halperin einen freien Platz von 700-800 Metern Durchmesser fand und zur Landung ansetzte. Der Funkkontakt zu der zweiten Maschine war schon die ganze Zeit unterbrochen, aber offenbar hatten unsere Piloten dieses Manöver zuvor abgesprochen und Ted folgte unserem Landeanflug. Jenkin ist völlig aus dem Häuschen vor Aufregung, wie ein Jagdhund der Witterung von seiner Beute aufgenommen hat und nun ungeduldig an seiner Leine zerrt. Es ist jetzt 12.05 Uhr am 04.12.1933, und gleich werden wir zum ersten Mal Fuß auf diesen fremden Boden setzen. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache…


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#18 Azrael

Azrael

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Geschrieben 30. Juni 2014 - 08:32

Und ein neuer Tagebucheintrag:

 

 

(ACHTUNG SPOILER) ----------------------------------------------------------

 

 

Reisetagebuch Raymond Harsen 

 

Montag, 04.12.1933 (Fortsetzung) 

Wir verließen die Flugzeuge und standen zunächst regungslos auf dem großen Platz, unfähig, diese unerwartete Entdeckung zu verarbeiten. Dyer hatte damals ebenfalls die Miskatonic-Berge überflogen und das Hochplateau erkundet, von den Ruinen einer gigantischen Stadt hat er jedoch nie etwas erwähnt. Sollte er etwa diese Entdeckung für sich behalten haben, um später nochmals hierher zurückzukehren und sie genauer zu erforschen, bevor er damit an die Öffentlichkeit tritt? Schwer vorstellbar, aber diese Fahrt hat mich bisher so viel über die Sucht nach wissenschaftlichem Ruhm und Anerkennung, von der manche Männer unheilbar befallen sind, gelehrt, dass ich nichts ausschließen kann oder will. Oder liegt hier einfach nur ein Irrtum vor, ein Navigationsfehler? Hat Dyer die Berge an anderer Stelle überquert und deshalb nur eine öde Eiswüste vorgefunden? Ich muss einen unserer Piloten darauf ansprechen, am besten Halperin. 

Während Starkweather schon wieder begann, große Reden zu schwingen, konnte ich mich ein wenig umsehen. Was mir zunächst auffiel, war die relative Windstille. Zwar wirbelte immer wieder eine Bö Schnee und Eis auf, aber im Vergleich zu den Bedingungen im Basislager war es beinah gespenstisch ruhig. Unterstützt wurde dieser Eindruck von dem unterschwellig stets hörbaren Tosen des Sturmes, der die Gipfel der Bergkette erfasst hatte. Der Platz selbst wird von einem etwa 30m hohen Hügel aus Eis und Geröll beherrscht, der etwas abseits vom Zentrum liegt und sich über eine Breite von vielleicht 120m erstreckt. Beim Landeanflug konnte ich dahinter ein weitläufiges, grob halbmondförmiges Geröllfeld erkennen. Die Sonne steht tief am Horizont, dunkelrot und von einem Halo umkränzt. Bei dem Anblick beschlich mich erneut ein Gefühl tiefer Beklemmung. Ist das wirklich noch der Himmelskörper, dessen wärmende Strahlen so viele Polarforscher in den langen, eisigen Nächten schmerzlich vermissten? Oder blickt hier das zornige Auge des Arges, zyklopischer Sohn des Uranos, auf die armseligen Kreaturen, die sich in sein lebensfeindliches Reich verirrt haben? Noch bevor ich mich weiter meinen düsteren Überlegungen hingeben konnte, wurde ich jedoch von Prof. Moore zu einer Erkundung der umliegenden Gebäude gerufen. Das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, konnte ich jedoch nicht wirklich abschütteln. 

Während der Rest der Mannschaft die Flugzeuge entlud, nahmen Prof. Moore und ich die Ruinen am Rande des Platzes in Augenschein. Es handelt sich zumeist um 30-40m hohe, quaderförmige Bauten, die nach oben hin in fast schon wabenförmige Strukturen übergehen und sich in verschiedenen Stadien des Zerfalls befinden. Alle wurden aus den gleichen dunkelgrauen Gesteinsblöcken errichtet, die offenbar mit großer Kunstfertigkeit aufeinander gefügt wurden. Speziell die Öffnungen, durch die wir die Ruinen betraten, sahen manchmal eher aus, als wären sie direkt aus dem Fels herausgeschnitten worden. Die Gebäude waren im Inneren völlig leer und die Böden von einer dicken Eisschicht bedeckt. Vermutlich war das Bodenniveau im Inneren ursprünglich deutlich tiefer, bevor sich das Eis gebildet hat. An den Wänden fanden wir zahlreiche Friese, die seltsame Sternbilder und Ansichten der Stadt zeigten. Prof. Moore war besonders von ihrer Filigranität und Kunstfertigkeit beeindruckt. Wir fanden schließlich ein Gebäude, dass noch stabil genug wirkte und ausreichend Platz für ein Lager bot. Dorthin brachten wir unsere Vorräte und Gerätschaften und errichteten Schlafzelte. 

Gegen 18 Uhr hatten wir das Lager errichtet und Jenkin, Charlie und ich machten uns daran, eine der größeren Ruinen zu untersuchen, die etwa 200m entfernt von uns lag. Der untere Teil sah aus wie 

eine Stufenpyramide, wobei jede Stufe etwa 5-6m Höhe maß. Im oberen Teil verjüngte sich dann das Gebäude zu einer Kuppel, die von einer Art Schornstein gekrönt wurde. Die Außenwände wurden immer wieder durch Fensteröffnungen unterbrochen, die aber völlig ungleichmäßig verteilt waren und jeweils unterschiedliche Größen aufwiesen. Die Erbauer dieser Stadt müssen über ein völlig anderes Verständnis von Symmetrie verfügen, als wir es tun. Die ständige Weigerung der vorherrschenden Formen und Linien, sich in die uns vertrauten geometrischen Strukturen zu fügen, zehrt deutlich stärker an den Nerven, als ich es für möglich gehalten hätte. Das Auge kann sich nirgends richtig ausruhen, der Geist wird immer wieder aufs Neue herausgefordert, im scheinbaren Chaos nach Ordnung zu suchen. Ich fühlte sehr schnell einen leichten Schmerz, der direkt hinter den Augen begann und sich von dort tiefer in meinen Kopf erstreckte. 

Jenkin schien hingegen voller Tatendrang und verschaffte sich mit Charlie Zutritt durch eines der unteren Fenster. Allerdings wäre er auf der anderen Seite beinah abgestürzt und verletzte sich an den Händen, als er in letzter Not das grobe Kletterseil packte. Zum Glück trug er seine Handschuhe. Das Innere des Gebäudes war, abgesehen von den Friesen an den Wänden, wieder völlig leer. Allerdings führte eine Rampe an der Wand entlang nach oben, und so folgten wir ihr. In der Kuppel fanden wir weitere Friese, die völlig unbekannte Sternkonstellationen zeigten. Am Boden der oberen Kammer war ein Relief eingelassen, das offenbar eine Art Karte der Stadt darstellte. Durch den Schornstein fiel ein Lichtkegel auf das Relief und markierte damit einen Ort, bei dem es sich wohl um den Platz handelt, auf dem wir gelandet sind. Wir machten zahlreiche Photographien und Jenkin fertigte Zeichnungen der Funde an. 

Während der Arbeit, es war wohl gegen 19 Uhr, bemerkte ich, wie mir schwindlig wurde. Dr. Greene hatte uns davor gewarnt, dass wir uns immer noch in über 5000m Höhe über Normalnull befinden und deshalb größere Anstrengungen in der sauerstoffärmeren Höhenluft unterlassen sollten. Zu dem Schwindelgefühl gesellte sich recht bald eine Empfindung, die zu beschreiben mir nicht leicht fällt. Eine gewisse Art von „Außerkörperlichkeit“ vielleicht, als wäre ich nur ein Passagier in meinem Körper. Ich fühlte mich desorientiert und hatte Mühe, die Gesichter von Jenkin und Charlie ihren Namen zuzuordnen, als ob sie mir unbekannt wären. Am ehesten kann man es wohl mit dem Aufwachen aus einem Traum vergleichen, wenn die Erinnerung an das Geträumte direkt hinter der Grenze des Unterbewussten liegt und man einfach nicht den Finger darauf legen kann, so sehr man es auch versucht. Zum Glück merkten Jenkin und Charlie, dass es mir nicht gut ging, und brachten mich zurück zum Lager. Dabei bemerkten wir, dass dichter Nebel über der Stadt aufgezogen war, was die ohnehin beklemmende Atmosphäre noch verstärkte. Dr. Greene untersuchte mich kurz und gab mir Sauerstoff. Ich fiel in einen ruhelosen Schlaf. 

 

Dienstag, 05.12.1933 

Nach einem kärglichen Frühstück machten wir uns daran, den Geröllhügel näher zu erkunden. Die Stimmung unter den Männern ist gedrückt. Prof. Moore und Dr. Greene machen beide einen sehr abwesenden Eindruck, und selbst Starkweather scheint in einer deutlich gedämpfteren Stimmung als sonst zu sein. Zu allem Überfluss teilte uns Halperin mit, dass unser Treibstoff für den Rückflug extrem knapp kalkuliert wurde. Falls sich der Sturm über den Miskatonic-Bergen nicht legt und wir die Kette umfliegen müssen, wird es ein Tanz auf Messers Schneide. Von der „Belle“, in der Lexington und die Deutschen vorausgeflogen sind, fehlt nach wie vor jede Spur. 

