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[Delta Green] IMPOSSIBLE LANDSCAPES


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#1 aeq

aeq

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Geschrieben 14. November 2020 - 20:51

Da meine Berge des Wahnsinns-Runde aktuell coronabedingt auf Eis liegt, habe ich mich eingehender mit Delta Green beschäftigt und das System sehr schätzen gelernt. Deshalb möchte ich hier (wie schon bei den BdW) meine Kampagnen-Zwischenberichte dokumentieren. Vielleicht sind sie ja für den einen oder anderen von Interesse.

 

Eine kleine Anmerkung für Freunde des Metaplots: Ich habe Groversville ein wenig vorverlegt - ich lasse mir die Gelegenheit nicht nehmen, meine Spieler mit ominösen und unverständlichen Andeutungen zu verwirren.

 

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Ablauf

 

Die Kampagne umfasst vier Abenteuer und ich habe sie für den Einstieg der Spieler noch um ein nulltes Vorspiel ergänzt - "A Victim of the Art" welches sich im Quellenband Countdown findet:

 

0. A Victim of the Art (1995)

1. Night Floors (1995)

2. A Volume of Secret Faces (2015)

3. Like a Map made of Skin (????)

4. The End of the World of the End (∞)

 

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Dramatis Persona 

 

Gerard Michael Lutece -  Agent Parcival - FBI, Criminal Investigation Division (seit 1992 beim NYPD semi-fest stationiert)
Janus Thal - Agent Percy - Anthropologe/Profiler (CIA)
Ethan Wilson - Agent Preston - Computer Scientist/Engineer (FBI in Quantico)
Laszlo Rabel - Agent Parker - SWAT-Ausbilder (FBI in Quantico)
 
Parcival, Percy und Preston sind Neulinge, die hinzugezogen wurden, um die Lücken in P-Cell zu füllen, die eine... verbesserungswürdig gelaufene Operation verursacht hat. Laszlo hingegen ist ein langjähriger Veteran, der in den letzten Tagen vor OBISIDIAN rekrutiert wurde und die kompletten Cowboy-Jahre mitgemacht hat, ohne allerdings jemals von Fairfield oder Camp ins Vertrauen gezogen worden zu sein. 

 

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A Victim of the Art I 

 

Die Innenstadt von Oklahoma gleicht den zerstörten Straßen von Beirut. Die Bilder der massiven Explosion, der schreienden Verwundeten und jener von Einsatzkräften aus den Ruinen der Behörde gezogenen, zerfetzten Leichen flimmern am 19.4.1995 über die Röhrenmonitore der 99 Millionen Haushalte der Vereinigten Staaten.

 

Es ist der Tag, an dem Agent Parkers Telefon klingelt und ihm eine synthetische Stimme über eine sichere Leitung jene Worte sagt, auf die er zu lange gewartet hat: „You are invited to a night at the opera. Stillwell Avenue Station 1 in the morning. Third Waggon.” Auf vertraulichen Kanälen war nach dem letzten Debriefing kontaktiert worden, mit dem Hinweis, dass er sich bereithalten solle. Doch seitdem waren 16 Monate vergangen, ohne jedes Wort.

 

Die schattenhaften Metallskelette der Riesenräder und Achterbahnen Coney Islands ragen in wenigen hundert Metern Entfernung am Ufer des Hudson Rivers auf, als er kurz nach Mitternacht an der heruntergekommenen Stahlstruktur namens Stillwell Avenue Station mit seinem Auto ankommt. In dieser abgewrackten Gegend ist es jenseits der sich vereinzelt in den Gassen schlafenden Lumpenhaufen nicht schwer, die anderen auszumachen. Drei Männer, Anfang bis Ende 30, unruhig wartend, dem Habitus nach alle mit behördlichen Hintergrund. Irgendwann hatte einer von ihnen das Schweigen gebrochen. Man kam über Belanglosigkeiten ins Gespräch, taxierte einander, während das analoge Ziffernblatt der Bahnhofsuhr dem Ende der ersten Stunde des neuen Tages entgegentickte. Als Parker hinzustößt, bietet er einen Kaffee an und versucht die anderen auf das Briefing vorzubereiten. Selbst nicht im Bilde belässt er es am Ende bei Plattitüden, erklärt die seit einigen Jahren praktizierte Zellen-Struktur und versucht sich ein Bild von den neuen Mitgliedern von P-Cell zu machen. Nachdem das Prinzip der Codenamen innerhalb der Gruppe erläutert wurde, stellt sich der erste von ihnen als Percy, seines Zeichens Anthropologe und Profiler bei der CIA vor. Die anderen beiden folgen: Preston ist Informatiker in Quantico und Parcival (der seinem leichten Akzent nach anscheinend mit französischen oder quebecianischen Wurzeln gesegnet ist) ebenfalls für das Bureau dauerhaft beim NYPD stationiert.

 

Alle drei Friendlies. Ihre Erfahrung mit den Unnatürlichen hatten sie alle gemacht, doch keiner hatte bisher in offizieller Verantwortung als Mitglied der Gruppe an einer Operation teilgenommen. Atypisch, aber die Reihen müssen nun einmal aufgefüllt werden. Und sie machten einen guten Eindruck. Motiviert, entschlossen, professionell. Nach Vietnam hatte Parker lange Jahre im aktiven Dienst für das Hostage Rescue Team gearbeitet, aber mittlerweile hat man ihn auf eine SWAT-Ausbilderstelle in Quantico abgeschoben und über die Leute, die man ihm dort heutzutage vorsetzte, konnte man selten auch nur das sagen.

 

Pünktlich um 1 Uhr fährt der Zug in den abgesehen von den Vieren menschenleeren Bahnsteig ein. Niemand sitzt in den trüb beleuchteten Waggons, mit einer Ausnahme: Eine einzelne Gestalt sitzt dort, vollkommen in ihre Zeitungslektüre vertieft. Als sich die Türen hinter den Agenten schließen, faltet der Mann sie langsam und systematisch zusammen. Parcival hat den vagen Eindruck ihn schon einmal in den Heerscharen des FBI im Big Apple gesehen zu haben, doch Parker erkennt den leicht zu großen Abzug, das bebrillte Gesicht und die kurzen Haare sofort – Es handelt sich um Agent Marcus, Kontaktperson von M-Cell.

 

Marcus bittet P-Cell Platz zu nehmen und erklärt die Situation: Eine Reihe von Morden in der sonst recht verschlafenen Kleinstadt Glenridge in New Jersey, nahe der Staatsgrenze, halte demnach die lokale Polizei bereits seit Wochen in Atem – erst ein lokaler Zahnarzt namens Carl Maretti, 22 Tage später die Schulbibliothekarin Vanessa Hatvan und schließlich nach zwei weiteren Wochen eine Teenagerin namens Laura Harrogate – sie alle wurden grausam verstümmelt aufgefunden: Massive Wunden bedeckten ihre Körper, stark gezahnte Spuren ließen Rückschlüsse auf irgendeine Art von großer Bärenfalle oder Reißsäge zu. Alle drei wiesen Verletzungen auf, die darauf hindeuteten, dass sie aus großer Höhe gestürzt waren, und ihre Köpfe tauchten gar nicht oder nur teilweise in einiger Entfernung wieder auf. Die Wirbelsäule fehlte in allen Fällen. Nach Harrogates Tod war der Fall ans FBI übergeben worden und landete durch Zufall auf dem Tisch des mit der Gruppe vertrauten Thomas Carson, welcher Marcus als seinen Kontakt aktivierte, als genauere Untersuchungen eine seltsame, nicht zuordbare Substanz unter den Fingernägeln der Opfer zu Tage förderte.

 

Marcus ist gegenwärtig allerdings durch FBI-Ermittlungen in New York gebunden, weshalb der Fall kurzfristig in Abstimmung mit A-Cell als Feuertaufe an Parkers neues Team übergeben wird. Er ist kein Mann vieler Worte, verweist P-Cell an einen Detective Gregson, vom Glenridge PD, den sie in offizieller Verantwortung in seinen Untersuchungen „unterstützen“ sollen und den lokalen Gerichtsmediziner Steven Santorin. Bevor sie auseinandergehen, gibt er ihnen allerdings eine letzte Warnung mit auf den Weg: Sie sollten vor Ort äußerste Vorsicht im Hinblick auf Medienvertreter wahren – insbesondere die immer beliebten „Enthüllungsjournalisten“ von Phenomenon-X würden an einer Story zum Thema arbeiten.

 

Nachdem Ende des Briefings ist es 1.25 Uhr. Man geht auseinander, das Bedürfnis nach ein paar Stunden Schlaf vor Beginn der morgigen Ermittlungen ist groß, andererseits versucht jeder sich bestmöglich auf das vorzubereiten, was die Agenten möglicherweise erwarten wird. Preston und Parker schlafen vor Ort in den Büros des FBI, bevor man sich um 8 Uhr wieder treffen will.

 

Während der Fahrt versucht die Gruppe ohne großen Erfolg aus den Informationen schlau zu werden, die ihnen Marcus über die seltsame Substanz unter den Fingernägeln der Opfer gegeben hat. Niemand weiß, was davon zu halten ist und schneller als gedacht erreicht man trotz des Rush-Hour-Verkehrs schließlich Glenridge. In der Tat ist die weniger als 40000 Einwohner starke Siedlung unauffällig. Eine primär auf die 1950er zurückgehende Innenstadt bildet das Zentrum um eine zersiedelte Fläche, die von Suburbs dominiert wird, welche der unteren bis oberen Mittelschicht zuzurechnen sind.

 

Der Wagen parkt vor der kleinen Polizeistation, in der Detective Gregson sichtlich froh über seine Verstärkung ist und ohne zu zögern alle Informationen, über die er verfügt, mit den Agenten teilt. Wie zu erwarten war, reichen diese allerdings kaum über das hinaus, was Marcus ihnen bereits mitgeteilt hatte: Die Opfer waren gänzlich unverdächtige, normale und beliebte Menschen, die über keine Feinde, Vorstrafen oder ähnliches verfügten und mit einer Ausnahme gab es keinen einzigen Zeugen. Diese Ausnahme ist die Mutter der Schülerin Laura Harrogate, welche allerdings bis auf weiteres nicht ansprechbar ist, denn was immer sie gesehen hat, trieb die ohnehin bereits schwerstdepressive Frau in einen katatonischen Zustand, weshalb sie gestern an Experten in Dorchester House, Boston überwiesen worden war. Fanden die ersten beiden Morde allerdings auf offenem Feld statt, so verschaffte sich der Täter im Fall von Miss Harrogate mit Wucht und Gewalt Zugang durch ihre Balkontür. Der Detective ist sichtlich mit seinem Latein am Ende und froh, als die Gruppe Anstalten macht, dem Coroner Santorin einen Besuch abzustatten.

 

Das Zentrum von Glenridge ist eine Stadt der kurzen Wege und so sind es zu Santorins Arbeitsplatz weniger als fünf Minuten Fußweg. Der Mann Anfang 30 ist hocherfreut über den erwarteten Besuch und beginnt die Agenten sofort mit einer aufgeputschten Mischung aus Irritation und Faszination zu überschütten – er habe Kollegen, Experten an mehreren Universitäten und Kuratoren zoologischer Museen per Fax um Einschätzungen der Reißwunden der drei Opfer gebeten und kein einziger wusste, welches Tier oder Werkzeug für derartige Spuren verantwortlich sein könnte. Parker mutmaßt, dass es sich um eine größere Forstmaschine gehandelt haben könnte, doch Santorin wischt den Vorschlag beiseite – die Spurensicherung habe keinerlei Hinweise auf entsprechende Gefährte um die Tatorte gefunden.

 

Santorin zeigt den Agenten die Leichen, deren übel zugerichteter Anblick insbesondere Percy an seine Grenzen treibt, jedoch ebenfalls keine neuen Erkenntnisse zutage fördert. Santorins wirkliche Faszination wird allerdings kurz darauf geweckt, als das Gespräch sich dem Polymer unter den Fingernägeln, dessen Ursprung er auch nach zahlreichen Analysen nicht bestimmen konnte, zuwendet. Ihrer Struktur nach scheint es sich um abgestorbene Hautzellen zu handeln, doch bestehen sie aus Fluor mit Spuren von Chlor und Ammoniak. Kein Tier der Welt sondert über seine Haut eine solche Substanz ab!

 

Die Gruppe bemüht sich nach Kräften, die Begeisterung des Mediziners für den Fall zu dämpfen, bevor sie sich ernüchtert auf den Weg macht. Auch hier keine wirklichen Fortschritte. Zumindest hatten Santorin nicht den beiden Reportern von Phenomenon-X geredet, die nach dem Tod der Bibliothekarin in die Stadt gekommen waren und ihn penetrant zu interviewen versuchten, wie er während ihrer Verabschiedung beiläufig erwähnt.

