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HPL's Weltanschauungen


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77 Antworten in diesem Thema

#1 Ichabod

Ichabod

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 12:39

Hallo!

 

Ich lese gerade Sprague de Camps Lovecraft-Biographie, die u.a. ausführlich auf Lovecrafts politische und gesellschaftliche Ansichten eingeht.

 

Dass HPL einige bizarre und fragwürdige Meinungen vertrat, wusste ich, aber welche Ausmaße das mitunter annahm, war mir neu. In seinen Briefen und in anderen Schriften predigte er beispielsweise die Überlegenheit der weißen Rasse, sympathisierte mit Mussolinis Faschismus, verherrlichte den Ku-Klux-Clan, verfasste Hassgedichte über Schwarze und phantasierte von der Vernichtung seiner Meinung nach minderwertiger Menschengruppen. Sein Hass galt vor allem Osteuropäern, allen Arten von Einwanderern, Mischlingen, die er "mongrels" nannte, und Juden (was ihn nicht daran hinderte, später eine Jüden und gebürtige Russin zu heiraten).

 

Vieles davon ist sicherlich im Kontext der Zeit zu sehen. Viele neuenglische "Altamerikaner" hielten sich bis weit in das 20. Jh. hinein für die führende Volksgruppe, verachteten Schwarze und Juden und fürchteten die Zerrüttung der amerikanischen Nation durch Einwanderung. Aber meiner Meinung nach greift das zu kurz. Derartige Sichtweisen mögen verbreitet gewesen sein, aber es gab schon zu HPL's Lebzeiten starke liberale Gegenströmungen, Rassismus wurde als menschenverachtend und wissenschaftlicher Unfug kritisiert. Lovecraft hatte also alle Möglichkeiten, seine Ansichten zu hinterfragen und sich andere anzueignen, er war nachweislich intelligent und reflektiert genug dafür. Trotzdem gelang ihm das nicht bzw. erst am Ende seines Lebens.

 

Ich muss gestehen: Mich macht die Beschäftigung mit Lovecrafts Person einigermaßen ratlos. Als ich ihn vor rund 15 Jahren entdeckte, haben viele seiner Geschichten großen Eindruck auf mich gemacht, die Mythos-Klassiker ("Berge des Wahnsinns" etc.) faszinieren mich noch immer. Seine Arbeit hatte einen gewaltigen kulturellen Impact, weshalb man ihn m.M.n. völlig zu recht als einen der größten phantastischen Schriftsteller des 20. Jh. würdigt. Umso befremdlicher finde ich seine politischen Ansichten. Um etwas Bleibendes zu schaffen, wie es Lovecraft gelang, braucht ein Schriftsteller eine Vielzahl von Talenten und Eigenschaften, die wichtigsten sind möglicherweise Intelligenz, Belesenheit, Beobachtungsgabe, Phantasie und Empathie, und gerade die Kombination Intelligenz plus Empathie sollte eine Person doch eigentlich gegen Rassismus, Antisemitismus und dergleichen immunisieren, oder?

 

Leider kann man Lovecrafts Hassphantasien nicht als harmlose Schrullen abtun, die er in seinen Briefen auslebte; vieles davon floss ja auch in seine Mythos-Geschichten ein und wirkt deshalb bis heute fort. Von daher würde mich interessieren, wie ihr diesen Aspekt von Lovecrafts Schaffen und die Widersprüche in seiner Person und seinem Werk einstuft.



#2 Der Läuterer

Der Läuterer

    Adjektivator des Grauens

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 12:51

Du weisst ja, wie er seine Katze nannte, oder?

Man muss nicht alles an einem Menschen mögen. Wenn dem so wäre, dann würden wir alle einsam leben und sterben.

Lass Dir von dem Negativen nicht das Positive verderben. Sieh das Positive weiter so, wie bislang auch und schätze es. Steck das Negative in eine Schublade und mach diese zu. Vergiss aber nicht, dass es diese Schublade gibt.
Nur wenige Menschen sind stark genug, um die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu hören.
- Luc de Clapiers Marquis de Vauvenargues -

#3 Dumon

Dumon

    Herold des Gelben Königs

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 12:56

Die MÖGLICHKEIT, etwas zu ändern, beinhaltet noch lange nicht den Willen oder die Erkenntnis, etwas zu ändern oder ändern zu müssen. Einstellungen sind zwar nichts Angeborenes, aber sie sind auch nichts einfach Austauschbares oder etwas "bewusst erlerntes". Lovecraft hat sich wohl kaum hingestellt und gesagt "heute werde ich Rassist, und das lege ich bis zu meinem Tod nicht mehr ab, weil es cool ist". Einstellungen sind erlernt, aufgenommen, gebildet durch das Umfeld, in dem man sich bewegt. Und wenn man nichts Anderes vorgelebt bekommt, warum sollte man das dann ändern?
...auf einem anderen Blatt (weil moralisch anders gelagert) - ich könnte mich vegan ernähren, wüsste, wie es geht und was ich machen müsste, und kenne einige Leute, die die Meinung vertreten, dass dies die einzige moralisch vertretbare Art der Ernährung sei. Mache es aber trotzdem nicht, weil ich meine Art der Ernährung als nicht verwerflich halte...
Daher bitte nie vergessen, dass wir von einem anderen Standpunkt aus auf die Dinge schauen - dem Standpunkt des 21. Jahrhunderts.