Wir bestiegen den Hügel unter einigen Mühen und fanden in der Mitte eine etwa 20m tiefe Aushöhlung, an deren Wand eine umlaufende Rampe nach unten führte und dort nahtlos im Boden auslief. Jenkin äußerte die Vermutung, dass es sich hier womöglich einmal um eine Art Turm gehandelt haben könnte, der zur Seite wegbrach und bei seinem Sturz das Geröllfeld gebildet hat. 

Falls sich seine Vermutung bewahrheitet, dann konnte es der Turm an Höhe mit den modernen Wolkenkratzern in New York aufnehmen. Bevor wir die Rampe hinunterstiegen, sicherten wir uns mit einem Seil, was sich als sehr klug erwies. Auf halber Strecke brach ein Stück der Rampe unter dem vorausgehenden Charlie weg und er wäre sicher schwer gestürzt, wenn Jenkin und ich ihn nicht mit viel Mühe und Glück gehalten hätten. Wir benutzen dann eine Strickleiter, um den Rest des Abstiegs zu meistern. 

Am Boden angekommen entdeckten wir eine Reihe von großen, torbogenartigen Tunneleingängen, die unter die Erde führten. Teilweise waren diese verschüttet, aber manche scheinen immer noch begehbar zu sein. Auf dem Boden fanden wir auch eine große Panoramazeichnung der Stadt im Fels. Bevor wir weiter nachforschen konnten, machten wir einen grausigen Fund. Unter der Rampe entdeckten wir drei flache Objekte, die von Schnee und Eis bedeckt waren, und daneben einen der kegelartigen Schneehaufen, wie wir sie auch schon im alten Lake-Lager vorfanden. Ich kann nicht verleugnen, dass meine Hand unwillkürlich zu dem Revolver in meiner Tasche wanderte angesichts der mysteriösen Wesen, die wir in den Kegelhaufen in Lake's Lager gefunden hatten. 

Die flachen Objekte stellten sich bald als Schlitten heraus, von denen die Kufen abmontiert worden waren. Eine Plakette an einem der Schlitten mit der Aufschrift „Arkham Expedition 1930“ ließ in uns einen schrecklichen Verdacht aufkeimen, der bald zur traurigen Gewissheit wurde. In dem Eishaufen fanden wir den Leichnam eines jungen Mannes, nur halb angezogen und durch zahlreiche Stichverletzungen in Gesicht und Torso furchtbar zugerichtet. Ein Blick auf die eingenähten Namensschilder bestätigte uns, dass es sich um die sterblichen Überreste von Gedney handelte. Damit ist nun endlich auch das Schicksal des letzten Mitglieds der Lake-Expedition geklärt. Wir informierten Prof. Moore und die anderen Männer, und gemeinsam bargen wir den Leichnam und brachten ihn in unser Lager, wo Dr. Greene eine genauere Untersuchung des Toten vornehmen soll. Völlig unerklärlich ist jedoch, wie Gedney allein mit den drei Schlitten die mehrere hundert Kilometer lange Strecke von Lake’s Lager über die Berge hierher bewältigt haben soll. 

Jenkin, Charlie und ich kehrten anschließend zurück, um die Tunneleingänge weiter zu erforschen. In einem der Gänge fanden wir Papierschnipsel, die offenbar als Wegmarkierung gedient haben. Ich ertappte mich dabei, dass ich immer wieder an die Schilderungen von einem unterirdischen Tunnelsystem in dem Pym-Text denken musste. Als wir weiter in die Dunkelheit vordrangen, fand Jenkin einen der seltsamen Abdrücke, die möglicherweise von den seltsamen Wesen stammen. Wir stießen nach einiger Zeit auf eine Kreuzung und nahmen den rechten Gang, der in einen Raum mit vier Abzweigungen führte. Der Boden war dort völlig sauber und die Wände mit hohen Friesen verziert. Wir wählten die zweite Abzweigung von rechts, der wir schätzungsweise 200-300m folgten und die in einer Art Halle mündete. Auf jeder Seite befanden sich weitere fünf Tunneleingänge und in der Wand gegenüber war ein großes Tor, das wir durchschritten. 

Mir schien, als würden wir dem Tunnel endlos folgen. Die völlige Schwärze, in der unsere Taschenlampen wie drei verlorene Inseln inmitten eines gewaltigen Ozeans wirkten, schien mit jedem Schritt enger um uns zusammenzurücken. Ich verlor schnell jedes Zeitgefühl und musste immer wieder auf meine Armbanduhr schauen. Manchmal kamen mir fünf Minuten wie eine Ewigkeit vor, dann wieder verflog eine Viertelstunde scheinbar mit einem einzigen Lidschlag. Ich versuchte, meine Schritte zu zählen, um irgendeinen Anhaltspunkt über die zurückgelegte Distanz zu bekommen, aber ich verlor dabei immer wieder die Konzentration. Jenkin blieb ständig stehen, um die Wandverzierungen genauer zu untersuchen. Der Tunnel selbst ging allmählich in seiner Beschaffenheit von der unnatürlichen Glätte in fast rohen Fels über. Die Friese, die wir auf dem Weg fanden, schienen zunächst beinah mutwillig zerstört worden zu sein, später wirkten sie dann mehr 

wie primitive, fast schon barbarisch-naive Kopien der filigranen Felszeichnungen, die wir bisher in den Ruinen gefunden haben. 

Nach einer Strecke, die ich auf vielleicht auf einen Kilometer schätzen würde, traten wir aus dem Gang in eine weitere Halle. Sie war deutlich größer als die vorherigen Räume, die Lichtkegel unserer Lampen konnten sie nicht vollständig durchmessen. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben einen Anfall von Agoraphobie. Ich hätte genauso gut am Rande eines gewaltigen Abgrunds stehen können, die Dunkelheit um mich herum schien völlig grenzenlos. Wir waren inzwischen alle drei nervlich so stark beansprucht, dass wir unsere Waffen gezogen hatten und hektisch in alle Richtungen zielten. Denn außer uns war noch etwas in dieser Halle! Wir alle glaubten immer wieder, an den Rändern unseres Sichtfelds Bewegungen wahrzunehmen, nicht mehr als vage Schatten. Dazu seltsame Geräusche, eine Art Schnattern und patschende Bewegungen. 

Irgendein Instinkt in mir ließ mich herumfahren, und da stand plötzlich im grellen Schein meiner Lampe dieses Ding vor mir! In Gestalt und Aussehen am ehesten mit einem Pinguin vergleichbar, jedoch beinahe sieben Fuß groß und schlohweiß, mit milchig-blinden verkümmerten Augen. Ich konnte gar keinen Gedanken mehr fassen, reflexartig feuerte ich und das großkalibrige Geschoss traf es oben am Körper. Mit einem furchtbaren Kreischen ging das Tier(?) zu Boden und zappelte noch eine Weile, während es ausblutete. Wir drei waren nun auch fast blind von dem Mündungsblitz meiner Waffe, und außer einem hochfrequenten Pfeifton konnten wir auch nichts mehr hören. Hier war für uns vorerst nichts mehr zu gewinnen und wir traten hastig den Rückzug an. 

Es verging wieder eine gefühlte Ewigkeit, bis wir unseren Ausgangspunkt bei der Turmruine erreichten. Es war nun beinahe 19 Uhr, und der dichte Nebel war zurückgekehrt. Ich fühlte mich wieder sehr schlecht und desorientiert, jedoch war es diesmal nicht ganz so schlimm wie am Vortag. Wir kehrten ins Lager zurück und berichteten von unseren Entdeckungen. Sykes erzählte uns, dass sie in einer der Ruinen seltsame Wannen und Wandbilder gefunden haben, die auf eine Verwendung als eine Art Stall oder Gehege hindeuten könnten. Auf den Bildern wurden affenähnliche Wesen in diesen Wannen wie Vieh geschlachtet. Wieder schweiften meine Gedanken zu dem Pym-Text zurück, in dem von Menschenopfern die Rede war. Sollten die affenähnlichen Kreaturen am Ende etwa Menschen sein? 

Prof. Moore rief nach dem Essen alle Teilnehmer zusammen und erklärte, dass übermorgen bei besserem Wetter die „Enderby“ zum Lager zurückfliegen werde. Ein Teil der Männer soll freiwillig hierbleiben, um die Stadt weiter zu erkunden, während die anderen die bisher gewonnenen Daten im Lager auswerten. Das Flugzeug solle dann mit weiteren Wissenschaftlern und Nachschub zurückkehren. Ich habe beschlossen, diesen glücklosen Ort zu verlassen und nicht mehr wiederzukommen. Jenkin möchte natürlich bleiben, aber vielleicht kann ich ihn noch umstimmen. Hier kann es für keinen von uns ein gutes Ende nehmen, das fühle ich genau. Wie konnte ich mich nur auf dieses Unternehmen einlassen? Ich war ein törichter Narr! 