 

Parker und seine Kollegen haben bisher nur wenige Antworten und viele Fragen. Wer oder besser was war der Täter? Und was könnte das Motiv gewesen sein? Wieso ausgerechnet diese Opfer? Doch vielleicht ließe sich am letzten Tatort, dem Haus der Harrogates, mehr in Erfahrung bringen.

 

Aus sicherer Distanz bemerkt Parcival allerdings, dass der Streifenpolizist vor der Tür gerade von einem Zweiergespann, ausgestattet mit Kamera und Mikrofon belagert wird. Percy erkennt zumindest die junge Frau mit dem Mikrofon aus dem Kabelfernsehen wieder. Sonja Dewey, das junge und aufstrebende Gesicht von Phenomenon-X. Kurzentschlossen befreit er den Polizisten aus seiner misslichen Lage und gibt sich mit dem Ziel, sie auszuhorchen, gegenüber den beiden als großer Fan des Senders aus. Schnell zieht er sie vom Tatort in Richtung ihres mit moderner Schnitt- und Bearbeitungsausrüstung ausgestatteten, in einiger Entfernung geparkten Vans und himmelt die sich ihrer Attraktivität sehr bewusste Sonja an. Er bringt ihr seine eigene Theorie nahe, was der Ursprung der grausamen Morde sei – Mothman. Während Sonjas von einer nicht sonderlich alten Schusswunde in seinem Gang eingeschränkter Kameramann nur mit der Nase rümpft und dazu ansetzen will, etwas über einen gewissen Ort namens Groversville zu sagen, unterbricht sie ihn, anscheinend von der Theorie begeistert. Sie gibt Percy ihre Karte und will sämtliche Informationen und Materialien, die er zu den Verstrickungen von Mothman in die Geschehnisse in Glenridge hat, für ihren Bericht nutzen. Doch Percy drängt sie im Gegenzug dazu, ebenfalls ihre aktuellen Überlegungen offenzulegen. Gegen den Willen ihres Kameramanns setzt sie ihn über ihre wenig zufriedenstellenden Indizien ins Bild: Sie sei sich über die Details nicht sicher, aber die ganze Geschichte hätte irgendwas mit der Schule zu tun. Die Bibliothekarin, das Mädchen und der… Zahnarzt… dessen letzter Patient ein gewisser Thomas Dengler, lokaler Schüler, war!

 

Percy verabschiedet sich und gemeinsam schaut man sich im Haus der Harrogates um. Schnell wird klar, dass die Familie sich in einer finanziell schwierigen Situation befunden zu haben schien, die durch den Tod des Vaters vor wenigen Jahren hervorgerufen worden war. Das Bett im Schlafzimmer der Eltern scheint unbenutzt, auf dem Boden liegt hingegen ein abgenutzter Schlafsack. Lauras Zimmer gleicht demgegenüber einem Schlachtfeld: Irgendjemand oder irgendetwas ist mit Gewalt, durch die Türen zu ihrem kleinen Balkon gebrochen und hat die für ein 17-jähriges Mädchen typische Einrichtung verwüstet zurückgelassen.

 

Bei der Durchsuchung des Raumes stößt Preston auf Lauras Tagebuch, das die Polizei übersehen haben muss. Die Eintragungen sind belanglos: Berichte über endlose Telefonate mit der besten Freundin (einer gewissen Lisa Stokes) und längliche Hymnen auf ihren Schwarm, den Quarterback des Schulfootballteams und männlichen Hauptdarsteller der diesjährigen Inszenierung des Schultheaters. Gleichwohl findet sich in ihrem letzten Eintrag, einen Tag vor ihrem Tod, ein erheiterter Hinweis darauf, dass der „Creep“ Thomas Dengler sie um ein Date gebeten hätte – eine Unverfrorenheit, die sie nur mit einem Lachen quittieren konnte.

 

Der Verdacht, dass tatsächlich die Schule und insbesondere der junge Dengler etwas mit den Morden zu tun haben könnte, verdichtet sich und die Agenten entschließen sich kurzfristig dazu, die Glenridge High aufzusuchen, in der Hoffnung, Thomas zum Ende des Unterrichts abfangen zu können.

 

Den New Yorker Verkehr gewohnt plant man zeitlich konservativ und hat genug Gelegenheit, um vor  dem Ende des Nachmittagsblocks noch mit dem Schulleiter, Rektor Snyder zu sprechen, welcher sich als Vater von Lauras Schwarm Chris erweist. Er ist ernstlich mitgenommen vom Tod Lauras und der Bibliothekarin Ms. Hatvan. Thomas Dengler ist ihm vom Sehen bekannt, ein unscheinbarer 16-Jähriger, über den er allerdings nicht mehr weiß. Für weitere Informationen zu Ms. Hatvan verweist er die Agenten an ihre Assistentin (und gegenwärtige notgedrungene Vertretung) Lisa Stokes.

 

Percy und Preston machen sich auf den Weg in die Bibliothek und unterhalten sich mit der psychologisch stark mitgenommen wirkenden Lisa, die den Verlust ihrer besten Freundin nur langsam verarbeiten kann. Die beiden hatten große Pläne und gute Chancen auf zwei Englisch-Studienplätze an der University of Maryland. Um sich zusammen immatrikulieren zu können, hatte Lisa ihre Bewerbung extra ein Jahr verzögert. Über Hatvan hat sie hingegen nicht viel Gutes zu sagen. Die Bibliothekarin sei ein Drache gewesen, der Schüler grundlos terrorisiert und bloßgestellt hat – je weniger die Bibliothek nutzten und ihr somit Ärger brachten, desto besser. Irgendetwas an der Bibliothek scheint Percy sichtlich zu irritieren, doch Preston bemerkt es nicht.

 

Parallel dazu passen Parker und Parcival Thomas ab, der mit einem von einer nicht optimal verheilten Wurzelbehandlung geschwollenen Gesicht aus der Sportumkleide tritt, einige Minuten, nachdem der Rest der Klasse bereits in kleinen Grüppchen dabei ist, die Schule zu verlassen. Sie bitten ihn für ein paar kurze Fragen in einen leeren Chemielaborraum. Parker ist nervös und vermutet, dass er bewaffnet sein könnte, doch Dengler ist trotz leichter Irritation über die Aufmerksamkeit zweier FBI-Agenten kooperativ. Parcival bemerkt allerdings, dass der Junge unter seinem wenig kleidsamen, weiten Pullover etwas um den Hals trägt. Darauf angesprochen zeigt der verdutzte Schüler den beiden Ermittlern einen fein gearbeiteten Talisman aus Ton, welcher einen Menschen und eine mit ihm verwobene, geflügelte Kreatur darzustellen scheint. Die Bedeutung des Motives kennt Thomas nicht, er hat es von seiner Tante bekommen, die es wiederum zusammen mit einigen Unterlagen aus dem Nachlass seines verstorbenen Großvaters beim Aufräumen gefunden und ihm zum Geburtstag geschenkt hat.

 

Parcival bittet aus angeblichem persönlichen Interesse darum, das Stück abzeichnen zu dürfen. Thomas ist verwundert, aber lässt es geschehen und erzählt währenddessen, dass er seinen Großvater nie kennengelernt hat. Eigentlich Archäologe in den Anden, aus denen auch das Stück stammte, starb er während eines Forschungssemesters an der Columbia University in den 50ern bei einer Gasexplosion in New York. Schlussendlich bedanken sich die beiden bei dem Jungen und erlauben ihm zu gehen.

 

Zu viert trifft sich die Gruppe und bespricht, was sie in Erfahrung gebracht hat.

 

Der Verdacht gegen Thomas erhärtet sich.


Bearbeitet von aeq, 18. Dezember 2020 - 16:06 .


#2 aeq

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Geschrieben 04. Dezember 2020 - 11:30

A Victim of the Art II 

Was tun mit Thomas Dengler? Verfügte er durch die von seinem Großvater geerbte Tontafel wirklich über Fähigkeiten, die es ihm erlaubten, eine Monstrosität zu kontrollieren, welche für die drei Morde verantwortlich zu machen war? Oder folgt die Gruppe einer falschen Fährte? Zusammen mit einigen Nachzüglern aus der Theater-AG verlässt man die Schule und fährt in Richtung einer kleinen Unterkunft vor der Stadt, die auf dem Hinweg ins Auge gefallen war, um sich dort näher zu beratschlagen.

 

Auf dem Weg dorthin sieht man Percy ein gewisses Unwohlsein an. Gerade, als der Wagen die Stadtgrenze überquert hatte, wendet er sich an Parker und berichtet ihm von jener Begebenheit, die dafür sorgte, dass er in der Schule ein wenig neben sich stand: Statt der bunten, von Fünftklässlern grob ausgeschnittenen und auf Karton aufgeklebten Buchstaben, die den Rahmen der Doppeltür zur Bibliothek zierten, um zusammen das Wort “L-I-B-R-A-R-Y” zu formen, hatte er etwas anderes gesehen: In überbordend prunkvoller Stuckarbeit prangten dort die Lettern “W-E-L-C-O-M-E-J-A-N-U-S”, welche sich beim Verlassen des gleichen Ortes zu “F-A-R-E-W-E-L-L-J-A-N-U-S” gewandelt hatten. 

 

Parker legt mit dem Wagen eine Kehrtwende hin und fährt sofort zurück zur Schule, während er Percy Vorwürfe macht, die Gruppe nicht gleich über diese offenkundig unnatürliche Begebenheit in Kenntnis gesetzt zu haben. Dort angekommen weicht man im sich verstärkenden Nieselregen mit einer kurzen Bemerkung dem verwunderten Rektor aus, der gerade im Begriff ist, das Gelände zu verlassen und eilt zur Bibliothek, welche dunkel und abgeschlossen auf die Gruppe wartet. Von den Stuckintarsieren, welche Percy beschrieben hat, ist allerdings nichts zu sehen, stattdessen steht dort nur in leicht gebogener Blockschrift das bereits wohlbekannte “L-I-B-R-A-R-Y”. Sichtlich verunsichert aber ohne konkrete Hinweise erkundet man die leeren Gänge der Schule und lässt sich einen Schlüssel vom Hausmeister geben, um die Bibliothek selbst in Augenschein nehmen zu können, doch abgesehen von einer Büste zu Ehren des Stifters der Schule, einem Millionär namens Lundine und einem Büchlein namens “Eine Welt ohne Türen”, welches die Grundlage des diesjährigen Schultheaterstücks bildet, findet man nicht viel. 

 

Parker entsinnt sich dunkel, dass “Eine Welt ohne Türen” bereits in seiner Jugend in den späten 50ern Schullektüre gewesen war und dass die Autorin Emeline Fitzroy es in einem sehr jungen Alter geschrieben hatte, doch zu einem größeren Interesse an diesem Thema kann er sich nicht wirklich motivieren, gibt es doch schließlich Wichtigeres zu tun. Percy ist hingegen fasziniert und nimmt die zerlesene Kopie aus den späten 80ern mit ins Hotel, als man in mittlerweile fortgeschrittener Dunkelheit schließlich die Schule verlässt und den eigentlichen Abendplan in Angriff nimmt. 

 

Während Preston versucht, im Netz mehr über Denglers Artefakt und seine Symbolik in Erfahrung zu bringen, liest Percy Fitzroys Werk. Zweifelsohne ein bemerkenswertes Stück Literatur, insbesondere in Anbetracht des Alters der Autorin, welches einige befremdliche Themen aufgreift, doch nichts, was als Spur im aktuellen Fall betrachtet werden kann. 

 

Am nächsten morgen findet Preston Antworten auf seine Posts in einem Archäologie-Bulletin-Board, die darauf verweisen, dass die von ihm beschriebene Symbolik typisch für die Chavin-Kultur Südamerikas sei, aber auch von ihr nachfolgenden Zivilisationen aufgegriffen worden war. Das Thema ist akademisch wenig erschlossen, allerdings hätte ein gewisser Derek Wheeler in den 40ern dazu gearbeitet, seine Schriften sind allerdings nur schwer zu bekommen und ihr Wert für die heutige Forschung streitbar.

 

Aufbauend auf dieser Erkenntnis beratschlagt man, ob weitere Recherchen nötig seien oder ob man direkt Thomas und seine Familie konfrontieren sollte, um das Artefakt sicherzustellen. Am Ende einigt man sich auf einen kurzen Ausflug nach Manhattan, um im Museum of Natural History mehr über die Chavin und die vermeintliche Kreatur in Erfahrung zu bringen, die als Urheber der Morde verdächtigt wird. Am späten Nachmittag könnte man den Denglers immer noch einen Besuch abstatten.

 

Die Recherche verläuft nicht zuletzt auf Grund der anthropologischen Ausbildung von Percy besser als erwartet und man findet schnell Informationen über die Geschichte der verschiedenen Hochkulturen, die die Anden im Laufe der letzten 3000 Jahre besiedelten. Nahezu jede von ihnen kannte eine Variation von Geschichten über geflügelte Kreaturen, die Schamanen oder Priestern Untertan gewesen sein sollten, wohl jeweils auf die Chavin zurückgehend. Eine kurze Notiz verweist darauf, dass insbesondere die Inka diese Wesenheiten nach dem Fall ihres Reiches durch die Spanier mit dem Aya Saynata in Verbindung brachte, ein Geist, dessen Ankunft Verfall und Chaos bringt.