Zudem hat Lovecraft, als er älter wurde, seine Einstellungen gemäßigt - womöglich ein Einfluss seines Lebens in New York, seiner Kollegen etc. (da kenn ich mich dann nicht mehr so gut aus). In dem Zusammenhang ist dann wohl auch die Ehe zu Sonia Greene möglich gewesen - entweder als Resultat der Mäßigung, oder als Katalysator...

Zuletzt sollte man Lovecrafts "Hass" nicht von seinen "Ängsten" trennen. Wenn man die Ansicht vertritt, die Weißen seien die gebildetste, zivilisierteste "Rasse" , dann ist es auch nicht schwer, die Angst vor dem Verlust der Errungenschaften nachzuvollziehen, die diese "Herrscherrasse" sich erstritten hat, wenn "Vermischung von Erbgut" da vielleicht "Degeneration" von intellektuellen Kapazitäten nach sich ziehen könnte.
...bitte versteht das richtig: das ist nicht meine Meinung, sondern reine Hypothesenbildung...
Dazu kommt ja auch noch, dass Lovecraft Angst vor Degeneration generell hatte - immerhin starb seine Mutter in der Heilanstalt, und auch sein Vater wird mit geistiger Krankheit zumindest in Verbindung gebracht.


Allerdings ist Lovecrafts Werk keinesfalls von diesen Ansätzen zu trennen.
Rassenvorstellungen, Angst vor Degeneration und dergleichen sieht man recht deutlich in einigen Geschichten. Insbesondere in "The Call of Cthulhu", und der Darstellung der Riten in den Bayous. Oder reflektiert in den Tiefen Wesen und deren Paarung mit menschlichen Frauen. Aber auch in der Unterscheidung zwischen "Backwater Towns" und einfachen "Dörflern" zu "Intellektueller Elite" bzw. den immer gebildeten Protagonisten zeigt sich eine klare Klassen-Sichtweise. Und geht man noch mehr ins Detail, ließen sich wahrscheinlich unendlich viele kleine und große Hinweise in seinem Gesamtwerk finden...
 


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Never trust the storyteller. Only trust the story.
(Neil Gaiman, Sandman #38)

 

It is a fool's prerogative to utter truths that no one else will speak.
(Neil Gaiman, Sandman #19)


#4 Ichabod

Ichabod

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 14:18

Danke schon mal für eure Antworten!

 

 

Du weisst ja, wie er seine Katze nannte, oder?

 

Ja ...

 

 

Lass Dir von dem Negativen nicht das Positive verderben. Sieh das Positive weiter so, wie bislang auch und schätze es. Steck das Negative in eine Schublade und mach diese zu. Vergiss aber nicht, dass es diese Schublade gibt.

 

Das scheint mir eine sinnvolle Herangehensweise zu sein.


Bearbeitet von Ichabod, 20. Juni 2014 - 14:18 .


#5 Nyre

Nyre

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 14:26

..und nicht vergessen: Hund der bellt, beisst nicht. Er war zum Beispiel, auf dem Papier absolut omophob, doch einer seines besten Freundes (Samuel Loveman) war Homosexuell.

Ich finde persoenlich H.P.L. quasi Opfer seine Aengste. Zumindest, als ich die Briefe gelesen habe (ein Teil davon) hatte ich stark diesen Eindruck.


"...and the stars will be your eyes, and the wind will be my hands"


#6 Ichabod

Ichabod

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 14:31

Das sehe ich ähnlich. HPL war körperlich/gesundheitlich eingeschränkt, sein ganzes Leben lang unguten Einflüssen vor allem durch seine Mutter ausgesetzt und in einem Ausmaß neurotisch, dass man schon von einer mittelschweren psychischen Erkrankung sprechen muss. Das entschuldigt seine Ansichten zwar nicht, erklärt sie aber wenigstens zum Teil.


Bearbeitet von Ichabod, 20. Juni 2014 - 14:33 .

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#7 Judge Gill

Judge Gill

    CTHULHU Chefredakteur

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 15:01

Es verwundert mich eigentlich nie, wenn jemand in der Zeit vor dem 2. WK rassistisch, homophob und was weiß ich noch alles war.

Mich erstaunen eher die Leute, die das nicht waren.

 

Selbst die Gesetzgebung der "zivilisierten" Länder war das, ebenso wie sie antisemitisch waren.

 

Bemerkenswert bei HPL finde ich da nur, dass er diese Ansichten noch änderte (quasi in eine "Nachkriegseinstellung", wie ich das mal nennen will).