 

Mittwoch, 06.12.1933 

Ich hatte in der Nacht extrem schlecht geschlafen und fühlte mich am Morgen wie gerädert. Auf Anweisung der Expeditionsleitung sollten heute alle begonnenen Projekte abgeschlossen werden und die Aufzeichnungen bis zum Abend an Bord der „Enderby“ verstaut werden. Wir verbrachten den Tag damit, Photographien der Bauwerke und Wandbilder zu machen und umfangreiche Skizzen anzufertigen. Ich verfasste auf meiner Reiseschreibmaschine auch noch einen ausführlichen Bericht der bisherigen Arbeit. Gegen Abend zog wieder der dichte Nebel auf, als wir gerade die Turmruine verließen. 

Ich habe keine Erinnerung daran, was direkt danach geschah. Ich erwachte mitten in der Nacht im Zelt auf einer Pritsche. Charlie saß neben mir und sah mich besorgt an. Offenbar habe ich diesmal im Nebel völlig die Kontrolle verloren. In meinem Kopf tobt eine wahre Flut von Bildern und abgehackten Gesprächsfetzen, doch alles ist völlig konfus und bleibt für mich ungreifbar, wie ein böser Traum. Soweit Charlie mir berichtete fing ich auf dem Rückweg zum Lager plötzlich an, tiefer in die Stadt zu laufen. Als Jenkin dies bemerkte und nach mir rief versuchte ich offenbar, mich vor den beiden zu verstecken und, als das nicht funktionierte, zu fliehen. Sie mussten mich schließlich überwältigen, fesseln und ins Lager zurücktragen. Ich war völlig aufgelöst, habe unkontrolliert geweint und wohl keinen der Männer erkannt. Es machte den Anschein, als wären sie mir alle völlig fremd und ich würde um mein Leben fürchten. Man betäubte mich dann mit einer großzügigen Dosis Laudanum. 

Ist es jetzt also endgültig soweit, dass mich meine geistige Gesundheit im Stich lässt? Hat mich dieser gottverlassene Ort von dem trügerischen Pfad gestoßen, auf dem ich in den Jahren seit den Ereignissen in Dunwich mehr schlecht als recht gewandelt bin? Bin ich zu einer Gefahr für die Anderen geworden, zu einer furchtbaren Last? Bin ich eine Gefahr für mich selber? Es ist ein schreckliches Gefühl, nicht mehr Herr seiner Selbst zu sein! Ich will nur noch fort von hier und zurück in die Zivilisation! Ich will hier nicht zu Grunde gehen! 

Während ich bewusstlos war, haben sich die Ereignisse überschlagen. Dr. Greene, der in den letzten Tagen immer abwesender wirkte, ist spurlos verschwunden. Seit Mittwochmorgen wurde er nicht mehr gesehen. Allerdings gibt es Neuigkeiten von Lexington. Die „Belle“ ist 20km von hier gelandet, wurde dabei jedoch beschädigt und ist vorerst nicht flugfähig. Die Deutschen haben sich offenbar sofort auf den Weg in die Stadt gemacht, während Lexington und Williams, ihr Pilot, zurückblieben. Als Lexington dann ebenfalls das Lager kurz verließ, wurde es in ihrer Abwesenheit verwüstet und Williams war verschwunden, womöglich wurde er verschleppt. Eine Gruppe unter Führung von Starkweather traf zufällig auf sie und es wurde vereinbart, dass Halperin ihr mit dem Flugzeug hilft. 

Momentan befinden sich Starkweather, Moore, Sykes und Jenkin jedoch auf der Suche nach Dr. Greene. Charlie hatte sich offenbar dafür ausgesprochen, den Arzt einfach zurückzulassen und sofort wegzufliegen. Seitdem ist er bei der Expedition in völlige Ungnade gefallen. Natürlich ist es ein Akt verdammenswerter Feigheit, einen Kameraden hier seinem Schicksal zu überlassen. Doch tief in mir drin kann ich verstehen, was ihn dazu getrieben hat. Auch ich will schließlich nur noch hier weg. 

Noch während Charlie mir von all den Ereignissen berichtete, hörten wir draußen eine dumpfe Explosion und dann das Prasseln von Schrapnellteilen gegen die Außenwand unseres Unterschlupfs. Als wir beide nach draußen stürzten, sahen wir eine einsame Gestalt, die von der lichterloh brennenden „Enderby“ wegrannte, verfolgt von Jenkin und den anderen. Charlie und ich nahmen ebenfalls die Verfolgung auf. Nach einigen hundert Metern blieb die Gestalt plötzlich stehen, zog eine Waffe…und schoss sich selbst in den Kopf! Ich erreichte sie gerade noch rechtzeitig, als sie ihre letzten Atemzüge tat. Die Wunde am Kopf war grässlich, selbst im besten und modernsten Hospital Neuenglands hätte keine Chance bestanden. Es war Williams, der da vor mir lag, ich erkannte ihn von einer der Besprechungen mit Lexingtons Leuten wieder. Er murmelte noch einige Wortfetzen, die wie eine Aufzählung von Haltestellen oder so ähnlich klang, dann hatte er es hinter sich und lag regungslos auf dem Eis. 

Jenkin und der Rest erreichten uns dann auch. Noch während wir rätselten, was Williams zu dieser Wahnsinnstat getrieben haben könnte, fiel uns auf, dass dem Mann vor uns ein Finger der linken Hand fehlte. Es war der gleiche Finger, den sich Danforth damals auf der Dyer-Lake-Expedition im Wahn selbst abgebissen hat! Waren Williams und Danforth etwa die gleiche Person? Es wird immer verworrener, nichts ergibt mehr einen Sinn! Als wir so um die Leiche von Danforth/Williams 

herumstanden, hörten wir wieder das Heulen des Windes von den Miskatonic-Bergen. Die furchtbare Einsamkeit legt sich wie ein Albdruck um unsere Schultern. Gott steh uns bei…


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#19 turtle der alte

turtle der alte

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Geschrieben 02. Juli 2014 - 07:54

Sehr spannender  und ausführlicher Bericht, vielen Dank! Irgendwann muss ich BdW noch einmal leiten .....



#20 Blackdiablo

Blackdiablo

    Herr des Schreckens

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Geschrieben 02. Juli 2014 - 16:18

Sehr spannender  und ausführlicher Bericht, vielen Dank! Irgendwann muss ich BdW noch einmal leiten .....

Du bist lustig! ^^ Ich wäre mit einem Mal zufrieden, du planst locker flockig das zweite Mal. :D Respekt.


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- Diablo II

 

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"Hey, das klingt wahnsinnig interessant! Warum schreibst du nicht einen Artikel im ..."

 

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#21 Azrael

Azrael

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Geschrieben 07. Juli 2014 - 15:24

Danke für das Lob Turtle, ich reiche das wie gehabt weiter an meinen fleißigen Schreiber. :) Jetzt dauert es allerdings wieder bis September. Das ist leider der Fluch bei so einer ewig langen Geschichte und gerade da macht mir das ausführliche Tagebuch es echt einfacher den roten Faden (besonders aus Sicht meiern Spieler) zu behalten. Ausserdem kann ich auf die Art immer abklopfen ob ich die richtigen Fährten lege und die Atmosphäre so vermittle wie ich das über den Büchern vorher geplant hatte.



#22 purpletentacle

purpletentacle

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Geschrieben 07. Juli 2014 - 17:00

Wirklich cool. Gerade die Stadt bereitet mir in der Vorbereitung etwas Kopfschmerzen (sind aktuell mitten in Lakes Lager). Da kann ich einiges aus dem Bericht ziehen.


DCC 2010 kein Gatsby
DCC 2011 kein Gatsby
DCC 2012 kein Gatsby
DCC 2013 kein Gatsby (weil er wichtigeres zu tun hatte)
DCC 2014 bist du fällig, du reicher Schnösel! Nach 60 Minten von Gatsby erschossen worden. Supergeil!
 
Ich mag Trail of Cthulhu lieber  :P 

#23 turtle der alte

turtle der alte

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Geschrieben 13. Juli 2014 - 21:41

Sehr spannender  und ausführlicher Bericht, vielen Dank! Irgendwann muss ich BdW noch einmal leiten .....

Du bist lustig! ^^ Ich wäre mit einem Mal zufrieden, du planst locker flockig das zweite Mal. :D Respekt.

 

Man wird ja noch träumen dürfen .... ;)

 

Spaß beiseite, da wir ja momentan voll mit "Die Bestie" beschäftigt sind, danach eine Lovecraft-Country Kampagne kommen soll und meine Spieler auch lautstark nach Gaslicht & Delta Green rufen, dürfte es noch Jaaaahre dauern, bis ich mir über BdW überhaupt mal wieder Gedanken machen dürfte!

 

@ Azrael

Ich finde es auch sehr interessant, wie sich, wenn ich eure mit unserer Kampagne vergleiche, mit anderen Spielern und Charakteren der Verlauf einer Kampagne doch massiv ändern kann!!


Bearbeitet von turtle der alte, 13. Juli 2014 - 21:46 .