 

Am Ende bestätigt die Untersuchung die bisher gefassten Theorien und man macht sich auf den Weg zu den Denglers, welche in einem der mittleren Oberschicht zugehörigen Suburb ein großzügiges und erst vor kurzem renoviertes Haus bewohnen. An der Tür kommt die Gruppe mit dem gerade aus seinem Auto aussteigenden Vater, Mark Dengler ins Gespräch. Zuerst misstrauisch taut er nach kurzer Zeit auf und berichtet ihnen von einem überfallartigen Besuch der beiden Phenomenon-X-”Enthüllungsjournalisten” am morgen, die sowohl ihn als auch seinen Sohn bedrängten. Nach der Erklärung ihres Anliegens und einem von Eloise Dengler gebrachten Kaffee werden sie schließlich zu Thomas vorgelassen.

 

Dieser ist verdutzt über den erneuten Besuch von Agent Parcival aka “LaRouge”, zumal als dieser ihm erklärt, dass er und sein Kollege nunmehr im Interesse des Fall die Unterlagen seines Großvaters einsehen müssen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen gelingt es ihm und Percy, den Jungen mit Hilfe ihrer Überzeugungskünste dazu zu bringen, ihnen seine Unterlagen anzuvertrauen, damit sie sie für ihre Ermittlungen kopieren können. 

 

Mit mehreren hundert Seiten von handgeschriebenen Notizen und Manuskriptseiten macht sich die Gruppe daraufhin auf den Weg zur Polizeistation, wo Detective Gregson ihre Kopierwut nach einigen ausweichend beantworteten Nachfragen nur mit einem Schulterzucken quittiert und sich auf den Weg ins Wochenende macht. Während Parker, Parcival und Preston mehrere Stunden mit dem Kopierer ringen, versucht Percy sich einen Reim auf die Aufzeichnungen zu machen. Sie stützen das Bild der Recherchen vom Morgen: Thomas Großvater, Derek Wheeler, war von 1933 an bis zu seinem Tod fasziniert von der Geschichte des Ai-Apa, einer legendären, aber angeblich real existenten Spezies von geflügelten Kreaturen, die den Priesterkasten der verschiedenen Anden-Hochkulturen Untertan gewesen sein und beim Bau der zahlreichen architektonischen Monumente der Region mitgewirkt haben soll. Über Jahrzehnte bis zu seinem Tod war Wheeler besessen, die Existenz des Ai-Apa nachzuweisen.

 

Während des Kopierens kommt Parker ein Gedanke: Wenn jeder, der den Jungen provoziert, potentiell des Todes sein könnte - was, wenn es als nächstes die Phenomenon-X-Reporter treffen würde?

 

Könnte man die Gelegenheit nicht nutzen, um der Kreatur eine Falle zu stellen? 

 

Schnell fährt man zum Motel 6, wo die Phen-X-Reporter residieren und berät sich über die Optionen, bevor man sich auf den Vorschlag Parcivals einigt, die beiden mit einem falschen Tipp in ein abgelegenes Waldgebiet zu locken, um den Ai-Apa dort abzufangen. Als klar ist, dass die beiden der Fährte auf den Leim gehen, macht sich die Gruppe mit quietschenden Reifen auf den Weg zum Ort ihrer Falle, ca. 30 Minuten von Glenridge entfernt und hinterlässt dort einige offensichtliche Spuren, während sie sich mit ihrem Ford in einer Senke verschanzen. 

 

Kurz darauf erreichen Dewey und Eddinton das Zielgebiet, parken ihren Wagen auf einem Forstweg und folgen den falschen Spuren tiefer in den Wald hinein. Parker ergreift die Chance und zerschlitzt den Reifen des Phenomenon-X-Vans. In diesem Moment hört er in der Stille des Waldes ein fremdartiges, sirrendes Geräusch, von dem er weiß, dass es hier definitiv nicht sein sollte und sieht, wie sich ein geflügeltes, 12-Meter langes… Etwas über der Position von Phen-X zu manifestieren beginnt. Über das Schreien der beiden Journalisten hinweg zückt er seinen Karabiner und feuert. Doch statt des Ai-Apas gehen die Kugeln sauber durch Deweys Kopf. Die Bestie ist davon sichtlich irritiert und als Parker einmal kurz zwinkert, ist sie, gänzlich ohne ein Geräusch von sich zu geben einmal direkt vor ihm. Preston rennt zu dem immer noch lebendigen Eddinton. Dieser hat neben seiner Kamera eine Smith & Weston gezogen. Preston versucht ihn zu entwaffnen, während Percy den Wagen mit Vollgas wendet und zusammen mit Parcival in Richtung von Parkers Standort fährt.

 

Dieser hat mittlerweile sein Riot-Schild von seinem Rücken gezogen und stellt sich dem geifernden Schlund der Kreatur im Nahkampf. Irgendwie gelingt es ihm sich zu verteidigen. Im Wagen versucht Parcival mit zitternden Händen die Schrotflinte aus dem Kofferraum zu fischen. Aus dem Fenster gelehnt schießt er mehrfach auf den Ai-Apa, bevor sich die Kreatur in einer Wolke aus ätzenden Gasen zu einer schwelenden Pfütze von Chemikalien auflöst, die Parkers Lunge verätzen.

 

Während Percy sich um Parker kümmert, rennt Parcival zu Preston und gemeinsam nehmen sie den verwirrten, aber wehrhaften Kameramann fest, ohne sich sicher zu sein, was genau sie nun mit ihm machen sollen. Ehe sie sich auf eine Lösung besinnen können, explodiert sein Kopf und Blut und Hirnsplitter bedecken Parcival. 

 

Mit offenem Mund starren sie zu Parker, der seinen Karabiner still zur Seite räumt und die Knochensäge aus dem Wagen holt. 

 

Thomas Dengler stirbt in der gleichen Nacht an Herzversagen.


Bearbeitet von aeq, 18. Dezember 2020 - 14:59 .

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Geschrieben 18. Dezember 2020 - 15:00

Home I 

 

Es sind zwei unangenehme Wochen, die es braucht, bis die Ermittlungen in Glenridge glaubwürdig zu den Akten gelegt werden können. Die drei Morde verbleiben ein Mysterium, doch das Fehlen eines weiteren Opfers des „Glenridge Chiropractors“ lässt das mediale Interesse an den Vorfällen schnell zurückgehen. Niemand hinterfragt für den Moment das Verschwinden zweier Phenomenon-X-Reporter und Frank Carincola, der Geschäftsführer des Senders, ist nach allem, was seit Groversville passiert ist, klug genug, um zu wissen, wann er den Bogen überspannt hat.

 

Nachdem man sich knapp von Detective Gregson verabschiedet und den letzten Papierkram erledigt hat, geht es endlich zurück in die Heimat. In der Dämmerung kommt Ethan Wilson aka Agent Preston als erster an jenem Einfamilienhaus in den Vororten von Washington an, welches er seit zweieinhalb Jahren alleine mit seinem Vater bewohnt. Der im Wohnzimmer laufende Fernseher taucht den Flur in ein fahles Licht, welches bei jedem der schnell folgenden Senderwechsel kurz zuckt. Ian Wilson sitzt, einer in sich zusammengesunkenen Marionette gleich, in seinem Sessel und nimmt die Ankunft seines Sohnes nur am Rande zur Kenntnis, während er weiter durch das Programm zappt.

 

Kurz kann Ethan vor dem mittlerweile allzu vertrauten Phen-X-Logo das falsche und von Botox in Position gehaltene Lächeln von David Carmichael sehen, welches ihm aus diversen Spielshows erinnerlich ist, die er vor langer Zeit zusammen mit seiner Mutter gesehen hatte. Doch dann wechselt das Bild erneut, bevor Ian beim Glücksrad hängen bleibt.

 

Die Tage vergehen und der nasskalte Frühling weicht abrupt einem überraschend angenehmen Frühsommer. Laszlo Rabel aka Agent Parker hadert schon seit einigen Tagen damit, ob er jenes verlängerte Wochenende Anfang Juni, welches er sich eigentlich für die jährliche Mitgliederversammlung der Washington Anthropological Association freigehalten hatte, nicht vielleicht doch lieber nutzen sollte, um sich eine Auszeit zu gönnen und aufs Land zu fahren. Auch wenn man mit den Jahren abzustumpfen glaubt zehrt doch jede Mission aufs Neue an einem.

 

Bevor Laszlo das Thema gegenüber dem Vereinsvorsitzenden Asa Rey beim öffentlichen Mai-Treffen ansprechen kann, hat dieser ihn schon überschwänglich begrüßt und in ein Gespräch über Belanglosigkeiten verwickelt, bevor der Referent des Abends, ein ältlicher Japano-Amerikaner, der sich als Kazuki Kingu vorstellt, höflich aber bestimmt darauf verweist, dass er mit dem Vortrag beginnen müsste. Und so beginnt der weißhaarige, stets freundlich lächelnde Mann, der die 80 Jahre mit Sicherheit bereits überschritten hat, für die 18 Männer und Frauen, die sich an diesem Abend in ein abgewirtschaftetes Klassenzimmer eines lokalen Community-Colleges begeben haben, über die Kultur und Tradition der Völker Neuguineas zu sprechen. Am Ende lernt man zwar durchaus einiges über die mehreren hundert Volksgruppen der Papua, doch in mit leiser Stimme beiläufig eingestreuten Anekdoten umso mehr über den Krieg der Alliierten gegen das Kaiserreich im Pazifik und die Brutalität mit der beide Seiten gegeneinander und gegen Flora und Fauna Neuguineas kämpften – Himmelfahrtskommandos, Kannibalismus, Folter… Die Kämpfe um Frankreich, von denen Laszlos Vater ihm vor seinem Tod berichtet hatte, waren erbarmungslos, doch im Vergleich zu den Beschreibungen Kingus geradezu zivilisiert. Ein durchgedrehter Deutscher, der während der Ardennenschlacht als Clown verkleidet zwischen den Fronten umhertanzte war einfach nur schwer mit amerikanischen Gefangenen, denen man bei lebendigem Leib die Haut vom Gesicht zog zu vergleichen.

 

Sechs Tage vor der Sommersonnenwende kommt Janus aka Agent Percy am späten Nachmittag aus dem Büro zurück, um in seinem Manhattaner Appartment von großen, in Gold geprägten Lettern, welche „W-E-L-C-O-M-E-J-A-N-U-S“ buchstabieren, begrüßt zu werden, doch es handelt sich nur um eine ironische Dekoration seines Freundes Nathan anlässlich ihres zweijährigen Jubiläums, da sein eigentliches Geschenk nicht mehr rechtzeitig angekommen ist. Auch Janus kann nicht mit großen Präsenten aufwarten und so zelebriert man den Anlass mit etwas LSD.

 

Anfang Juli meldet sich Marie Lutece bei ihrem Sohn Gerard aka Agent Parcival. In schnellen, von französischem Akzent durchtränkten Sätzen erklärt sie ihm, dass seine Großmutter, ihre Schwiegermutter, ins Heim müsste, wie es sich schon lange abgezeichnet hatte. Für die bürokratischen Details würde sie in der zweiten Augustwoche nach Montreal fahren und bei der Gelegenheit das Haus entrümpeln, wofür sie sich über Unterstützung freuen würde. Gerard könnte bei der Gelegenheit auch gerne die Gesamtausgabe der Encyclopédie haben, die er als Kind immer so bewundert und aus der sein Vater ihm gerne vorgelesen hatte. Selbstverständlich sagt Gerard zu, seine Mutter zu unterstützen.


Bearbeitet von aeq, 18. Dezember 2020 - 15:00 .

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Geschrieben 27. Dezember 2020 - 18:46

Night Floors I

 

Es ist der 9. August des Jahres 1995, als ein Kurier Percy die Nachricht überbringt, dass seine Brieftasche gefunden wurde und er sie um 16.45 am nächsten Tag im Washington Square Park abholen soll. Am gleichen Tag bemerken die anderen drei Mitglieder von P-Cell, dass für den morgigen Tag ein Termin in ihre digitalen Kalendersysteme eingetragen wurde. 16.45 im Washington Square Park. 

 

Zwischen unzähligen Touristen, Straßenmusikanten und Artisten fängt Agent Marcus die Agenten einem nach den anderen ab. Gleich einem alten Freund weist er sie mit strahlendem Lächeln und ausgestreckten Armen auf Sehenswürdigkeiten oder eine Britpop-Cover-Kombo hin, die „King Midas in Reverse“ von den Hollies zum Applaus einer kleinen Menge von Zuschauern beendet hat und nun ein Beatles-Medley anschließt. Währenddessen bugsiert er die vier Agenten in Richtung einer abgelegeneren Bank und beginnt, nachdem er sich sicher ist, dass die Gruppe nicht beobachtet wird, mit der Erklärung von OPERATION ALICE.

