Gestern war der erste Termin einer vielversprechenden neuen Runde, die zunächst erstmal auf eine Minikampagne ausgelegt ist. Beim Bericht versuche ich mich auf entscheidende Aspekte zu beschränken.
Die Charaktere wurden gemeinsam erschaffen, wobei ich eine gemeinsame Verbindung durch eine Privatdetektei nahegelegt habe (also im Grunde das, was der Autor für das Szenario empfiehlt). Eine Besprechung der Erwartungen an das Spiel sowie des favorisierten Spielstils ergab, dass sich alle Spieler lieber pulpig als puristisch spielen wollen - passt ja für das Szenario. Weiterhin wäre der Großteil der Spieler_innen als proaktiv-handelnd (im Gegensatz zu passiv-ein-Abenteuer-erleben) zu beschreiben und spielen eher Systeme wie FATE, Gumshoe, PDQ# und dergleichen mehr.
Szenario: Unsere Liebe Frau aus den Wäldern
Autor: Steffen Schütte
Publikation: Um Ulm Herum
Spoilerfreie Bewertung nach Abschluss des Szenarios:
- Alles in allem handelt es sich bei "Unserer Lieben Frau" um ein Szenario der Spitzenklasse! Besondere Stärken, bzw. Merkmale sind:
- Pulp!
- Flair und Lokalkolorit mit sehr stimmungsvollen Örtlichkeiten und Personen (z.B. Giordani, Germanen-Meier, Ribbenzell etc.)
- Gute Mischung aus Action und Recherche
- Eine in sich logische verzweigte Geschichte, die die Gruppe erstmal Kopfzerbrechen bereiten wird, aber bei der Auflösung dann umso schöner ist.
- Wir haben insgesamt 7 Sessions a jeweils 3-4 Stunden gebraucht. Dabei haben wir hauptsächlich gemächlich gespielt und die Spieler hatten auch des Öfteren Ideen, die so nicht im Abenteuertext auftauchten, was das Szenario wiederum verlängerte. Da wir nur einmal alle vier Wochen gespielt haben, haben wir dafür 7 Monate gebraucht! Mit mehr hartem scene-framing und viel Straffung könnte man vielleicht in 16-20 Stunden durchkommen. Mit gemächlichem Spiel eher 25-30 Stunden. Damit ist das Abenteuer eigentlich schon eine richtige Kampagne, was eben auch Charakterentwicklung ermöglichte.
- Als ausdrückliches Problem würde ich den Abenteuertext ausweisen. Einerseits finde ich den Stil von Steffen Schütte oft äußerst inspirativ. Allerdings lässt die Struktur, trotz einiger Extra-Kästen zu wünschen übrig. Wichtige Hinweise sind oft im Fließtext versteckt. Dies ist bei "Unserer Lieben Frau" gravierend, da es sich wirklich um eine verzwickte Story handelt. Die Spielleitung muss sich vorher genau im Klaren darüber sein, welche Hinweise unbedingt gefunden werden müssen, welche optional sind und wohin welche Hinweise führen. Nur wenn man sich über die Verbindungen im Klaren ist, kann man auch vernünftig improvisieren. Der Abenteuertext mit Handouts und allem drum und dran umfasst glaube ich 60-80 Seiten, da erfordert das Einlesen viel Zeit.
Teil 1: München
Spielzeit: ca. 3h + 1h Charaktererschaffung
Gruppe: Privatdetektiv, Fotoreporterin, Krankenschwester, Medium, Künstler
SPOILERWARNUNG!!!!
- Der Empfang war ein cooler Einstieg - die Charaktere haben sich immerhin schon einen Namen gemacht und "sind jemand"
- Der Einstieg mit Herwald ist etwas railroady, wurde aber gut akzeptiert (ist schließlich der Einstieg): Verfolgung des Kultisten; Action im Hotel; Kultist muss über das Dach entkommen.
- Stolperstein 1: laut Buch sind die Herwalds nicht ansprechbar, bzw. man bekommt aus ihnen nichts heraus. Eine Spielerin würfelte allerdings einen kritischen Erfolg in Erste Hilfe, deswegen habe ich sie doch einiges ausplaudern lassen. Mann muss nur darauf achten, dass die Herwaldt nicht erwähnen, dass sie eigentlich nicht aus TÜ, sondern aus Nördlingen kommen.
- Mooshammer ließ sich sehr gut als Gegenspieler zum Privatdetektiv einbringen.
- Das Gelbe Pulver wurde gefunden und sowohl chemisch als auch alchemistisch untersucht. Sie fanden alles heraus, was der Abenteuertext dazu hergibt (der Künstler wühlte (mit Glückswurf) alleine bis tief in die Nacht hinein in der Bibliothek.
- Pater Giordani habe ich aus dramaturgischen Gründen in die letzte Szene des Abends gepackt. Ein SC reagierte blitzschnell und erschoss tatsächlich den verantwortlichen Kultisten! Und dann: Cliffhanger!
- Generell habe ich versucht auf coole Spielerideen einzugehen, die das Buch natürlich nicht alle berücksichtigen kann:
- ein SC suchte nach Fotos im Herwald-Zimmer. Warum nicht? Das Foto der Zwillinge färbte sich über Nacht mysteriöser Weise schwarz.
- Der Künstler machte sich eine Skizze über den mysteriösen Kultisten (Kopfform?!). Über Nacht verfälschte er unter Einfluss des Gelben Pulvers seine eigene Skizze, auf der am nächsten Tag bloß ein Mann mit Zylinder zu erkennen war. Der immunisierte SC erkannte, dass auf der Skizze ganz offensichtlich rumradiert worden war.
- Die SCs gaben der KriPo Zeugenaussagen ab. Am nächsten Tag stand in den Protokollen allerdings etwas ganz anderes (wiederum Gelbes Pulver!). Die "richtigen" Versionen fand man irgendwo im Papierkorb!
- die Krankenschwester untersuchte die Überbleibsel des erschossenen Kultisten. Ich improvisierte (kritischer Erfolg auf Medizin), dass die Schädelform zwar menschlich sei, aber bestimmte Schädelpartien nicht der heutigen Schädelform des homo sapiens entsprechen, sondern älter wären.
Bearbeitet von angband, 09. November 2015 - 20:12 .