#24 Azrael

Azrael

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Geschrieben 04. Februar 2015 - 20:48

Endlich geht es weiter:
 

 
(ACHTUNG SPOILER) ----------------------------------------------------------

 
Reisetagebuch Raymond Harsen 
Mittwoch, 06.12.1933 
Die Enthüllung der doppelten Identität, die Danforth die ganze Zeit vor uns versteckt hielt, und sein tragischer Selbstmord vor aller Augen ließen uns tief erschüttert zurück. Wir zogen uns zunächst in unseren Unterstand zurück, um das weitere Vorgehen zu beraten. Die vordringlichste Frage, die sich stellt, ist die der Route für den Rückflug. Die Sturmböen, die derzeit über den Berggipfeln toben, lassen einen Rückflug über den Pass zu einem Vabanquespiel werden. Gleichzeitig ist aber unser Treibstoffvorrat zu knapp bemessen, um die Bergkette komplett zu umgehen, zumal ein solcher Flug auch länger als zwei Tage dauern würde. Die Diskussion blieb ohne rechtes Ergebnis und irgendwann zogen sich alle erschöpft in die Zelte zurück. Zwischen den Expeditionsteilnehmern steigt die Anspannung, die Nerven liegen blank. 
 
Donnerstag, 07.12.1933 
Eine erste Inspektion ergab, dass Danforth die „Belle“ nachhaltig sabotiert hat. Eine Reparatur mit eigenen Mitteln scheint aussichtslos, so dass uns nur noch ein Flugzeug bleibt. Die Lage ist alles andere als gut, aber immerhin haben wir jetzt einen Plan für unser weiteres Vorgehen. 
Halperin wird Jenkin, Ted und mich zu Lexingtons Lager fliegen. Dort nehmen wir alles an Treibstoff mit, was die „Enderby“ tragen kann, und Halperin fliegt mit Lexington zu unserem Lager zurück. Jenkin, Ted und ich bilden einen Stoßtrupp, der den Deutschen in die Ruinenstadt folgt. Auch wenn sie zu uns sehr höflich waren, so beunruhigt es mich trotz allem nicht zu wissen, wo sie sich rumtreiben. Immerhin scheinen sie ja mehr über diesen Ort zu wissen als wir. 
In der Zwischenzeit werden Prof. Moore und Starkweather die Umgebung unseres Lagers nach Hinweisen auf den Verbleib von Dr. Greene absuchen, von dem nach wie vor jede Spur fehlt. So schmerzlich es auch sein mag, aber vlt. sollten wir uns allmählich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass wir unseren Kameraden nicht mehr lebend auffinden werden (wenn überhaupt). Wird das der Schlag, der die Moral der Männer endgültig bricht? 
Charlie und Sykes sollen für die Sicherheit im Lager sorgen. Charlie ist bei den anderen Teilnehmern seit seinem verachtenswerten Akt der Feigheit völlig unten durch und tritt nur noch als blasser Schatten seiner selbst in Erscheinung. 
Beim Abflug erhielten wir nochmals einen Eindruck von der tatsächlichen Größe der Stadt. Selbst eine Metropole wie New York mit ihren Hochhäusern verblasst dagegen. Doch durch die lebensfeindliche Landschaft und die albtraumhaft-fremdartige Architektur der Gebäude war es keine erhebende oder ehrfurchtgebietende Erfahrung, sondern vielmehr eine ernüchternde Erinnerung daran, wie völlig allein und von der Zivilisation abgeschnitten wir hier sind. Ich fühlte mich wie ein winziges Insekt, das einen schlafenden Riesen umkreist und hofft, dass er nicht erwachen möge. 
Der Landeplatz bei Lexingtons Lager war von zahlreichen pyramidenartigen Gebäuden umgeben, die teilweise bis zu einer Höhe von 70 Metern aufragten und untereinander durch steinerne Brücken verbunden waren. Unter uns Füßen fanden wir eine extrem dicke Eisschicht, als wären die Straßen hier einmal überflutet gewesen und dann eingefroren. Die Gebäude sind also eigentlich noch viel höher. 
Lexington konnte uns über die Pläne der Deutschen nur wenig berichten, aber offenbar suchen sie ein so genanntes „Urplasma“, eine „Quelle des Lebens“. Für mich klingen diese Begriffe wie aus einem dieser billigen Groschenromane, die zu Hause immer größeren Absatz finden, entnommen. Trotzdem, die Deutschen würden keine aufwändige und teure Expedition in die Antarktis veranstalten, versprächen sie sich davon nicht einen lohnenden Gewinn. 
Wir folgten ihren Spuren in die Stadt hinein und stießen recht bald auf ein großes Portal. Rechts davon befanden sich vier Durchgänge, links ein hohes Gebäude mit zahlreichen Öffnungen. Ganz deutlich konnten wir ein fast schon melodisches Pfeifen hören, dessen genauer Ursprung uns aber verborgen blieb. Nach einer kurzen Kletterpartie verschafften wir uns durch eine der Öffnungen Zutritt und gelangten über das Gebäude hinter das Portal, wo wir einen langen Tunnel vorfanden, dessen Wände wieder mit Friese verziert waren. 
Wir folgten ihm, bis wir links in der Wand in etwa 2,5 Metern Höhe eine Öffnung fanden. Dahinter mussten wir uns etwa 5 Meter abseilen und standen dann in einer großen Halle mit unwahrscheinlich dicken Wänden, die von Lochmustern überzogen waren. Nach hinten stieg die Decke an und der Boden, der mit großen ebenmäßigen Steinplatten bedeckt war, senkte sich ab, beinah wie ein sich öffnender Schlund. Wir drangen weiter in die Halle vor, bis wir vor uns etwas eigenartig Helles aus der Finsternis auftauchen sahen. Es handelte sich um ein großes, eiförmiges Gebilde, sicher an die 40 Meter hoch, völlig glatt und aus einem steinartigen kalten Material. 
Wir untersuchten das Gebilde eine Weile, bis sich irgendwann eine Tür öffnete, durch die Jenkin und ich gingen. Im Inneren führte eine gewundene Rampe nach oben zu einem abgetrennten Bereich, wo wir auf Meyer und Rielke stießen. Beide standen vor einer Art Spiegel, der ein seltsam waberndes Bild einer Landschaft zeigte. Es war fast schon unangenehm, das Bild zu betrachten, wie ein visuelles Rauschen, das die Sehnerven überreizt und Kopfschmerzen verursacht. Vor dem Spiegel stand ein Podest mit einer Art Kontrollfeld, dessen genaue Funktionsweise uns jedoch zunächst verschlossen blieb. Meyer und Rielke berichteten uns, dass Baumann in der Stadt tödlich abgestürzt war. Gleichzeitig bemerkten wir, dass die seltsame Landschaft in dem Spiegel wohl tatsächlich die Stadt darstellte, allerdings ohne den dicken Eispanzer. Bevor wir näher auf diese Entdeckung eingehen konnten, berührte Jenkin das Kontrollfeld. 
Das Gefühl, das mich überkam, lässt sich kaum in Worte fassen. Ich fand mich als ein Passagier im Bewusstsein eines troglodyten Affenmenschen wieder, der zusammen mit zahlreichen Artgenossen eine Art Sklavenkarawane bildete. Manche trugen große Transportkörbe, andere führten kamelähnliche Lasttiere mit sich. Die Kolonne wurde von Wesen bewacht, die in ihrer Erscheinung den Körpern ähnelten, die wir unter den Eiskegeln bei den Überresten des Lake-Lagers ausgegraben hatten. 
Ich bemerkte sehr schnell, dass ich nicht nur die primitiven Empfindungen des Affenmenschen wahrnehmen, sondern auch eine gewisse Kontrolle über seinen Körper ausüben konnte. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, dass der Affenmensch sich meiner Anwesenheit durchaus bewusst war und mit steigender Angst darauf reagierte. 
Größer als die Furcht vor der fremden Präsenz in seinem Kopf war aber die Angst vor seinen Bewachern, die uns durch die Stadt auf ein großes Portal zu trieben. Hinter dem Portal wartete ein großer Tunnel, der stetig hinab unter die Erde führte. Je weiter wir dem Tunnel folgten, umso unruhiger wurden die Affenwesen, beinah so als wüssten sie genau, dass etwas Unheilvolles am Ende des Weges auf sie warten würde. Nach einem Marsch, dessen Dauer und Länge ich kaum abschätzen kann, erreichten wir eine Höhle von gigantischen Ausmaßen, in der sich die Gestade eines unterirdischen Meeres befanden. Ein süßlich-fauliger Geruch lag in der Luft. 
Die Aufregung unter den Affenwesen erreichte ihren panischen Höhepunkt, als sich aus den Fluten große, gallertartige und tiefschwarze Klumpen erhoben, die Netze mit Fang hinter sich herschleppten. Kaum an Land stülpten sie Augen und Gliedmaßen aus ihren Körpern aus und begannen, den Fang auf die Affenwesen und Lasttiere zu verteilen, die an ihnen vorbeigetrieben wurden. Gleichzeitig begannen sie jedoch auch, sich sowohl die Lasttiere als auch die Affenwesen als Nahrung einzuverleiben. Ein schrecklicher Anblick, der die Panik unter den Sklaven mehr als erklärte. Als der komplette Fang verteilt war, begann die Kolonne den Marsch zurück an die Oberfläche. 
Kaum waren wir an die Oberfläche zurückgekehrt, machte sich wieder große Aufregung breit, diesmal jedoch auch unter den Wächterwesen. Von unserem Standort aus konnten wir den Fluss überblicken, der durch die Stadt fließt, und in dem jetzt ein großes, schwarzes…Ding trieb, das in 
Form und Aussehen am ehesten einer gigantischen Larve ähnelte. Sein Erscheinen versetzte die Wächter offenbar in große Furcht, da ihre hohen Kreischlaute über die ganze Stadt hallten. Auch in der Sklavenkarawane brach Panik aus. 
Ich weiß nicht genau, was über mich kam, doch plötzlich hatte ich nur noch den Gedanken, dieses Wesen im Fluss aus der Nähe zu sehen, es vlt. sogar zu berühren. Ich unterdrückte fast schon brutal den geistigen Widerstand meines „Vehikels“ und zwang den Körper dazu, auf den Fluss zuzulaufen und hineinzuspringen. Begleitet von den Alarmschreien der Wächter erreichte ich es schließlich, streckte die haarige Pranke des Affenmenschen aus…und fand mich am Boden vor dem Spiegel und dem Podest in meinem eigenen Körper wieder. Ein dünnes Blutrinnsal lief mir aus der Nase warm und kupfrig über die Lippen. In meinem Kopf tobte ein wahrer Sturm von Bildern und Eindrücken, die Trennlinie zwischen meinen eigenen und den Empfindungen des Affenmenschen unscharf und verwischt. Ein weißglühender Schmerz breitete sich vielarmig hinter meinen Augen durch mein Gehirn aus, untermalt von einem hochfrequenten Pfeifen. Ich war zwar nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder mich zu bewegen, doch eines war mir völlig bewusst: Als „ich“ das Wesen im Fluss berührte, hatte ich einen kleinen kurzen Einblick in seine Natur gewonnen. Zwar nur ein kurzer Lidschlag, doch genug um zu wissen, dass es nur ein winziger Teil einer viel größeren, unglaublich machtvollen Entität war. Und im gleichen Maße, wie ich einen Blick auf es erhaschen konnte, so hat es auch mich gesehen. Der Riese ist erwacht, und er hat das kleine Insekt bemerkt…