Sie seien demnach zum FBI abgestellt, um bei der Katalogisierung von Evidenz vom Tatort der vermuteten Entführung einer gewissen Abigale Wright zu helfen. Zumindest vorgeblich sollen sie jeden Gegenstand in Abigails Wohnung katalogisieren. Tatsächlich wurde als Teil einer… Kunstinstallation, die sie vor ihrem Verschwinden hinterließ von einem Kontaktmann der Gruppe beim FBI jedoch ein okkultes Symbol am Tatort gefunden. Das eigentliche Ziel besteht dementsprechend darin, den Ort zu untersuchen und zu evaluieren, ob Abigales Verschwinden einen unnatürlichen Hintergrund hat und etwaige Bedrohungen nachhaltig auszuschalten.

 

Unauffällig überreicht Marcus ihnen eine Ledermappe, die Schlüssel, die Akten von Polizei und FBI und einen Zeitungsartikel der New York Post über Abigales Verschwinden Anfang Juni enthält, sowie die notwendigen Dokumente, die sie als offizielle Ermittler ausweisen. 

Während die anderen mit dem Studium der Unterlagen beginnen und Agent Marcus weitere Fragen stellen, ist Percy abgelenkt. Die Britpop-Coverband ist nicht mehr zu sehen, doch stattdessen hat bereits ein neuer Straßenkünstler einen zugegebenermaßen bizarren Auftritt begonnen: Ein kleiner Clown tanzt zu einem seltsamen Trauergesang, der von einer penetranten Trommel begleitet wird, beides abgespielt von einer zerkratzten, alten Schellackplatte. Der Clown scheint ein Kind von maximal 10 Jahren zu sein, er trägt eine Maske, die sein komplettes Gesicht bedeckt und ein Lächeln mit rechteckigen Zähnen und schwarze Schlitze anstelle von Augen zeigt und hüllt sich ansonsten in einen gelben Coverall voller geometrischer Muster. In seinem Tanz zieht er einen Papierdrachen  durch die Luft, mit dem er anscheinend ein Muster nachzeichnet.

 

Percy versucht das Muster geistesabwesend mit einem Kuli auf einer Serviette nachzuzeichnen, doch bevor er damit vorankommen könnte, lässt Agent Marcus Stimme ihn hochschrecken: Er solle sich auf die Mission besinnen. Kurz werden letzte Details geklärt, bevor sich Marcus auf den Weg macht. Als Percy kurz darauf erneut in Richtung der Szenerie blickt, hat sich das Publikum zerstreut und von dem Tänzer fehlt jede Spur. 

 

Abigales Wohn- und Wirkungsstätte, das MacAllistar-Building, 210 East 32nd Street, New York, NY, 10016 (drei Stockwerke plus Keller) ist in dem für das Lower Manhattan der 20er typischen Sandsteinstil gehalten, doch mit den angedeuteten, burgartigen Elementen, wie einem falschen Fallgitter, das über der großen Doppeltür erahnt werden kann, den kleinen Zinnen an den Fenstern und den billigen Beton-Gargyllen, die vom Dach herabschauen, wirkt es selbst für seine Zeit hochgradig exzentrisch.  

 

Durch die Eingangstür hindurch grüßen im Foyer, einem kleinen Raum mit Marmorverkleidung, Briefkästen, auf dem Boden liegen alte Zeitungen und Pizzakartons den Betrachter. Durch den von schwachen Glühbirnen erhellten und mit in die Jahre gekommenen, roten Samtteppichen ausgekleideten Flur hindurch ist Abigales Wohnung direkt die erste Tür. 

 

Der anhand eines massiven Kreuzes um seinen Hals leicht als Katholik identifizierbare Detective Giuradanda, welcher im Auftrag des NYPD die Agenten in Empfang nehmen soll, begrüßt die Gruppe und ist froh, die Feds ihren Job machen zu lassen. Etwas Vergleichbares hätte er noch nicht gesehen und sollten irgendwelche Fragen bestehen, können sie sich gerne telefonisch bei ihm melden. Ehe man ihm viel mehr Fragen stellen könnte, hat er sich bereits auf den Weg gemacht. 

 

„Kunstinstallation“ ist ein ausgesprochener Euphemismus für das Testament manisch-methodischer Schaffenskraft, welches die komplette Fensterseite des nahezu komplett von seiner Möblierung befreiten Zweiraum-Appartments dominiert.  Wand und Decke sind über und über in Schichten von Papier und Objekten bedeckt, die mit Kunstharzepoxyt ein bizarres, aber nicht wirklich interpretierbares Muster bilden. Das meist kann nicht entfernt werden, ohne Schaden anzurichten und ist entsprechend von der Polizei an Ort und Stelle belassen worden. Zwischen Gebissen, einem Rollstuhl, medizinischen Prothesen, T-Shirts, Schuhen und zahllosen einzelnen Seiten und ganzen Büchern ist das okkulte Symbol, als Auslöser der Ermittlungen nicht direkt erkennbar. 

 

Wie um den Agenten zu spotten, steht ein kleiner Karton vor jenem „Schrein“, den Abigale (oder wer auch immer sie entführte) schuf: Man hat ihnen einen vier Polaroid-Kameras, 100 Filmrollen für 800 Fotos, Latex-Handschuhe, Tüten für Beweismittel, Aufkleber und Versiegelungsklebeband zurückgelassen. Eine vollständige Katalogisierung aller Gegenstände an der Wand würde eine Person ohne weiteres acht Tage kosten. Gemeinsam könnten sie es vielleicht an zweien schaffen. 

 

Eingeschüchtert von dieser Aufgabe versuchen Parcival und Percy zuerst das okkulte Symbol ausfindig zu machen, welches den Einsatz überhaupt ausgelöst hat, doch stattdessen finden sie zwischen von mit Epoxyd zusammengehaltenen Schuhen und Besteck nur wirre, einzelne Seiten, teilweise aus spanischen Übersetzungen alter Reiseberichte Philbys gerissen, teilweise aus in Farsi gehaltener ökonomischer Theorie stammend. Ähnlich befremdlich sind die Befunde einer weiteren Durchsuchung des Hauses: Eine frische Zimtstange in der Toilette, ein klobiges Rucksack-Walkie-Talkie aus dem zweiten Weltkrieg an der Wand, des einzelne, verrauschte Worte, wie “INDIA” und “MOON” ausstößt, das Bellen eines Hundes, welcher nur von Percy und Parcival gehört wird - jeder Fund wirft weitere Fragen auf. 

 

Doch eine vermeintliche Spur ergibt sich, als die Agenten unter dem Teppich im Hausflur ein winziges Richtmikrofon entdecken, das direkt auf Abigales Tür ausgerichtet ist und von dem ein dünnes Kabel unter dem roten Samt hindurch bis zu einer der beiden anderen beiden Wohnungen im Erdgeschoss führt. Während Preston und Parker ihnen den Rücken freihalten, schicken sich die anderen beiden Mitglieder der Zelle an, den Bewohner zur Rede zu stellen. 

 

Ein junger mexikanisch anmutender Mann öffnet die Tür zu einem karg bis minimalistisch eingerichteten Apartment. Er stellt sich als Thomas Manuel vor und scheint von dem Mikrofon, dessen Kabel an der Wand seiner Wohnung entlang, an der Plastikzimmerpflanze bis zum leeren Kassettenrecorder neben der teuren Stereoanlage führt, genau so irritiert und überrascht wie die Agenten. 

 

Manuel scheint ehrlich unwissend über den Ursprung des Kabels zu sein und sämtliche Verhörversuche des misstrauischen Percy führen ins Leere. Als Parcival seiner Irritation über Manuels Mangel an künstlerischer Ausrüstung im Appartment kundtut, stellt sich allerdings heraus, dass der Nachtverwalter des Gebäudes, ein gewisser Castaigne, ihn einen Kellerraum als Atelier nutzen lässt. 

 

Während Parcival ohne großen Erfolg das Zimmer durchsucht, lässt sich Percy das Kelleratelier zeigen: Der nicht mehr als 10 Quadratmeter große, fensterlose Raum wird von einer weißen Leinwand dominiert, die Manuel auf Nachfrage ein wenig verkrampft als „Mein größtes Werk“ vorstellt. Daneben stehen einige Eimer Ölfarbe, die für eine Freundin, eine gewisse „Sami“ bereitgestellt seien. Manuel führt den Agenten lustlos durch einige weitere Gemälde, die an der Kellerwand lehnen: Eine gespenstische Gestalt mit weißem Gesicht, die auf einem aquamarinblauen Teppich in der Mitte einer Feuersbrunst steht. Ein junger, dünner Mann mit zurückgehendem, blondem Haar und einem Krankenhaushemd blickt in einen Spiegeln, in dem ein deformiertes und muskulöses Abbild zu erkennen ist, mit einem entstellten Kopf. Ein tanzender Clown in Gelb und Blau auf einer Bühne, der einen weißen Papierdrachen hinter sich herzieht. Percy erbleicht, doch Manuel verweist nur auf seine Inspiration als Quelle des Motivs.

 

Mangels klarer Ansätze und ohne weitere Funde in seiner Wohnung lässt man Manuel für den Moment in Ruhe und beschließt, Abigales Wohnung weiter in Augenschein zu nehmen. Insbesondere Percy lässt der „Schrein“ an der Wand nicht los. Das Macallistar-Building scheint langsam ihm langsam aber sicher zu Kopf zu steigen, nicht zuletzt nachdem sowohl er als auch Parcival erneut glaubten das Geräusch eines Hundes auf der Treppe gehört zu haben, welcher dort allerdings, wie die anderen beiden und Manuel bestätigen konnten, definitiv nicht war. 

 

Es ist kurz nach 8, als die Sonne langsam unterzugehen beginnt. Seit mehr als einer halben Stunde starrt Percy, sorgsam beobachtet von Parker und den anderen auf die Wand, doch es will sich für ihn kein logisches Gesamtkonzept hinter Abigales Kreation erschließen. Frustriert schlägt er vor, dass sie morgen weitermachen sollten und die Gruppe beschließt zu gehen. 

 

Auf dem dunklen Flur stehend hören alle vier Agenten knarzende Schritte, die Treppe hinauf. Parker heißt die anderen zu schweigen und gemeinsam schleicht man dem Geräusch in den dritten Stock nach, wo man gerade noch die Tür zum Dach ins Schloss fallen sieht. Parcival und Percy könnten schwören, dahinter gedämpfte Musik erahnen zu können. Parker öffnet sie, doch ist niemand zu sehen, nur die dunkle Leere der New Yorker Nacht. 

 

Irritiert macht man sich auf den Weg nach Hause bzw. ins Hotel. Vor seiner Tür findet Janus eine knapp 50*50*70cm durchmessene Holzkiste von Nathan, mit einem Zettel, dass sein Jahrestagsgeschenk mit starker Verspätung endlich angekommen sei. Nachdem Janus die ausgesprochen schwere Kiste in seine Wohnung geschleppt und geöffnet hat, findet er darin eine silbrig glänzende Figur aus poliertem Edelstahl, die an einen Hasen erinnert. Er hatte wohl etwas zu glaubwürdig Interesse an den Werken von Jeff Koons geheuchelt, als Nathan ihn letztes Jahr ins Met geschleppt hatte. 

 

Am nächsten Morgen trifft man sich aufs Neue und stellt, mit einem Instant-Kaffee ausgerüstet, einen Schlachtplan auf: Da morgen Samstag sei, wolle man so viele behördliche Erledigungen wie nur möglich in Angriff nehmen. Hierzu zählen ein Besuch bei ARTLIFE, dem Verein, der das Haus vermietet, wie auch ein Abstecher zum Bauarchiv, um die Geschichte des Macallistar-Buildings besser nachzuvollziehen. Den Rest des Tages will man der Wand und den restlichen Mietern widmen. 

 

Die unscheinbaren Räumlichkeiten im dritten Stock eines Bürogebäudes, in welchen ARTLIFE tagsüber von 8-16 Uhr erreicht werden kann, sind vom MacAllistar in ein paar Minuten fußläufig zu erreichen. Die afroamerikanische Geschäftsführerin Cynthia Lechance empfängt die Agenten mit einer Tasse Kaffee in einem mit Gemälden und Plastiken gesäumten Meeting-Raum. Sie erklärt ihren Gästen das Konzept der Organisation: ARTLIFE vermietet bereits seit mehreren Jahrzehnten subventionierten Wohnraum an junge Künstler, wobei der Verein von Mäzenen und ehemaligen Geförderten unterstützt wird. Abigale war Ms. Lechance nie weiter negativ aufgefallen und viel mehr könne sie zum Fall nicht beitragen, doch weitere Nachfragen fördern ein befremdliches Muster zu Tage: Seit gut vier Wochen zahle keiner der vier verbliebenen Bewohner des Macallistars mehr seine Mieter. Keiner reagiere auf irgendeine Form der Kontaktaufnahme, selbst Mahnungen würden ignoriert. Lechance ist sichtlich irritiert: Noch nie musste sie ein komplettes Haus räumen lassen, doch es gäbe wohl für alles ein erstes Mal. 