Hinweis: Man findet zahlreiche Spielhilfen zu CTHULHU als kostenlose Downloads unter pegasusdigital.de


#8 Ichabod

Ichabod

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 15:22

Es verwundert mich eigentlich nie, wenn jemand in der Zeit vor dem 2. WK rassistisch, homophob und was weiß ich noch alles war.

Mich erstaunen eher die Leute, die das nicht waren.

 

Selbst die Gesetzgebung der "zivilisierten" Länder war das, ebenso wie sie antisemitisch waren.

 

Dass ein Mensch in solchen Zeiten quasi mit dem Strom mitschwimmt und diese "Mainstream"-Ansichten unhinterfragt übernimmt, finde ich durchaus nachvollziehbar. Aber HPL hat ja weit mehr als das getan, sein Hass schien an Eifer zu grenzen, mit seinen Schriften sorgte er aktiv dafür, dass dieses Weltbild zementiert und weiter verbreitet wurde – obwohl er als gebildetener und reflektierter Mann hätte erkennen müssen, was er da tat. Es ist weniger das Vorhandensein dieser Ansichten, was mich befremdet, sondern eher die offensive Art, wie er sie jahrzehntelang vor sich hertrug. Dabei war er selbst alles andere als ein strammer Herrenmensch (um in seinem Jargon zu bleiben), er hatte ja viele Eigenschaften, die gerade die von ihm bewunderten Faschisten an Intellektuellen so verachteten (körperliche Schwäche, allgemeine "Verzagtheit" usw.). Weshalb sich natürlich die Vermutung aufdrängt, dass seinen Ansichten Wunschdenken und ein gerütteltes Maß an Selbsthass zugrunde lagen ...


Bearbeitet von Ichabod, 20. Juni 2014 - 15:23 .

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#9 Der Läuterer

Der Läuterer

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 16:32

Zu der eigenen Meinung zu stehen ist nie einfach, wenn diese nicht der Meinung der Mehrheit entspricht.
Dass war es damals nicht und ist es heute auch nicht.

Wenn der Chef etwas sagt, dann nicken doch alle erst einmal, selbst wenn sie vorher ganz anders geredet haben. Und auf den, der dagegen ist, wird eingeprügelt.

Die Leute wollen einfach keine Probleme bekommen und gemocht werden. Da ist eine andere Meinung oft nicht hilfreich.
Nur wenige Menschen sind stark genug, um die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu hören.
- Luc de Clapiers Marquis de Vauvenargues -

#10 Kezia

Kezia

    Cthultist #066

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 16:42

Lass Dir von dem Negativen nicht das Positive verderben. Sieh das Positive weiter so, wie bislang auch und schätze es. Steck das Negative in eine Schublade und mach diese zu. Vergiss aber nicht, dass es diese Schublade gibt.

 

Das hast Du sehr treffend beschrieben - für weit mehr als nur dieses Thema.

Leider kann man nicht alle 5 Likes auf einen Beitrag anbringen, sonst hätte ich das heute gemacht.


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#11 Der Läuterer

Der Läuterer

    Adjektivator des Grauens

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 17:01

Sehr lieb von Dir.
Man hat so seine Momente.

Übrigens: seit kurzem hast Du 20 !!! Likes.
Nur wenige Menschen sind stark genug, um die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu hören.
- Luc de Clapiers Marquis de Vauvenargues -

#12 Blackdiablo

Blackdiablo

    Herr des Schreckens

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Geschrieben 20. Juni 2014 - 21:15

@Ichabod: Eine interessante Ergänzung zum Thema findest du hier. Zumindest falls du es noch nicht kennst. ;)


"Nicht einmal der Tod kann dich vor mir retten."

 

- Diablo II

 

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"Hey, das klingt wahnsinnig interessant! Warum schreibst du nicht einen Artikel im ..."

 

CthulhuWiki

 

-----

 

- Wir bitten auch herzlich um Feedback! :) -

 


#13 Ichabod

Ichabod

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Geschrieben 21. Juni 2014 - 09:12

@Blackdiablo: Der Link funzt leider nicht.



#14 Der Läuterer

Der Läuterer

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Geschrieben 21. Juni 2014 - 09:16

Arkham Insiders Folge 24 – Lovecrafts politische Ansichten um 1917 bis 1919

Bei mir tut er es. Vom SmPh aus.
Nur wenige Menschen sind stark genug, um die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu hören.
- Luc de Clapiers Marquis de Vauvenargues -

#15 Ichabod

Ichabod

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Geschrieben 21. Juni 2014 - 09:25

Bei mir leider nicht. Auch wenn ich die Seite über google suche, kann ich sie nicht aufrufen ...

 

EDIT: Egal welchen Link ich anklicke, den google mir liefert, es tut nicht.


Bearbeitet von Ichabod, 21. Juni 2014 - 09:27 .





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