Bearbeitet von Azrael, 04. Februar 2015 - 20:50 .

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#25 Azrael

Azrael

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Geschrieben 09. Februar 2015 - 22:41

Und wieder ein Tagebucheintrag! :)

 

 
(ACHTUNG SPOILER) ----------------------------------------------------------

 

 

 

Reisetagebuch Raymond Harsen 

Datum unbekannt 

Das Dröhnen unserer Flugzeugmotoren ist unbeschreiblich laut. Die Windböen werfen uns hin und her, wir sind nicht mehr als ein Spielball der Elemente, es ist mir kaum möglich, diese wenigen Zeilen zu schreiben. Dazu die grässlichen Schmerzen in meinem Kopf, die mich seit Tagen immer wieder heimgesucht haben und die jetzt zu einem ständigen Begleiter geworden sind. Ich kann sie für einige kostbare Momente verdrängen, wenn ich mir mit der linken Hand fest über die Schläfe reibe, doch sie kehren stets zurück. Bohrend, pochend, eine pulsierende Dissonanz die mich gefangen hält. 

Warum schreibe ich dies noch? Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass ich diesen Ort gesund an Körper und Geist verlassen werde…falls überhaupt. Wir sind zu weit gegangen, haben uns einen Schritt zu nahe an den Abgrund gewagt, und jetzt schlittern wir einen Berg hinab, an dessen Fuß Wahnsinn und Verdammnis auf uns warten. 

Ich kann nicht nachvollziehen, was genau geschehen ist. Jenkin, Meyer, Rielke und ich erwachten nach unserer „Traumreise“ am Boden vor dem Spiegel, der jetzt nur noch eine Steinplatte war. Keiner weiß, wie lange wir abwesend waren, doch als wir das Gebilde verließen stellten wir fest, dass Ted umgekehrt war um Hilfe zu holen. Er hatte uns eine Nachricht im Schnee hinterlassen. Wir kehrten selbst zum Einstieg zurück, doch das Seil war verschwunden und der Rückweg damit für uns versperrt. Uns blieb keine andere Wahl, als der Höhlenwand nach rechts zu folgen. 

Die Wände waren wieder von zahlreichen Friesen bedeckt, die Darstellungen der geflügelten Wesen beinhalteten. Die Motive waren jedoch anders als früher, sie vermittelten eher den Eindruck eines Rückzugs, eines Exodus. Dazu passten auch die Bilder, die eine zunehmende Leere der Stadt andeuteten. 

Wir passierten auf unserem Weg zahlreiche Öffnungen in der Tunnelwand. Anscheinend befanden wir uns in einem riesigen Komplex von labyrinthartigen Gängen und Korridoren, dessen gesamtes Ausmaß wir gar nicht erfassen können. Rielke murmelte ständig vor sich hin und behauptete, er könne die Friese lesen. Er ging mir immer mehr auf die Nerven, mit seinem ständigen Kichern und dem schwachsinnigen Grinsen im Gesicht, und schließlich verlor ich die Beherrschung. Ich packte ihn am Kragen, schüttelte ihn und schrie ihm aus nächster Nähe ins Gesicht, dass er endlich sein verdammtes Maul halten soll. Noch während ich ihn festhielt tobten Bilder durch meinen Kopf, wie ich ihm den Lauf meiner Pistole in den Mund ramme, seine grinsenden Zähne dabei zu blutigen Splittern zerstoßend, und ihm das Hirn aus dem Schädel blase. Es kostete mich unglaubliche Überwindung, ihn loszulassen und zurückzutreten, und ich fühlte mich seltsam leer und unzufrieden danach. Was ist nur aus mir geworden? Woher es kam weiß ich nicht, aber in diesem Moment wurde mir klar, dass alle Ereignisse in meinem Leben, alle Ängste, Träume und gescheiterte Hoffnungen, miteinander verwoben sind und an diesem Punkt zusammenlaufen. Der Tod meiner Eltern und meiner Schwester, der Krieg, die Ereignisse in Dunwich vor so vielen Jahren, einfach alles bis hin zu der Fahrt in die Antarktis. Es war keine vage Ahnung, keine Vermutung, sondern klarste Gewissheit, die mich durchströmte, als hätte jemand die Fenster zu meinem Geist endlich weit aufgestoßen und Licht ins Dunkel gelassen. Der Riese hat das Insekt nicht nur bemerkt, er hat es die ganze Zeit in einer winzigen Dose gefangen gehalten und ihm die Illusion vorgegaukelt, Herr seines eigenen Schicksals zu sein. Was für ein Narr ich doch war! 

Wir erreichten eine Treppe, der wir mehrere Minuten nach oben folgten und an deren Ende uns ein großes Tor erwartete, das direkt in einen weiteren Tunnel überging. Auch hier zweigten immer wieder Öffnungen in die Wände ab, die die Friese unterbrachen. Wir gelangten schließlich an eine T-Kreuzung und hörten aus dem rechten Abzweig ein seltsames schlurfendes Geräusch, dem wir folgten. Hier lag auch erstmals Schutt auf dem Boden, in dem wir Stiefelabdrücke ausmachen konnten. Nach einiger Zeit erreichten wir einen Seitentunnel, aus dem gedämpftes gelblich-grünes Licht drang, und so gingen wir hindurch. 

Wir fanden uns in einem großen Raum wieder, in dessen Mitte eine etwa brusthohe Mauer eine viereckige Abtrennung bildete, hinter der sich einige der blinden Riesenpinguine befanden, aber auch Seerobben und Vögel mit grausam gebrochenen Flügeln. All das erinnerte auf unangenehme Weise an einen Viehstall. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befand sich ein Durchgang, der in einen weiteren Raum führte. Die Wände dort waren wieder mit den bekannten Punktmustern verziert, die aber diesmal nicht herausgemeißelt, sondern mit einer seltsamen dunklen Farbe aufgemalt waren. Zumindest hoffe ich, dass es Farbe war. Wir fanden hier eine Zeichnung, die die Stadt von oben zeigte und auf der verschiedene Markierungen angebracht waren und die, soweit wir feststellen konnten, fast exakt den Standorten unserer Lager entsprachen. Ich hatte mich schon die ganze Zeit unter ständiger Beobachtung gefühlt, und mit dieser Entdeckung verstärkte sich das Gefühl nochmal um ein Vielfaches. Das kränklich-gedämpfte Licht, das die gelblich-grünen Specksteine in dem Raum verströmten, war auch nicht wirklich dazu angetan, meine Nerven zu beruhigen. 

Auch dieser Raum verfügte über einen weiteren Ausgang, der in einen dritten Raum führte. Dort fanden wir wieder eine mit einer viereckigen Mauer abgetrennte Einfriedung in der Mitte, die jedoch deutlich niedriger war als im vorherigen Raum. Eine weitere Tür gab es nicht, lediglich eine etwa 50cmx50cm große Öffnung in der gegenüberliegenden Wand, hinter der eine Art Schacht lag. Wir näherten uns langsam der niedrigen Mauer…und erblickten etwa ein Dutzend der Flügelwesen, nur diesmal in einer viel kleineren Version. Offenbar war es der Nachwuchs dieser Wesen (das Wort „Kinder“ möchte ich im Zusammenhang mit etwas derart Grauenhaftem nicht verwenden), der hier aufgezogen wurde. Trotz ihrer geringen Größe waren sie scheußlich anzusehen und lösten in mir Panik aus. Fast schon automatisch riss ich meinen Revolver hoch und erschoss eines der Biester, woraufhin der Rest ein furchtbares Gekreische anstimmte, das quasi sofort von einem ausgewachsenen Exemplar aus der Richtung, aus der wir gekommen waren, beantwortet wurde. Wir saßen in der Falle! 