 

Derweil stattet Preston dem Bauamt einen Besuch ab und lässt sich gegen eine Schutzgebühr von mehreren hundert Dollar und mit einer ordentlichen Prise Geduld von einem Archivar Kopien sämtlicher Unterlagen zum Macallistar-Building aushändigen. Demnach sei das Gebäude von einem gewissen A. Darabondi im Auftrag von Henri M. Lundine 1924 als privates Anwesen errichtet worden, bevor es nach seinem Tod 1953 renoviert und zu einem Mietshaus umgebaut wurde, um Ende der 60er an ARTLIFE verkauft zu werden. Zwischen den Blaupausen und Kopien zahlreicher weniger interessanter bürokratischen Dokumenten fällt Preston jedoch ein unscheinbarer Notizzettel in die Hände, der dem Emblem nach aus einem gewissen Hotel namens BROADALBIN in New York stammt. Darauf entziffert Preston eine mit verblasstem Kugelschreiber gekritzelte Notiz: „Ich sah die Räume heute in der Abenddämmerung“. Eine kurze Rückfrage an den Archivar belegt, dass es nie ein Hotel BROADALBIN in New York gegeben hat.

 

Mit Epoxydlösungsmittel aus dem Baumarkt ausgestattet, macht sich Parker derweil an Abigales Werk zu schaffen. Immer noch kann das ominöse okkulte Symbol, welches die Untersuchungen ausgelöst hat, nicht aufgefunden werden, stattdessen stößt er jedoch auf ein loses, schreibmaschinenbeschriebenes Blatt, welches anscheinend eine Seite aus einem Theaterstück repräsentiert – ein Stück, das sich um die Bewohner des Hauses dreht, die über Abigales Verschwinden mit einem gewissen Mark Roarke diskutieren, bevor „Bundesagenten“ das Haus betreten. Die Tatsache, dass jenes, definitiv bereits mehrere Wochen alte Stück Papier ihre Ankunft im Macallistar vorhergesehen zu haben scheint, sorgt für Verunsicherung unter den Agenten. 

Die Befragungen der Bewohner vermitteln den Eindruck, dass keiner der im Gebäude lebenden Künstler ein besonders enges Verhältnis zu seinen Nachbarn (inkl. Abigale) hat bzw. gehabt hat. Alle sind sie jedoch auf ihre Art exzentrische Zeitgenossen.

 

Der mittelalte Sci-Fi-Autor Roger Carun (bekannt durch seine erfolgreiche Reihe NIGHTSEA) empfängt Percy und Parcival in einem ausgesprochen unaufgeräumten, kitschig eingerichteten Appartment in einem Bademantel und wirkt generell fahrig. Exotische, halb getrunkene Likörflaschen stapeln sich. Über Abigale kann er außer seiner Kritik an einer zu lauten Silvesterparty 94/95 nicht viel sagen, ebensowenig kennt er das Stück. Stattdessen spricht er ungefragt über die Vorzüge seiner digitalen Schreibmaschine, die ihm seine Lektorin und Agentin, Carmen Wagner, vergangenes Jahr aufgenötigt hat. Percys Instinkt sagt ihm, dass man Carun nicht trauen kann, doch die anderen halten ihn davon ab, das Verhör ausarten zu lassen.

 

Im Obergeschoss schließt sich ein Gespräch mit der feministischen Lyrikerin Michelle Vanfitz an, gegen die sich Carun als Gastgeber erster Güte ausnimmt. Sie lässt die Agent*innen erst gar nicht in ihre bibliothekisch anmutende Wohnung und mauert, wenn es um Abigale geht, um den lockeren Plausch auf der Türschwelle schlussendlich mit einem Wurf des Inhaltes ihres Papierkorbs in Richtung der Agenten abzuschließen. In diesem findet sich jedoch eine weitere Seite des Stücks, auf welcher ein gewisser Gerard mit Mark Roark über die Existenz eines unsichtbaren Hundes streitet. Parcival ist beunruhigt. 

 

Der letzte Bewohner, ein Comic-Artist namens Louis Post, konnte die Ankunft der Gruppe bereits durch das Gezeter seiner Nachbarin erahnen und begrüßt die Agenten deutlich freundlicher, wenngleich seine Wohnung sogar noch dreckiger ist als jene von Carun. Der Zustand seines Appartments scheint Post peinlich zu sein, doch wehrt er sich nicht, als Percy und Parcival sich hereinbitten. Er kann ihnen genauso wenig sagen wie die anderen – Abigale kannte er nur vom Sehen, einmal kam ihr Vater, ein Polizist vorbei und ein Stück über die Bewohner sei ihm nicht bekannt. Ebenso wie die anderen beiden bestreitet er zudem, dass er seine Miete nicht zahlen würde. Erneut ist es Percys Menschenkenntnis, die ihn zögern lässt, Post zu schnell vom Haken zu lassen. Doch eine genauere Untersuchung der Wohnung fördert nicht mehr zu Tage als einen beeindruckenden Barockspiegel, den er unter seinem Bett verfahrt – eine Erbschaft, die des Verkaufs harrt, wie er sagt. 

 

Bevor es auf Grund der fortschreitenden Stunde unhöflich werden würde, beschließen die Agenten nach einer kurzen telefonischen Anbahnung, Caruns Lektorin, noch einen Besuch abzustatten, deren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Lower Manhattan ebenfalls fußläufig von Macallistar zu erreichen ist. Carmen Wagner hat von Abigales Verschwinden nur aus der Zeitung erfahren, doch spricht sie frei heraus über Carun: Nachdem sie sich in den letzten Jahren mehrfach seiner Avancen erwehren musste, wurde ihr Kontakt in den letzten Monaten zunehmend erratisch, bevor er mit einer verstörenden Nachricht von Carun am 19. April auf ihrem Anrufbeantworter endete, die sie glücklicherweise noch nicht gelöscht hat: Er spricht vom Fund irgendeines Buches, das irgendetwas… mit dem Haus gemacht hätte, was er nicht beschreiben könne. Nun wolle er sich verabschieden, bevor er nach oben zu „Abby und den anderen“ gehen würde. Seit einigen Wochen erhält Wagner zudem seltsame Anrufe von einer ihr unbekannten Nummer: Eine Männerstimme, die jedes Mal aufs neue sagt „Beginne mit Peter Devoras“ und dann weitere Namen aufzählt. Sie kann sich nicht mehr an Details erinnern und legt mittlerweile automatisch auf, sobald sie die Stimme hört. Nur ein Name war ihr im Gedächtnis geblieben – Lechance? 


Bearbeitet von aeq, 27. Dezember 2020 - 18:47 .


#5 aeq

aeq

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Geschrieben 21. Februar 2021 - 00:22

Night Floors II

[Gute Güte, diese Berichte ufern langsam ein wenig aus. Aber es ist eben auch wirklich viel passiert...]
 

Die Sonne steht bereits tief, als die Agenten die Wohnung von Caruns Lektorin Carmen Wagner verlassen und sich auf den Rückweg zum Macallistar-Building machen. Wie bereits am Vortag stehen sie unter den stets wachsamen Augen der Betongargyllen auf dem Dach vor dem angedeuteten Fallgitter, welches die Tür des Gebäudes überspannt und versuchen, sich über das weitere Vorgehen einig zu werden. Sollen sie Carun mit Carmens Nachricht konfrontieren, von der sie sich klugerweise eine Kopie gezogen hatten?

 

Alle stimmen der Idee grundsätzlich zu, doch Percy weist auf einen befremdlichen Riss hin, auf den er in einem der leeren Kellerräume gestoßen war und der auch mit einer starken Taschenlampe nicht erhellt werden konnte. Vielleicht könnte man mit Hilfe einer kleinen Kamera einen genaueren Blick in die Untiefen hinter der Wand werfen? Preston erklärt sich bereit, die Sache in Augenschein zu nehmen, muss dafür allerdings die notwendige Ausrüstung improvisieren, was eine knappe Stunde dauern könnte.

 

Während Preston sich an die Arbeit macht, versucht der Rest der Gruppe die Wand in Abigales Zimmer weiter auseinanderzunehmen, nachdem man sich vom immer noch etwas unwirschen Thomas Manuel den Kasettenrecorder für die Konfrontation von Carun ausgeliehen hat. Eine unbefriedigende Tätigkeit, bei der Percy, Parker und Parcival nur langsam vorankommen. Erneut meldet sich währenddessen das Walkie-Talie zu Wort: „Exeter“. Handelt es sich bei den kurzen Meldungen um Ortsnamen? Kurz bevor die Teleskopkamera zusammengeschaubt ist, macht Parcival zumindest einen weiteren Fund: Eine seltsame Karte eines Gebäudes, an deren unteren Ende mit einem X „J.L. Bottle“ vermerkt wurde. Als Preston hereinkommt, um den anderen Bescheid zu geben, bemerkt er das Blatt in Parcivals Hand und wird stutzig. Erneut handelt es sich um einen Notizzettel, der mit dem Emblem des Hotels BROADALBIN versehen ist.

 

Im Keller führt Percy die anderen in den leeren, knapp 10 Quadratmeter durchmessenden Raum, in dem er den Riss vorgefunden hatte. Und in der Tat ist die hässliche, am weitesten Punkt gut 3 cm durchmessende Spalte in der Wand nicht zu übersehen. Preston führt seine Konstruktion, welche eine Miniaturkamera, eine Metallstange und eine Taschenlampe mit viel Klebeband kombiniert, soweit wie möglich in die Dunkelheit ein. Ein knapper Meter, dann ist das Ende des Stabs in seiner Hand erreicht. Der Riss scheint sich nach hinten heraus zu erweitern und so versucht er die Kamera so weit wie möglich zu schwenken, doch ein rumpeln, das kurz darauf einem massiven Poltern weicht, gibt ihm eine gerade noch rechtzeitige Warnung: Geistesgegenwärtig zieht er die Kamera zurück, bevor Gestein die Spalte nach gut 10 cm verschließt. Das Band würde später am Abend, sobald sie wieder in den Räumen des FBI wären, ausgewertet werden.

 

Als die Gruppe wieder durch die Kellertür heraus auf die New Yorker Straße zurückkehrt, ist es bereits dunkel. Percy geht voran und will an Caruns Tür klopfen, doch dieser öffnet sie im gleichen Moment, anscheinend im Aufbruch begriffen. Auf Nachfrage teilt er leicht enerviert mit, dass er sich auf dem Weg „nach oben, zur Party“ befände. Das Band von Carmen gerät ob dieser Nachricht für einen Moment in Vergessenheit und Percy fragt, ob die Agenten sich anschließen könnten. Zuerst ist Carun verdutzt, dann zuckt er mit den Schultern und geht zügig voran, hinauf in den dritten Stock, zur Tür, welche aufs Dach hinausführt. Erneut hört die Gruppe gedämpfte Musik, die lauter wird, als Carun die Tür öffnet. Für einen Wimpernschlag kann man an ihm vorbei den Blick nach drinnen, in einen erleuchteten Raum mit roter Tapete erhaschen, doch dann fällt die Tür hinter ihm ins Schloss. Erneut geöffnet, verheißt sie nur den Blick in die warme New Yorker Sommernacht.

 

Percy ist außer sich. Enttäuscht geht die Gruppe zurück nach unten, um in den Räumen des FBI das Video des Risses in Augenschein zu nehmen, doch im ersten Stock hören sie Geräusche aus Louis Posts Zimmer – Stimmen.

 

Nach wiederholtem Klopfen öffnet ein verschwitzt wirkender Post die Tür. Die Agenten warten nicht auf eine weitere Einladung, sondern treten an ihm vorbei in die Wohnung. Von einem Gesprächspartner ist nichts zu sehen, doch der zuvor unter dem Bett versteckte Spiegel mit seinem massiven, ziselierten Eisenrahmen dominiert nunmehr an die Wand gelehnt das Arbeits- und Schlafzimmer. Post ist anders als zuvor. Manisch, nervös, doch gleichzeitig offener, wissender als zuvor: Als sie ihn nach Carun fragen, bringt er schnell seine nächtlichen Streifzüge in „den Salon“ ins Gespräch. „Abby“ sei ebenfalls „nach oben“ gegangen.

 

Während Post spricht, streift Parcivals Blick durch den Raum. Auf Posts Zeichentisch fallen ihm eine Reihe von Skizzen ins Auge, die er mit Interesse genauer betrachtet. Eine Entscheidung, die er schnell bereut: Die Bilder, seltsame Kohlezeichnungen, kennen nur ein Motiv: Grausam zugerichtete, ausnahmslos ertränkte Kinder, manche wohl nur wenige Tage oder Wochen alt, andere bereits im Grundschulalter – einmal in einem Bad, dann in einem kurzen Flur, an einem Fenster, vor einem Bett – das Ambiente gemahnt an eine zusammenhängende Hotelsuite. Gelegentlich ist ein Schatten zu sehen, eine Gestalt zu erahnen. Ein Mann.

 

Post ist begeistert und will den kunstinteressierten Agenten durch die gesamte Reihe hindurchführen, doch Parcival eilt aus der Wohnung, während er nur mühsam seinen Brechreiz unterdrücken kann. Unter gemurmelten Verabschiedungen folgen ihm die anderen.

 

Da der für die Konfrontation geliehene Kasettenrecorder nach Caruns Verschwinden „nachoben“ wohl fürs erste nicht mehr benötigt wird, will Percy ihn Manuel zurückgeben, doch das Klopfen an seiner Wohnungstür bleibt unbeantwortet. Die Agenten finden ihn schließlich im Keller - er malt weiter an seinem „größten Werk“. Auch durch die geschlossene Kellertür sind gedämpfte Stimmen zu vernehmen, doch der Künstler ist alleine in seinem Atelier. Allerdings muss „Sami“ wohl mittlerweile hier gewesen sein, denn die für sie bereitgestellten Farbeimer sind verschwunden, wie man durch den von Manuel verstellten Türrahmen erkennen kann. Dieser hat kein Interesse, Percy oder einen der anderen einzulassen. Doch auf Nachfrage ist auch er gerne bereit, über Abigale Auskunft zu geben, die seines Wissens nach mit einem Enzyklopädienvertreter nach oben, in den sechsten Stock gezogen sei – ein Fakt, den die Polizei und das FBI trotz mehrfacher Hinweise seinerseits bisher geflissentlich ignoriert hatten. Doch auf die Frage, wie sie selbst „nach oben“ gelangen könnten bleibt er vage und abweisend, wird gar aggressiv und beginnt rhythmisch mit seinen Fingern zu schnippen, bis die Agenten ihn schließlich in Ruhe lassen.

Gemeinsam fährt die Gruppe zum FBI, um sich die Aufzeichnung der Kamera aus dem Riss mit Hilfe eines Videorecorders anzusehen. Preston führt die anderen in das Büro, dass er im Rahmen der Operation temporär zur Verfügung gestellt bekommen hat. Auf seinem Schreibtisch findet er ein Memo. Es ist die Archivauswertung der Seriennummer des Funkgeräts, um die er gebeten hatte. Sie ist einem gewissen Private Labolas zuzuordnen, killed in action 1944, während der Ardennenschlacht in der Nähe von Reims.

 

Währenddessen organisiert Parcival einen TV-Displaywagen. Alle warten gespannt, während er die Videokassette einführt. Es ist weniger als eine halbe Minute Bildmaterial, bis durch eine unbedachte Bewegung ein Steinschlag das Bild versperrt, doch in dieser Zeit bietet sich den Agenten ein wahrhaft bizarrer Anblick: Sie starren in ein labyrinthisch anmutendes Netzwerk von natürlichen Tunneln, die geologisch unmöglich unter dem McAllistar-Building liegen können. Auf Hüfthöhe sind sie durchzogen von roh in den Stein gehauenen Alkoven, in deren Innern sich unzählige… Flaschen befinden. Tatsächlich – Flaschen: Bauchig, flach, klein, groß, aus den verschiedensten typischen Materialien bestehend und teils abenteuerlich geformt. Sie durchziehen die sich verzweigenden Gänge, soweit das Licht der Taschenlampe sie erhellen kann.

Der nächste Tag. Man vereinbart ein extra frühes Treffen um sieben Uhr morgens, doch von den Seltsamkeiten des vorangegangenen Abends ist nichts mehr zu bemerken. Davon unbeirrt macht sich die Gruppe ans Werk: Tagsüber will man endlich mit der Wand vorankommen, während nachts ein Zugang nach „oben“ gefunden werden soll.

 

Die systematische Destruktion von Abigales Werk fördert bis zum Mittag eine ganze Reihe von Seltsamkeiten zu Tage: Einen handgeschriebenen Zettel, der vier  kurze Verse (let the red dawn surmise/what we shall do/when this blue starlight dies/and all is through) in Noten setzt, kommt Parcival vage bekannt vor, bis ihm einfällt, dass es sich um einen Zeilen des kanadischen Poeten Bliss Carman handelt, den sein Vater sehr geschätzt hatte. Parker (der schon die ganze Zeit ein gewisses Gefühl der Beobachtung nicht abschütteln kann) ist sichtlich irritiert, als er ein Flugticket aus der Wand fischt, welches auf einen gewissen MICHAEL WITWER im Jahr 2015 ausgestellt ist.

 

Percy schließlich findet den augenscheinlichen Ursprung der ganzen Operation, als er ein okkultes Symbol auf einem stück Pergament entdeckt. Gerade, als er es lösen will, durchdringt ein markerschütternder Ton den Raum und alle Zucken zusammen. Vor dem Fenster hupen mehrere Automobile ununterbrochen, als ein wild und obdachlos aussehender, älterer Mann der eine Würgeschlange gleich einer Stola über den Schultern trägt, die Straße vom Haus weg überquert. Von dieser ungerührt schaut Percy sich das Zeichen näher an. Als Kenner okkulter Texte kann er es schnell einordnen: Es handelt sich um eine alte Glyphe der abendländisch-magischen Tradition, mit welcher ein mächtiger Dämon namens PURSON herbeigerufen werden soll. Percy wirkt ob dieses Fundes fast schon enttäuscht – nach allem, was bisher passiert ist, hätte er mit etwas Handfesteren als obskurer Esoterik gerechnet.  

 

Doch die Idee, dass es möglicherweise wirklich irgendeine abstruse Form von Glyphenmagie sein könnte, die für all das hier verantwortlich ist, lässt die Gruppe nicht los. Könnte vielleicht ein arkanes Symbol an der Tür zum Dach erklären, warum sie scheinbar ein Portal bildet? Parker und Percy beschließen, diese Hypothese zu prüfen und den Aufgang einer genauen Untersuchung zu unterziehen.

Die beiden sind gründlich, doch am Ende ist klar, dass keinerlei Zeichen an der Tür oder in ihrem Umfeld angebracht ist. Doch während der Untersuchung bemerkt Parker aus den Augenwinkel etwas Seltsames: Eine der eigentlich verschlossenen Türen zu den leeren Wohnungen im zweiten Stock ist ganz offensichtlich nur angelehnt. Alarmiert gibt er Percy ein Zeichen und gemeinsam schleichen die beiden in Richtung Tür, um sie schließlich vorsichtig zu öffnen. Der Raum dahinter ist komplett leer, abgesehen von einer dichten Schicht seltsam unförmigen Konfettis, die den gesamten Boden bedeckt. Parker erinnert es an die Geburtstage seiner Kindheit - so etwas wird heute gar nicht mehr produziert.

 

Als Percy durch die Tür tritt, bemerkt er noch kurz, wie etwas, das er nicht sehen kann, schnaufend auf ihn zu rennt, da ist er auch schon von einem unsichtbaren Mastiff zu Boden gedrückt worden, der ihm das Gesicht abzuschlecken versucht. Der Agent lässt es geschehen – die Kreatur scheint beim besten Willen nicht feindselig gesonnen zu sein. Derweil bemerkt Parker eine weitere Seite des Stücks, deren weißes Papier zwischen den Konfettifetzen hervorlugt.

 

Nachdem Preston sich daran erinnert hatte, dass er bereits vorgestern Abend eine Kamera in Abigales Wohnung angebracht hatte, nutzt er die Gelegenheit, um Parcival alleine an der Wand arbeiten zu lassen und stattdessen die Aufnahmen zu sichten. Mit Ausnahme der Gruppe hat niemand in der gesamten Zeit den Bildausschnitt betreten. Preston ist schon kurz davor, die Aufzeichnung enttäuscht als Fehlschlag beiseite zu legen, da bemerkt er etwas: Für einen kurzen Moment in der letzten Nacht war die Spitze eines weißen Schuhs im Bild zu sehen. Eine halbe Sekunde später lässt sich bei einer genauen Prüfung der einzelnen Frames eine Gestalt erahnen, die, in einen weißen Anzug gekleidet und einen weißen Aktenkoffer tragend, durch den Flur in Richtung Bad läuft, bevor sie das Sichtfeld der Kamera endgültig hinter sich lässt.

Preston will Parcival von seinem Fund berichten, doch dieser scheint vollkommen neben sich zu stehen. Mit seinem Skizzenbuch auf den Knien zeichnet er hochkonzentriert eine Art Emblem von einer Serviette ab, die er zuvor Abigales Werk entnommen hatte. Er zeigt es mit offenkundiger Faszination Preston. Was genau dieses Symbol darstellen soll, lässt sich nur schwer erfassen. Ein Siegel? Eine Schlange? Gleichwohl zieht der Anblick Preston in seinen Bann und evoziert ein überraschend starkes Gefühl der Melancholie in ihm. Er könnte schwören, dass es sich gerade bewegt hat.

 

In diesem Moment sind Schritte auf der Treppe zu hören, als Percy und Parker begleitet von einem zumindest für Parcival vollständig sichtbaren Hund in Richtung von Abigales Wohnung schreiten.  Im engen Flurbereich von Abigales Wohnung drängen sich die vier Agenten. Einem unwillkürlichen Impuls gleich fühlt sich Preston genötigt, den anderen beiden die Serviette mit dem Symbol zu zeigen. Während Percy zwar irritiert, aber letztendlich wenig berührt wirkt, trifft Zeichen der Anblick mit voller Wucht. Mühsam versucht er sich gegen die obskuren Emotionen zu wehren, die dieses Siegel, welches vage an einen Zweig… oder einen Drachen? erinnert im ihm auslöst und herrscht Preston an, was er sich dabei dächte, potentiell gefährliche unnatürliche Artefakte den anderen Mitgliedern der Gruppe geradezu ins Gesicht zu drücken. Preston entschuldigt sich, sichtlich irritiert über sein eigenes Verhalten. Auch Percy und Parker können den Hund jetzt sehen…

 

Noch drei Stunden bis Sonnenuntergang. Ein letztes Mal will man sich in einer konzertierten Aktion der Wand widmen, welche mittlerweile bereits deutlich leerer wirkt. Erneut sind seltsame, abgehackte Sprachfragmente aus dem Walkie-Talkie zu hören. „SEERE“ und eine Stunde später „DALLAN“. Percy ist sich mittlerweile sicher, dass es sich um Ortsnamen handelt, aber über ihre Bedeutung kann er ebenso wenig wie die anderen mutmaßen. Ansonsten kommt die Gruppe langsamer voran als zuvor – nur Preston kann einen interessanten Fund vorweisen: Eine handgezeichnete Karte des MacAllistar-Buildings, auf welcher neben einer ganzen Reihe bizarrer Anmerkungen, wie „Rosen und Butter“ Zugänge in die „NIGHT FLOORS“ vermerkt sind – in einer der Wohnungen im ersten Stock, sowie an der Tür zum Dach…

Über die seltsame Karte gebeugt verlieren die Agenten die Zeit aus den Augen und als sie sich auf ihre Abendpläne besinnen, ist es bereits 20:27. Die Sonne ist untergegangen. Die Tür zu Caruns Wohnung ist erneut nicht zur Gänze geschlossen, sondern nur angelehnt, doch der Autor selbst hat das Appartment bereits verlassen. Gedämpfte Musik ist von oben zu hören. In Begleitung des Hundes atmen die vier tief durch, bevor sie erneut ihr Glück versuchen und durch die Tür zum Dach hindurchtreten.

 

Und tatsächlich – die Musik wird lauter als sich die Gruppe in einem eleganten Rauchersalon wiederfindet.  Bequeme Sessel, burgunderrote Tapete, unterbrochen von einer großen Bücherwand, ein angenehmes Kaminfeuer, ein begehbarer Humidor und eine offene Bar bieten sich den Agenten dar. Ein Grammophon in der Ecke spielt „Heartaches“ von Al Bowly, ein Song, der gleichwohl nur Laszlo noch vage aus seiner Kindheit bekannt vorkommt.

 

In den Sesseln sitzen zwei Männer, die Percy für einen Moment verdutzt anblicken, als er als erstes den Raum betritt. Einer von ihnen ist Carun in seinem Bademantel, der seine Überraschung schnell überwindet und den Agenten, die nun endlich doch den Weg gefunden hätten, mit einem Martini zuprostet, der andere ein rundliche Mann mit schrecklichem Toupet in einem billigen Frack, den Carun als Mark Roarke vorstellt.

Sein Blick ruht für noch einen weiteren Moment mit einem ungläubigen Staunen auf Percy, bevor er ihn mit dem Überschwang des Wiedersehens zweier alter Freunde begrüßt und mit den anderen zur Bar führt: Er hätte nicht gedacht, dass er ihn jemals wiedersehen würde, nachdem sie aus „der Klapsmühle“  und vor den Agenten entkommen und gemeinsam den Weg zu „den Tunneln“ gegangen wären. Schließlich hatte er doch sein Fläschchen gefunden!