Rielke lief völlig kopflos den Weg zurück, den wir gekommen waren, und seine grässlichen Schmerzensschreie ließen an seinem Schicksal keinen Zweifel. Jenkin und ich warfen panisch unsere Rucksäcke ab und krochen blindlings in den schmalen Schacht hinein. Während wir uns durch die klaustrophobische Enge zwängten, hörten wir hinter uns den kurzen und brutalen Todeskampf von Meyer…dann nur noch unseren eigenen keuchenden Atem. 

Wie lange und wie weit wir durch den Schacht krochen kann ich nicht sagen. Irgendwann erreichten wir eine kleine Kammer, kaum 2m im Durchmesser, in der wir einige leere Konservendosen, Decken und ein Bündel ölgetränkter Lumpen fanden. Hat Danforth etwa hier seinen Unterschlupf eingerichtet? Wir untersuchten das Bündel und fanden darin Maschinenteile, die zu Flugzeugmotoren gehören könnten. Dabei übersahen wir jedoch den Drahtauslöser einer Sprengfalle, die Danforth in dem Schacht gelegt hatte, und brachten sie zur Detonation. 

Alles war voller Staub, wir konnten kaum atmen. Außer einem lauten Pfeifen in meinem Ohr konnte ich nichts hören, und obwohl Jenkin kaum mehr als eine Armeslänge von mir entfernt war, konnte ich ihn in der völligen Dunkelheit nicht mal erahnen. Während der Schlacht im Wald von Belleau wurde ich durch Artilleriefeuer in einem Unterstand verschüttet, und die Erinnerung an dieses Erlebnis ließ mich völlig die Kontrolle verlieren. Wie ein Besessener kratzte ich mit bloßen Händen an den Wänden und riss mir dabei wohl zwei Fingernägel heraus ohne es zu merken. Zum Glück betätigten wir eher zufällig eine Art Schalter, durch den der Boden an einer Seite wegklappte und uns einen steilen Gang nach unten rutschen ließ. 

Wir landeten in einem seltsam warmen, stinkenden Haufen, eine Mischung aus weichem Material und etwas, das sich wie dürre Zweige und Äste anfühlte. Wahrscheinlich war es ein Segen, dass wir unsere Taschenlampen verloren hatten und nicht sehen mussten, worin wir da genau gelandet waren. Die Luft war sehr feucht und warm, eine salzige Brise wehte uns entgegen und ganz deutlich konnten wir aus dem Tunnel vor uns Brandungsrauschen hören. 

Wir traten aus dem Tunnel und standen an dem etwa 200m breiten Strand in einer Bucht des gleichen unterirdischen Ozeans, den wir schon in unserer Traumreise gesehen hatten. Über dem Wasser war ein diffuses Leuchten, das von einer Art Leuchtturm weit draußen zu kommen schien. Noch während mein Verstand mit der Vorstellung von einem gigantischen unterirdischen Meer am Südpol rang, entdeckten wir am Strand, der aus zerklüfteten Steinen und seltsamen Pilzgewächsen bestand, immer wieder breite, völlig glattgeschliffene Furchen im Boden, so als wäre etwas Kolossales immer wieder darüber gerollt oder -geschleift worden. Wir konnten zunächst keine Erklärung dafür finden, doch mit einem Mal fielen uns die großen Gallertwesen aus dem Traum wieder ein, die sich mit ihren Körpern aus der See auf den Strand gewälzt hatten. Sollten diese Wesen tatsächlich existieren oder hat mein Verstand aufgehört, zwischen fiebriger Wahnvorstellung und Realität zu unterscheiden? Während Jenkin weiter den Strand entlang ging, sank ich völlig entkräftet auf die Knie…nur um hinter mir die Mädchenstimme meiner toten Schwester zu hören. Ich fuhr herum und da stand sie, genauso wie ich sie als Kind in Erinnerung habe. Sie starrte mich mit völlig ausdruckslosen Augen an, doch der Satz, den sie gesprochen hatte, fuhr mir durch Mark und Bein: „Er frisst mein Herz!“ 

Ich wollte auf sie zugehen, doch in diesem Moment rief mich Jenkin und innerhalb von einem Lidschlag war sie verschwunden. Noch bevor ich ihm von meiner Erscheinung berichten konnte, hörten wir ein bedrohliches Geräusch aus Richtung des Ufers. Offenbar war Jenkins Ruf laut genug gewesen, um die Aufmerksamkeit von etwas zu erwecken. Wir kauerten uns eilig hinter einige Felsen und konnten nur hilflos mit anhören, wie sich etwas Großes und Schweres über den Strand wälzte, ein grässliches Mahlen und Knirschen, das an unseren Nerven zehrte. Irgendwann stieß das Wesen eine Art Schrei aus, wie wir ihn auch in dem Traum gehört haben, wenngleich es sich eher wie eine verständnislose Imitation anhörte, und wälzte sich ins Wasser zurück. 

Wir schlichen so schnell und leise wie möglich von der Stelle weg und fanden nach etwa einem halben Kilometer einen Durchgang in der Wand zu unserer Rechten, hinter dem eine Rampe nach oben führte. Wir folgten ihr und fanden auf dem Weg immer wieder Friese, die offenbar Kämpfe zwischen den geflügelten Wesen und den Gallertmonstern darstellten. Zum Glück bewegten wir uns immer noch sehr leise, sonst hätten wir das aufgeregte Schnattern hinter uns als erstes Warnzeichen sicher überhört. Es klang beinah so, als würde sich eine größere Gruppe von den Riesenpinguinen in panischer Flucht hinter uns die Rampe nach oben bewegen. Wir rannten um unser Leben, in der Finsternis stürzten wir immer wieder schmerzhaft zu Boden und rappelten uns wieder auf, während das Geschnatter und Gekreisch hinter uns immer lauter und lauter wurde und jetzt auch deutlich von diesem knirschenden und mahlenden Geräusch, das wir am Strand gehört hatten, untermalt wurde. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir eine Abzweigung, rechts führte der breite Tunnel weiter, nach links nur ein enger Gang, dem wir dann auch folgten. Kurz nach uns kamen die Pinguine, 

die den rechten Tunnel nahmen, dicht gefolgt von dem Gallertmonster. Auch wenn wir es nicht sehen konnten, so bekamen wir doch einen Eindruck von der schier unvorstellbaren Masse und Wucht, mit der es unaufhaltsam den Tunnel entlangwalzte. Wie erleichtert wir waren, dass es uns ignoriert hatte! Wir folgten dem engen Gang, der stetig nach oben führte und uns schließlich in der Grube bei dem Geröllberg nahe unserem Lager wieder ans Tageslicht brachte. 

Ja, tatsächlich waren wir ins Licht der Polarsonne zurückgekehrt. Nie zuvor habe ich eine derartige Erleichterung empfunden wie in diesem Moment. Wie wir die mehr als 20km Strecke, die zwischen unserem und Lexingtons Lager liegen, unter Tage zurücklegen konnten, diese Frage stellte ich mir zunächst gar nicht. Wir kletterten aus der Grube und sahen auch sofort unser Flugzeug, dass von Ted gerade startklar gemacht wurde. Er erzählte uns, dass er mehrere Stunden lang versucht hatte, die Tür zu dem Ei zu öffnen und dann umgekehrt war, um eine Rettungsmannschaft zu organisieren. Kann es denn sein, dass wir wirklich so lange in der Traumwelt gefangen waren? 

Währenddessen näherten sich Prof. Moore und Charlie dem Flugzeug und wir gingen ihnen entgegen. Ich weiß nicht, ob es meine ständige Paranoia oder eine Art sechster Sinn war, der mich meinen Blick abwenden ließ, aber als ich zum Himmel schaute sah ich zwei der geflügelten Wesen, die sich direkt aus der Sonne auf Moore und Charlie stürzten. Ich stieß noch einen Warnschrei aus, doch es war bereits zu spät. Charlie wurde vor unseren Augen in zwei Hälften gerissen und der Professor von einer der Kreaturen weggeschleppt. Ich war geschockt und konnte keinen klaren Gedanken fassen, doch Ted handelte blitzschnell und ließ die Motoren wieder an, um die Verfolgung aufzunehmen. Jenkin und ich stolperten an Bord und wir hoben ab. 