 

Als Percy entgegnet, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss, schwingt Roarks Jovialität zuerst in ein Flehen um – er müsse ihn zurück ins Labyrinth bringen! – um kurz darauf Zorn zu weichen: Es müsse sich bei Percy wohl um einen „Betrüger“ handeln. Ein Drink, den er seinem vermeintlichen Freund gerade gemixt hat, landet in Percys Gesicht als Mark aus durch eine Tür hindurch aus dem Raum stürmt.

Der Hund scheint sich in der Raucherlounge sichtlich wohl zu fühlen und ignoriert das Drama, in dessen Mittelpunkt Roark gerade stand, während er zufrieden Wasser aus einem kunstvoll gearbeiteten Napf schlabbert, der anscheinend für ihn bereit gestellt war. Carun hingegen ist von der Reaktion seines Trinkkumpans peinlich berührt und entschuldigt sich für dessen hitziges Gemüt. Gleichwohl könne Mark sie zu Castaigne, dem Nachtverwalter, führen, nachdem sie ja schon seit einigen Tagen suchten.

 

Carun will gerade zu einem Monolog über die vortrefflichen Zigarren im Humidor anheben, da kommt Roark zurück. Sich für seine impulsive Reaktion entschuldigend ist er gerne bereit, die Agenten zu Castaigne zu führen, wenn sie das wünschen. Bevor sie zusammen mit Mark die Lounge verlassen können, hält Carun sie noch einmal zurück und zieht eine zusammengeknüllte Seite des Stückes aus der Tasche seines Bademantels, die er ihnen gerne anvertraut.

 

Auf verschlungenen Pfaden führt Roark die Gruppe durch die labyrinthischen Gänge eines… edwardianischen Hotels,  die sich hinter der Raucherlounge erstrecken. Zimmertür gereiht an Zimmertür zieht vorbei, während Roark zielgerichtet immer weiter geht, einmal hier nach links abbiegt, dort durch eine Personaltür tritt, eine Treppe heraufgeht, dann wieder herunter. Einer Märchenfigur gleich versucht Parker mit einer Spur aus Konfetti, die er hinter sich zurücklässt, die Orientierung zu behalten, bevor Mark schließlich vor einer unauffälligen Tür ohne Zimmernummer stehen bleibt, an der in bronzenen Lettern das Wort „NACHTVERWALTUNG“ eingeprägt ist.

 

Mark verabschiedet sich in guter Stimmung von den Agenten, die an Castaignes Tür klopfen und von einer ältlichen Stimme hereingebeten werden. In einem engen, schmucklosen und zugestellten Zimmer begrüßt ein höflicher älterer Herr die Gruppe. Ein wenig gemahnt er an einen kleinen, verhutzelten Einstein, der die 80 bereits überschritten haben muss, doch der seltsame, leichte Akzent, der jedes seiner Worte zeichnet, ist eher russisch als deutsch (nach seiner Aussage „tartessianisch“) und seine Kleidung entspricht eher der eines Gentlemans des späten 19. als eines Wissenschaftlers des frühen 20. Jahrhunderts. Über und über sind Boden, Aktenschränke und der Schreibtisch von Zeitungsstapeln bedeckt, die Preston beäugt: Keine Ausgabe ist neuer als 1940, teils tragen sie bizarre Titel:

New York Tribune 1.7.1923: „Russo-Germanischer Pakt bröckelt, Wien befreit!“

The Mirror 12.12.1937: „Oberhaus beschließt Liberalisierung der Sterbehilfe – Suizidkammern nach amerikanischem Vorbild in Planung“

 

Derweil unterhält sich Percy mit Castaigne, der zwar stets korrekt ist, aber kein großes Interesse an ausschweifender Kommunikation zu haben scheint: Ruhig aber lustlos beantwortet er jede Frage, die man ihm stellt: Er arrangiere Zimmerzuweisungen und „was sonst so anfällt“ – Rohrleitungen reparieren, etc. Sein Vorgesetzter sei der „Superintendent“, den er nicht näher benennt. ARTLIFE und Miss LeChance seien ihm hingegen nicht bekannt und für eine Begegnung mit seinem Vorgesetzten seien die Agenten „nicht bereit“. Er kenne sowohl eine Abigale Wright als auch einen Asa Daribondi, erstere sei mittlerweile in eines der oberen Stockwerke gezogen und letzterer wäre seit seiner Pro-Bono-Renovierung des Gebäudes ein gern gesehener Gast des Broadalbin. Selbst die Zimmernummer des Autors kann er ihnen nennen. Aber nein, Zimmer selbst könne er nicht vergeben, dafür müsse man schon zur Rezeption ins Erdgeschoss. 

 

Nur einmal zeigt er eine darüber hinausgehende Regung: Parcivals Blick ruht auf den Wänden, an denen verblichene Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem wohl längst vergangenen Krieg hängen, doch dann bemerkt er einen Türspalt, der die Sicht in ein schwach beleuchtetes Schlafzimmer eröffnet. Auf dessen Bett erkennt er vage ein riesiges Bündel loser, handgeschriebener Notizen. Als der Nachtverwalter dies bemerkt verengen sich seine Augen: Das Erbe sei seine Sache.

 

Als die Gruppe schließlich Castaignes Büro verlässt, ist Roark bereits gegangen. Doch Parker ist zuversichtlich, dass er auch ohne ihn mit Hilfe der Spur aus Konfetti den Weg zurück durch die labyrinthischen Korridore des… Broadalbin? finden kann. Je weiter er den bunten Papierfetzen auf dem Boden folgt, desto mehr überkommt ihn jedoch ein nagendes Gefühl des Zweifels: Alles liegt zwar exakt da, wo er es zurückließ, um den Weg zu rekonstruieren… doch da ist nicht länger der gleiche Weg wie zuvor. Die Gänge winden sich in andere Richtungen, die Zahlen der Türen sind nicht länger die gleichen und wo zuvor eine Treppe nach oben führte, reicht sie nunmehr nach unten.

 

Die anderen bemerken Parkers zunehmendes Unwohlsein. Gerade, als er ihnen zu erklären beginnt, dass sie die Orientierung verloren haben, hört Parcival plötzlich eine Stimme hinter sich. Ein livrierter Diener oder Kellner spricht ihn an. Niemand versteht seine Worte, doch allen ist klar, dass er ihnen einige der Horsd’œuvre anbietet, die auf einem Tablett, welches er fachkundig auf seiner Handfläche balanciert, ruhen. Parcival und Percy nehmen sich je eine der kleinen Gelatinewürfel. Als Percy den seinen vorsichtig kostet, schmeckt er ein angenehmes Zitrus-Aroma, doch kann sich gerade noch zurückhalten, bevor er auf etwas beißt, dass in der wackelpudding-gleichen Substanz versteckt war. Er spuckt es aus. Ein kleiner, goldener Käfer. Angewidert packt er ihn in ein Beweismitteltütchen.

 

In Ermangelung einer Alternative beschließt die Gruppe, der falschen Konfettispur weiter zu folgen, bis sie schließlich an eine Kreuzung gelangen. Das Konfetti führt nach links, Treppen nach oben und unten und eine weitere Abfolge endloser Hotelzimmertüren nach rechts. Nach kurzem Zögern fällt erneut die Entscheidung pro Konfetti. Türen auch hier, doch werden sie unterbrochen von einer Art Gallerie, schwarz-weiße Porträts auf beiden Seiten des Weges. Jeder der abgebildeten hält ein leeres Fläschchen in der Hand, auf welchem ein Name notiert ist: A. DARIBONDI, E. LOSETTE, J. LINZ, D. WHEELER, E. MOSEBY, D. CARVER, G. TOPCHICK, H. LUNDINE, und weitere. Ganz am Ende fällt ein leeres Gemälde ins Auge: Keine Person, nur eine Flasche am Boden. Der auf ihr eingeprägte Name: J. THAL.

 

 

Das Konfetti führt weiter und endet vor einer massiven Doppeltür.  Doch die Gruppe geht an ihr vorbei: Immer höher zählen die Zimmernummern, 391, 393, 395…  sie wollen wissen, ob sie die 400 übersteigen, doch dem Gang weiter folgend steigt die Ziffernfolge erneut ab, um bis zum in weiter Distanz zu erahnenden Ende des Korridors wohlmöglich noch mehrere Male an- und wieder abzuschwellen. 

 

Mit wachsender Irritation gehen die Agenten zurück zur Konfettispur, doch auf halbem Weg öffnet sich plötzlich eine Tür. Zwei von Brandnarben übersäte Arme, die in weißen Handschuhen münden, stellen eine Holzkiste auf den Gang. Vage kann man anschwellenden Applaus aus dem Raum erahnen, bevor die Geräusche mit dem Knallen der Tür jäh verstummen. Parcival und die anderen eilen, um die Kiste näher in Augenschein zu nehmen, doch aus jenem befremdlichen, in altertümlichen Französisch verfassten und in Draht gebundenem Buch, welches sie aus dem staubigen Holz herausheben werden sie ebensowenig schlau wie aus den 12 fremdartigen Samenkapseln in Glasphiolen und dem billigen Mantelcape aus silbernem Plastik, der sie bedeckt.  

 

Innerhalb der Gruppe herrscht Unsicherheit, ob man der Konfettispur durch die Doppeltür weiter folgen sollte, doch am Ende reißt Percy die Tür auf, welche den Blick in einen riesigen Ballsaal freigibt und schreitet voran, die anderen auf den Fersen: Die Decke verschwindet in Dunkelheit, doch aus jener undurchdringlichen Finsternis rinnen Fäden zum Parkettboden der Tanzfläche und den kleinen, Tischen in der Nähe der Bar herab. Hunderte, tausende müssen es sein, jede in einem künstlich anmutenden, lebensgroßen Marionettenleib mündend und von unsichtbarer Hand geführt. Dieses seltsame Schauspiel verleiht dem Saal zusammen mit einer grammophonisch-kratzigen, nur scheinbar von Marionettenhand gespielten Swing-Ballade ein bizarres, andersweltliches Ambiente, ein Unleben, durch das hindurch die Agenten der Konfettispur nicht weiter folgen wollen.

 

Als sie sich umdrehen und durch die Doppeltür erneut heraus in den Hotelgang treten, zieht sich dieser in beide Richtungen dahin, doch weder die Gemäldegalerie, noch das Konfetti ist zu sehen. Stattdessen führen in fünfzig Metern Entfernung zwei Treppen nach oben, während der Weg an ihnen vorbei gerade weiterläuft. Die Zimmernummern scheinen ihre Positionen nach Belieben zu tauschen und mangels Alternativen entschließt sich Parcival die Treppe hinauf ins Unbekannte zu gehen – solle dort nicht schließlich Abigale zu finden sein? Doch es hilft nichts – der Weg nach oben mündet nur wieder im dritten Stock, direkt vor den ungläubigen Augen der anderen, die sehen, wie Parcival eine Treppe von unten her zu ihnen hinaufsteigt, die doch, wie in einer bizarren optischen Täuschung, gerade eben noch nach oben geführt hat.  

 

Verzweiflung und Misstrauen machen sich breit. Verwirrt und ohne jede Spur des Rückwegs brüten die Agenten über ihre Situation. Wird sie nicht jeder weitere Schritt nur noch tiefer in die wirren und wandelnden Korridore führen, die aus dem Macallistair-Building des Nächtens aus der Welt zu ragen scheinen?

 

Mit einem Mal – Schritte. Schüsse, der Geruch von Schießpulver, der Lärm mehrerer in schneller Abfolge gefeuerter Schrotflinten. Aus jahrelanger Erfahrung heraus geht Parker sofort in Deckung und behält die Situation im Auge: Am Ende des Ganges, weitere 30 Meter vor ihnen, erahnt er mehr als dass er sie wirklich sehen würde, eine Gruppe von männlich anmutenden Gestalten, ihre Gesichter von… Gasmasken? bedeckt, die Waffen im Anschlag jemandem oder etwas hinterherzujagen scheinen, bevor sie kurz darauf in einem Quergang verschwunden sind. Das Spektakel dauert nur wenige Sekunden, dann herrscht erneut Stille. Vorsichtig tastet sich Parker näher an den Ort des Schusswechsels heran. Um die Ecke, auf dem Boden liegend, sieht er zwei Körper, die ihm im ersten Moment wie Leichen scheinen, doch auf den Zweiten Blick klar als menschengroße Marionetten zu erkennen sind. Einzelne Bahnen roten Krepp-Papiers drängen aus „Wunden“, die augenscheinlich an Schrotmunition erinnern sollen. Neu anmutende Brieftaschen identifizieren die beiden: Eric K. Carter (Dokumente 1953 ausgestellt) und Ronald Burbach (Dokumente 1955 ausgestellt). Für einen kurzen Moment fühlt sich Parker den beiden unförmigen Gestalten auf eine befremdliche Art verbunden, doch dann verfliegt das Gefühl, als die anderen zu ihm aufschließen.