 

Das Dröhnen unserer Flugzeugmotoren ist unbeschreiblich laut. Die Windböen werfen uns hin und her, wir sind nicht mehr als ein Spielball der Elemente, es ist mir kaum möglich, diese wenigen Zeilen zu schreiben. Ted sitzt im Cockpit, die Hände wie Klauen um den Steuerknüppel verkrampft. Neben ihm Jenkin, der starr geradeaus blickt. Über seine Schulter kann ich durch die Frontscheibe die zwei Wesen sehen, die vor uns über die Stadt fliegen. Wie es auch kommen mag, an Umkehr ist nicht mehr zu denken. Vorwärts ins Herz der Finsternis…


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#26 Azrael

Azrael

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Geschrieben 06. April 2015 - 07:52

Es ist vollbracht! Wir sind durch und trotz all der Mühen beim Vorbereiten war es einfach mal großartig. Anders kann ich das nicht ausdrücken. 2 1/2 Jahre Realspielzeit und 14 Abenteuer. :)

 

Hier der letzte Tagebucheintrag:

 

(ACHTUNG SPOILER) ----------------------------------------------------------

 

 

 

 

 

 

Reisetagebuch Raymond Harsen 

(niedergeschrieben von Jenkin Waite) 

 

Datum unbekannt 

Ted und Raymond sind nicht mehr am Leben, und so fällt es nun mir zu, diese letzten Zeilen zu schreiben. Ich habe das Tagebuch in Raymonds Innentasche gefunden, ein getreulicher Zeuge für den Wahn, der in den letzten Tagen und Wochen zunehmend von seinem Geist Besitz zu ergreifen schien. Seine Handschrift, zu Beginn unserer glücklosen Reise noch schwungvoll und klar, ist zu einem kümmerlichen Gekrakel geworden. Die Eintragungen werden von Woche zu Woche verworrener, manisch und rastlos reiht sich Wort an Wort. Wäre ich nicht selbst bei den Ereignissen, die sich hier zugetragen haben, dabei gewesen, ich hielte seine Schilderungen für die tollkühnste Phantasterei. Doch das sind sie nicht, und nun zahlen wir alle den höchsten Preis für unseren Wagemut. 

Wir verfolgten die Wesen, die Prof. Moore entführt hatten, beinahe zwei Stunden lang mit dem Flugzeug. Erst flogen wir über die Stadt, die sich als langgezogener Streifen im Schatten der Miskatonic-Berge erstreckte und deren gesamtes Ausmaß uns erst jetzt wirklich bewusst wurde. Nach einer Weile ließen wir sie dann hinter uns zurück und flogen über eisiges Ödland. Soweit wir es aus der Höhe erkennen konnten, befand sich unter uns nichts außer verkarsteten Eisfeldern. Nach einiger Zeit machten wir vor uns im Sturm etwas aus, das wir zunächst für eine große Wolkenbank hielten. Erst allmählich wurde uns klar, dass wir auf ein noch viel gewaltigeres Bergmassiv zusteuerten, neben dem sich die Bergkette im Westen wie eine Reihe sanfter Hügel ausnahm. 

Fast gleichzeitig bemerkten wir vor uns einen monolithischen schwarzen Turm, der anscheinend das Ziel der Wesen war, denn sie gingen tiefer und verschwanden im immer noch tobenden Schneesturm. Als wir dies sahen, setzten wir ebenfalls zur Landung an, doch aus irgendeinem Grund verlor Ted dabei das Bewusstsein und wir machten eine Bruchlandung. Raymond brach sich einige Rippen, während ich mir beim Aufprall einige Blessuren zuzog und auch noch die Zungenspitze abbiss. Ted hingegen kam mit einigen Schrammen davon. Insgesamt hatten wir sicher Glück im Unglück, doch das Flugzeug war unwiederbringlich verloren. 

Ted verließ als Erster die Maschine und fand schnell Spuren der Wesen, die zum Turm führten. Noch während ich mich bereitmachte und versuchte, meine Wunden notdürftig zu verbinden, hörte ich hinter mir ein Geräusch und fuhr herum. Raymond stand da, das Gesicht zu einer seltsamen Grimasse erstarrt, die Augen fiebrig glänzend und in der Hand ein Messer. Für einen Augenblick bekam ich Angst, dass er mich angreifen würde. Der Gedanke wäre mir vorher nie in den Sinn gekommen, doch seine Stimmungsschwankungen und sein Verhalten sind so unberechenbar geworden, dass meine Hand ganz unwillkürlich auf den Griff meiner Pistole fiel. Einige Herzschläge lang standen wir uns so in der Enge der Kabine gegenüber, dann wandte er sich mit einem unwirschen Schnauben ab und kletterte nach draußen. Ich brauchte einige Momente, um meine Fassung zurückzuerlangen, dann folgte ich meinen Gefährten nach draußen. 

Wir gingen den Spuren nach und stießen am Fuß des Turms auf einen etwa 2x2m durchmessenden Schacht, der in die Erde hinabführte. Da wir keinen anderen Eingang finden konnten, stiegen wir hinein und gingen einen Tunnel entlang, bis wir schließlich auf eine große Halle trafen. Der Boden bestand aus fünfeckigen Steinplatten und in der Mitte erhob sich eine Art Säule. Die Decke der Halle verlor sich im Halbdunkel, doch an der Wand, die seltsamerweise völlig frei von den inzwischen bekannten Friesen war, führte eine Rampe nach oben. Während wir die Rampe hinaufstiegen, nagte etwas in meinem Unterbewusstsein. Vielleicht war es die ungewohnte Kahlheit der Wände, doch ich 

begann, nochmals über die Friese nachzudenken, die ich in den letzten Tagen eingehend studiert hatte. Sie zeigten stets eine Art Panorama der Stadt, jedoch waren gewisse Teile der Darstellung immer unkenntlich. Ich hatte dies zunächst für natürliche Verwitterung gehalten, doch plötzlich wurde mir klar, dass jemand (oder etwas) bewusst ein Motiv aus den Friesen entfernt hatte … den schwarzen Turm, in dem wir uns befanden. Unwillkürlich lief mir ein Schauer über den Rücken und ich hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Auch Raymond wirkte sehr nervös, sah sich immer wieder hastig um, nur um dann den Kopf zur Seite zu legen, als lauschte er einem Geräusch oder einer Stimme. Seine Lippen bewegten sich dabei unablässig, als würde er eine angeregte Unterhaltung führen. Ich wagte nicht zu fragen, welche Abgründe seines Geistes ihn nun wieder in Beschlag genommen hatten, und folgte stattdessen Ted, der unbeirrt die Rampe hinaufstieg. 

Die Rampe verschwand schließlich durch eine Öffnung in der Decke, durch die schwacher Lichtschein fiel. Dahinter erstreckte sich ein weiterer Raum, auf dessen Boden wir eine Reliefkarte der Stadt und der Vorgebirge fanden, die sowohl in ihrer Größe als auch Exaktheit verblüffend war. In der Mitte der Karte lag ein fünfeckiger Stern mit einem Loch in der Mitte. Wir erkannten recht bald, dass der Stern in seiner Lage dem Riesengebirge glich, auf das wir zuvor zugeflogen waren und in dem sich, so die Karte denn maßstabsgetreu war, ein Schacht von gigantischen Ausmaßen befand. Die Rampe führte von der Wand weg und begann direkt über dem Stern, sich spiralförmig nach oben zur Decke zu winden. 

Die Temperatur hatte erheblich zugenommen und lag jetzt so weit über dem Gefrierpunkt, dass wir Teile unserer Kälteschutzausrüstung ausziehen konnten. Doch auch ohne die sperrige und ungelenke Kleidung schien es uns sehr gefährlich, die schmale Rampe, die über keinerlei Geländer oder Haltevorrichtung verfügte, ungesichert zu erklimmen. Wir beschlossen also, uns aneinander mit einem Seil zu sichern, was sich als kluge Vorsichtsmaßnahme erwies. Auf halbem Weg zur Decke hinauf rutsche Ted auf dem schlüpfrigen Untergrund aus und stieß Raymond dabei fast hinunter. Er konnte sich gerade noch mit den Fingerspitzen an der Kante der Rampe festklammern und hing für einige Sekunden frei über dem Abgrund, bis wir ihn mit vereinten Kräften hochziehen konnten. Ziemlich mitgenommen setzen wir unseren Weg fort und erreichten schließlich einen weiteren Durchgang in der Decke. 

In diesem dritten Raum wandt sich die Rampe weiter spiralförmig nach oben und war dabei völlig von einer Art kristallinem Geflecht umgeben. Aus welchem Material die Struktur genau bestand und welchem Zweck sie diente, konnten wir nicht feststellen, doch sie schien elektrische Spannung zu transportieren. Ich fühlte mich wie damals im Generatorraum unseres Schiffes und es lag ein ähnlicher Geruch von Ozon in der Luft. Ungefähr auf halbem Wege geschah es dann. Ted, der wie immer vorausging, blieb plötzlich stehen und berührte mit der Hand das Kristallnetz. Sein Körper wurde augenblicklich stocksteif, jeder Muskel bis aufs Äußerste angespannt. Langsam drehte er sich zu uns um und wir sahen, dass seine Augen soweit nach oben gerollt waren, dass man nur noch das Weiß der Augäpfel sehen konnte. Sein Mund war zu einem tonlosen Schrei weit aufgerissen, die Zähne zu einem beinahe totenkopfartigen Grinsen gefletscht. Noch bevor wir versuchen konnten ihm zu helfen, zog er mit seltsam abgehackten Bewegungen seine Pistole aus dem Holster, setzte sie sich an die Schläfe … und drückte ab! Mit einer grässlichen Kopfwunde brach er zusammen und sein lebloser Körper stürzte von der Rampe in die Tiefe. 

Raymond und ich blieben zunächst wie angewurzelt stehen, unfähig zu begreifen, was wir gerade gesehen hatten. Wie lange wir so voreinander standen, vermag ich nicht zu sagen, doch plötzlich drang von weiter oben aus dem Turm ein grässlicher Schrei zu uns herab. Ich hätte nicht sagen können, ob Mensch oder Tier der Ursprung war, ob vielleicht sogar Prof. Moore in unendlicher Agonie diesen Laut ausgestoßen hatte, aber er riss uns aus unserer Erstarrung. Raymond nickte mir 

wortlos zu, drehte sich um und stieg weiter nach oben zum nächsten Durchgang. Ich folgte ihm und konnte dabei deutlich hören, wie er unentwegt, wie ein Mantra, vor sich hinmurmelte: „Alle Wege führen hier zusammen, hier wird es enden!“ 

Wir erreichten die vierte Ebene des Turms. Die Rampe hörte hier auf und wir fanden uns in einem Raum von unbestimmbarer Größe wieder, der von einem fast schon dschungelartigen Pflanzenbewuchs überzogen war. Die Pflanzen mit ihren dickfleischigen Blättern wirkten auf mich sehr fremd, weniger wie die uns vertraute Flora sondern mehr wie die Rekonstruktionen, die man aus fossilen Funden urweltlicher Pflanzen angefertigt hat. Die Temperatur war immer weiter gestiegen, und obwohl wir inzwischen unsere Schutzkleidung völlig abgelegt hatten, lief uns der Schweiß in Sturzbächen über die Gesichter. Zwischen den Pflanzen fanden wir immer wieder zerbrochene Kristalle am Boden, die scheinbar einmal Teil des Netzes waren und jetzt tot und nutzlos überwuchert wurden. Unwillkürlich erinnerte mich die Szenerie an die Beschreibung eines verfallenen Tempels einer untergegangenen Zivilisation, wie man sie in den populären Groschenromanen eines Robert E. Howard findet … bis wir auf die Berge von Knochen stießen. Es waren eindeutig menschliche Gebeine, die hier zu großen Haufen aufgeschichtet waren. Rippen, Arm- und Beinknochen, ganze Brustkörbe, Finger- und Zehenknochen, wie makabre Puzzleteile zusammengefügt. Nur Schädel und Rückgrate sahen wir keine. Ich blieb dicht hinter Raymond, und gemeinsam suchten wir einen Weg durch das beinerne Labyrinth, bis wir schließlich auf eine viel schmalere Rampe stießen, die weiter nach oben führte. Raymond begann hinaufzusteigen, doch nach einigen Metern verlor er den Halt und stürzte schwer in einen der Knochenberge. Er verletzte sich dabei erneut, ein scharfkantiger Knochensplitter bohrte sich in seine Seite und bald klebte sein Hemd an der stark blutenden Wunde. Doch er wankte direkt wieder zu dem Steg, erneut dieses fiebrige Glänzen in den Augen, und begann emporzusteigen. „Er wartet auf uns, Jenkin, er wartet!“ hörte ich ihn noch sagen. 

Wir erreichten über den schmalen Steg die fünfte Ebene, die völlig zugewachsen war. Die herrschende Hitze und Feuchtigkeit erinnerte mich an subtropische Regenwälder, ein süßlich-schwerer Geruch von Moder und Pilzbefall lag in der Luft. Mühsam bahnten wir uns einen Weg durch das Dickicht, bis wir auf einer Art Lichtung ein Steinbecken fanden, das mit einer öligen schwarzen Flüssigkeit gefüllt war. Nach allem, was wir unter der Stadt gesehen und erlebt hatten, hätte ich es eigentlich besser wissen müssen, doch trotzdem nahm ich einen Stock und stocherte in der Flüssigkeit … die sich plötzlich zu verfestigen begann und erste Gliedmaße ausformte. Es war eines der Gallertwesen. 

In blinder Panik rannten wir vor dem Wesen davon, Trampelpfaden folgend, die jemand oder etwas Unbekanntes durch das Gestrüpp gebahnt hatte. Unsere Flucht endete, als wir eine weitere Lichtung erreichten und dort eine monströse Scheußlichkeit vorfanden. Es fällt mir schwer zu beschreiben, was es war. Ein amorpher Klumpen, ein Hybrid aus fleischartiger Masse, kristallinen Strukturen und Pflanzenmaterial, zusammengesetzt von einem Geist, der uns in der Abgründigkeit seines Wahns völlig fremd sein muss. Als schauerlicher Höhepunkt waren in das Gebilde die Schädel und Wirbelsäulen zahlreicher Menschen eingelassen. Viele davon waren ohne Zweifel tot, doch einige, darunter die Köpfe von Prof. Moore und Dr. Greene, waren aus irgendeinem Grund noch am Leben und reagierten auf uns. Nur war auch gewiss, woher zuvor der Schrei kam. Es war Moore, als sie ihn in diese schreckliche Apparatur einsetzten. An diesem Punkt konnte ich mich nicht länger beherrschen und drehte mich zur Seite, um mich heftig zu übergeben. Noch, während ich würgte, hörte ich Raymonds Stimme hinter mir, der so etwas wie „Tut mir leid, Professor!“ murmelte, dann peitschte ein Schuss. Ich fuhr herum und sah noch, wie der jetzt reglose Kopf von Moore zur Seite wegsackte. 

Im gleichen Moment lief ein starkes Beben und Zittern durch den Turm und die übrigen Köpfe rissen ihre Münder wie zu einem gepeinigten Schrei auf. Der Boden unter unseren Füßen schwankte wie bei einem Erdbeben und erste Steinplatten stürzten von der Decke über uns. Ich sah zu Raymond hinüber, der mit dem Rücken zu mir stand. Der Revolver war ihm aus den Fingern geglitten und die Arme hingen schlaff herab. Seine ganze Haltung wirkte, als habe jegliche Kraft seinen Körper verlassen, als wäre er in wenigen Augenblicken um Jahrzehnte gealtert. Ich konnte hören, wie er etwas mit ganz leiser Stimme murmelte, und drehte ihn zu mir um. Sein Gesicht war hohlwangig und eingefallen, die Haut bleich und wächsern. Aus den tiefliegenden, von dunklen Ringen umrahmten Augen flossen Tränen durch seine schlohweißen Bartstoppeln und tropften auf den Boden. „Jenkin, was haben wir nur getan? Es hat uns hierher geführt, alles war so geplant, schon immer war es so vorbestimmt, wir … wir haben es freigelassen!“ 

Er starrte vor sich auf den Boden, holte zitternd Luft, sah mir noch einmal in die Augen. „Ist das Leben nicht ein furchtbarer Witz?“, und dann war da wieder das Messer in seiner Hand, das er sich mit einer schnellen Bewegung über die Kehle führte, die sich unter der scharfen Klinge in ein blutig-feuchtes Grinsen verwandelte. Dann fiel mein Freund und Weggefährte zur Seite und blieb reglos liegen. 

 

 

 

 

 

Der Sturm, der die letzten Tage ununterbrochen getobt hat, hat sich gelegt. Meine Uhr ist stehengeblieben, und so kann ich nicht sagen, ob Minuten oder Stunden vergangen sind. Vielleicht sind es auch schon Tage, welche Rolle spielt das schon noch? Die Sonne scheint und lässt die eisbedeckten Flanken des gewaltigen Bergmassivs in gleißendem Licht erstrahlen. Ein Anblick von atemberaubender Schönheit, der sich mir durch die eingestürzte Seitenwand des Turms bietet. Die Kälte ist mit Macht zurückgekehrt. Ich fühle sie seltsamerweise nicht, doch das Blut aus Raymonds Wunde ist zu lauter kleinen rubinroten Tropfen gefroren. Ich habe es gesehen, als ich vorhin das Tagebuch aus seiner Innentasche gezogen habe. 

Warum schreibe ich dies hier noch? Ich weiß nicht, was hier geschehen ist, kann keine Erklärung dafür finden. Haben wir etwas freigelassen, wie Raymond direkt vor seinem Tod sagte? Wenn ja, was? Oder wen? Ich weiß nicht mal, ob irgendwo dort draußen noch jemand außer mir am Leben ist und dies hier lesen wird. Ich weiß nur, dass ich diesen Ort nicht mehr verlassen werde. Der Rückweg ist versperrt, die schmale Zugangsrampe ist unter dem Gewicht eines der Gallertwesen, das offenbar zu uns nach oben gelangen wollte, zusammengebrochen. Mit meinen Verletzungen wäre es schon riskant genug, hinunterzuklettern, und darüber hinaus wartet das Wesen am Fuß der Rampe. Sehen kann ich es nicht, doch ganz deutlich höre ich das Mahlen und Knirschen, mit dem sich sein tonnenschwerer Körper über den Boden schiebt. 

Der Gedanke an meinen bevorstehenden Tod sollte mich eigentlich mit Angst oder Unsicherheit erfüllen, doch ich fühle in mir nichts außer eine seltsame Ruhe und Gelassenheit. Aber müde bin ich, sehr müde. Meine Reise ist zu Ende, und nun kann ich für einige Zeit die Augen schließen. Ich werde schlafen, ich werde warten und vielleicht ein wenig träumen…







Auch mit einem oder mehreren dieser Stichwörter versehen: Spielbericht, Tagebuch, ingame, Berge des Wahnsinns, Spoiler

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