 

Irritation und Verwirrung wachsen nach diesem surrealen Intermezzo nur weiter, während die Agenten durch die Flure des Hotels irren. Irgendwann kommt Percy der Gedanke, nach Fenstern Ausschau zu halten – sie sind selten, doch nach gefühlten Kilometern des Wanderns durch die schier unendlichen Korridore entdeckt er eines. Die Ernüchterung ist groß, als es nur, einem Terrarium gleich, den Blick auf ein Zimmer freigibt, dessen Balkontür in einem Ballsaal mündet, auf dessen gegenüberliegender Seite er eine weitere Doppeltür zu erkennen glaubt.

 

Ein letzter, verzweifelter Gedanke überkommt Parcival: Was ist, wenn diese Gänge keiner materialistischen Logik folgen, sondern sich dem Willen der sie Durchirrenden dienstbar machen kann? Parcival besinnt sich mit all seinem Wollen auf den einen Gedanken – zurück zum Rauchersalon und übernimmt die Führung über die abgekämpft wirkenden Agenten.

 

So fokussiert ist er auf seine Intention, dass ihm die sechs wirr vor sich hinbrabbelnden Gestalten in Krankenhauskleidung mit Barcodes auf ihren Armbändern kaum auffallen, die mit gesenkten Köpfen schlaff an der Gruppe vorbeitorkeln. Die anderen folgen Parcivals schnellen Schritt, sodass auch sie die Geisteskranken kaum eines Blickes würdigen. Eine Frau Anfang 40 kommt Preston vage bekannt vor, doch bevor er einen weiteren Gedanken an sie verschwenden kann, haben sie den Zug der Narren passiert und Parcival rennt voran auf eine einzelne Holztür zu, reißt sie auf und der Geruch von Tabak steigt ihm in die Nase. Endlich zurück.

 

Roark und Carun sitzen entspannt in ihren Sesseln, ersterer in einem Buch blätternd, dass die Agenten von ihrer Position aus nicht einsehen können. Der Hund springt hinter der Bar auf und rennt bellend auf Parker zu. Den Aussagen der beiden nach war die Gruppe erst vor wenigen Minuten im Büro von Mr. Castaigne verschwunden, doch bevor es zu einer umfassenderen Konversation kommen kann, fragt Percy Roark, wie sie denn zur Rezeption kommen könnten, was dieser nur mit einem wütenden Hinweis auf das Erdgeschoss quittiert, bevor er in den Humidor stapft. Mit dem Hinweis von Carun, doch besser nicht über eine (offensichtlich nicht vorhandene) Leiche auf der Türschwelle zu stolpern, treten die Agenten zurück in die scheinbar normale Welt. 

 



#6 Nikola Tesla

Nikola Tesla

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Geschrieben 23. März 2021 - 12:27

Hallo, beeindruckend lange Spielberichte. Was mich interessieren würde, ist deine generelle Einschätzung des Bandes: Wie gut ist die Story? Wie originell? Wie gut ist die Spielbarkeit?



#7 aeq

aeq

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Geschrieben 25. März 2021 - 13:40

Hallo, beeindruckend lange Spielberichte. Was mich interessieren würde, ist deine generelle Einschätzung des Bandes: Wie gut ist die Story? Wie originell? Wie gut ist die Spielbarkeit?

 

Ich habe mich ja schon gelegentlich als Fan von Delta Green geoutet. Das System hat sowohl regeltechnisch als auch im Hinblick auf das Setting zahlreiche Vorteile gegenüber CoC. Aber IL ist weder mit klassischem CoC noch mit den sonstigen DG-Szenarien vergleichbar. Der Horror geht stark ins Surreale und liefert eine ausgesprochen faszinierende und verstörende Interpretation des König in Gelb, die weit über das hinausgeht, was man aus der klassischen Mythos-Deutung gewohnt ist. Eher Twin Peaks - The Return oder Jacobs Ladder als True Detective. Darauf muss man sich einlassen. Und die Vorbereitung dieses annähernd 400-seitigen Monstrums ist eine definitive Herkulesaufgabe, die einen gelegentlich an der eigenen geistigen Stabilität zweifeln lässt. Aber ich garantiere, dass es das wert ist: IL ist ein wahrlich einzigartiges Gesamtkunstwerk. Es gibt absolut nichts auf dem Markt, was auch nur in Ansätzen damit vergleichbar ist und die Lektüre des Bandes ist auf Grund des grandiosen Layouts und der herausragenden Illustrationen schon für sich genommen ein Erlebnis. Das Teil wird dieses Jahr sämtliche Ennies abräumen. 

 

Insofern: Herausragende, absolut originelle, wenn auch mehr als weirde Story, hohe Spielbarkeit (zumindest soweit wir bisher gekommen sind, der Rest macht von der Lektüre her einen eigentlich noch besseren Eindruck), aber extrem hohe Komplexität, sowohl für SL als auch Spieler. Selbst, wenn man sich am Ende dagegen entscheidet, die Kampagne zu leiten, kann man sie aber auch ganz vorzüglich als massiven Ideensteinbruch für eigene KiY-Szenarien in DG oder CoC benutzen. Gleichwohl sei eine Warnung ausgesprochen: Wer sich einmal an diese Interpretation des Königs in Gelb gewöhnt hat, wird Schwierigkeiten haben, die meisten CoC-Abenteuer mit vergleichbarer Thematik noch zu würdigen. 


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#8 aeq

aeq

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Geschrieben 25. März 2021 - 23:20

Night Floors III 

 

Die Agenten treten durch die Tür zum Dach aus dem Rauchersalon hervor. Zurück im „normalen“ Teil des MacAllistar. Der Blick auf die Uhr verrät, dass weniger als eine Stunde vergangen ist, seit sie die Korridore der Nacht betreten haben, auch wenn es ihnen eher wie ein halber Tag vorgekommen ist. Auch, wenn eigentlich niemand gerne noch länger im Gebäude ausharren will, erinnert sich die Gruppe an Caruns nicht abgeschlossene Tür und beschließt, seinem Appartement noch einmal einen Besuch abzustatten.

Gemeinsam durchsucht P-Cell Caruns vermüllte und mit Flaschen (die nunmehr der Bar im vierten Stock zuzuordnen sind) zugestellte Räumlichkeiten. Irritiert wirft Percy einen Blick in den Kühlschrank, dessen Speisen zwar bereits seit mehreren Monaten ihr Haltbarkeitsdatum überschritten haben, aber so frisch wie gerade aus dem Supermarktregal entnommen wirken. Wovon ernähren sich diese Leute?

Währenddessen analysieren Parcival und Preston Caruns Word-Processor. Das Passwort (NIGHTSEA) zu knacken, ist keine Herausforderung, aber die Inhalte ergeben nur wenig Sinn: Statt eines neuen Buches finden sich Dutzende von Textdateien mit befremdlichen Namen wie „Only STATIC“, „What Happened to Thomas Grandfather“ oder „Moseby and the play“. Jede einzelne enthält jeweils einen einzelnen Buchstaben, hunderte Male aufeinanderfolgend getippt. Nach einigem Nachdenken sehen die beiden, dass in der Ordnung des letzten Zugriffs die Buchstaben Worte zu formen beginnen. Gerade als lauter werdende Schritte auf der Treppe zu vernehmen sind, rekonstruieren sie die Botschaft:

 

SMOOTH IS THE HAND THAT MAKES THE WORLD AND STEADY IS THE MIND THAT GRASPS IT.

 

Die Agenten schaffen es, sich rechtzeitig aus der Wohnung zurückzuziehen. Mitgenommen von den Ereignissen der letzten Stunden machen sich Parcival und Preston auf den Weg zurück nach Hause respektive zum FBI. Parker und Percy beschließen hingegen kurzfristig, noch einmal zu prüfen, wie sich die Dinge des Nächtens bei Miss Vanfitz verhalten. Gerade, als sie durch den Flur des Erdgeschosses gehen, vernehmen sie Geräusche aus Abigales Wohnung. Vorsichtig öffnen sie die Tür. Es ist erneut das Funkgerät. Durch das statische Rauschen sind genaue Worte kaum zu verstehen, nur ein vages „Wir brauchen…“ ist zu erahnen, doch die Stimme können beide klar zuordnen. Es ist Parker, der dort spricht.

Irgendwann verstummt die Übertragung und gemeinsam gehen die beiden zur Tür von Vanfitz‘ Appartment, welche unverschlossen ist. Das Innere hat nicht mehr viel mit der Wohnung gemein, welche sie zwei Tage zuvor durch einen Türspalt erahnen konnten: Statt eines engen, mit Büchern zugestellten Raumes blicken sie in eine herrschaftliche, sicher 50 Quadratmeter durchmessende Bibliothek. Große Flügeltüren geben den Blick auf angrenzende Räume frei. Von Vanfitz ist nichts zu sehen. Percy betrachtet voller Faszination die Bücher direkt am Eingang. Das erste Buch, nach dem er greift, löst in ihm Gefühle des Wiedererkennens aus: Emeline Fitzroys „A World without Doors“. Seine weitere Betrachtung eines medizinischen Buches mit dem Titel „A Horse by Degrees“, dessen Vorbesitzer im Umschlag als G. Castaigne, H. Castaigne und A. Castaigne vermerkt sind und eines kleinen, in Leder gebundenen Notizbuches wird jäh von einem warnenden Ruf Parkers unterbrochen: Ohne es zu bemerken, hatte sich Percy mehrere Meter vom Eingang entfernt. „A Horse by Degrees“ unter dem Arm geht er zurück zum Eingang. Das hier ist Arbeit für einen neuen Tag.

Zu Hause betrachtet Parcival die Hygromanteia, jenes schwere, in Draht gebundene Buch, welches er aus den Korridoren im vierten Stock mitgenommen hat. Teilweise in antiquiertem Französisch, größtenteils in Latein verfasst, muss es sich um eine gut und gerne 500-600 Jahre alte Handschrift handeln, die von blauen Kugelschreibernotizen in englischer Sprache verunstaltet wird. Doch mangels Konzentration beschließt auch er, ein genaues Textstudium auf den nächsten Tag zu verschieben.

Keiner der vier Agenten schläft diese Nacht besonders gut. Seltsame Träume suchen sie heim, doch von allen am schlimmsten trifft es Parker: Ein monotones Trommeln vermischt sich mit einem pochenden Kopfschmerz und dem Geräusch des Telefons in seiner kleinen, temporären Unterkunft in den Räumen des New Yorker FBIs. Wie ein visueller Tinitus haben sich die Bilder in seinem Kopf festgesetzt: Eine Gasmaske, die ihm das Atmen erschwert, Blut an seinen Händen. die beiden Gestalten auf dem Boden, feinsäuberlich das Gesicht vom Schädel getrennt und die schmutzige, gelbliche Tapete an der Wand, in die ein Symbol geritzt scheint …

Der Radiowecker zeigt 5.30, als sich die Stimme am anderen Ende der Leitung mit brüchiger Stimme meldet. Thomas Wright, der Vater der Verschwundenen. Er hat die Nummer von Giuradanda erhalten und scheint getrunken zu haben. Schwach bittet er um Informationen. Irgendetwas, positiv, wie negativ, solange es ihm nur Klarheit verschafft. Seine Worte werden zunehmend unzusammenhängend. Er sei ganz allein. Er hätte nie mit ihr in diesen Laden gehen dürfen. Damals, kurz vor ihrem Tod, hätte seine Frau es ihm mit aufgerissenen Augen entgegengeschrien: „Er will mein Kind, Tom, HALT IHN AUF!“

Als der Radiowecker um 6 klingelt und Ace of Base mit ihrem Mega-Hit „The Sign“ spielt, hat Parker Wright bereits höflich, aber bestimmt abgewürgt. Von einer alles andere als erholsamen Nacht gezeichnet und einem visuellen Tinitus gleich das gelbliche Muster der Tapete vage vor Augen geht er den Gang herunter zu Preston, der sich ebenfalls gerade (wenn auch sichtlich ausgeschlafener wirkend) zum Aufbruch bereit macht. Gemeinsam frühstückt man bei einem nahen italienischen Bäcker, bevor man sich um kurz nach acht mit den andern beiden trifft.

Schnell kommt man darin überein, dass weitere Recherchen Not tun, bevor man sich erneut auf in das Gebäude macht. Gemeinsam verbringt man den Tag folgerichtig in der New York Public Library. Preston will vor allem den seltsamen goldenen Käfern auf den Grund gehen, während Parker versucht die Samenkapseln zu identifizieren. Beide Unterfangen verlaufen wenig erfolgreich, doch wo Preston nach gut acht Stunden mit gutem Gewissen sagen kann, dass diese Spezies der Botanik nicht bekannt zu sein scheint, starrt Parker hilflos auf Abbildungen von Pflanzensamen, unfähig, sich zu konzentrieren.

Die anderen beiden wenden sich in ihrer Nachforschung deutlich okkulteren Gefilden zu: Parcival widmet sich der Hygromanteia, welche er nunmehr aufmerksam studiert. Mit Percys Hilfe und einigen Lateinwörterbüchern fallen ihm starke Parallelen zur Ars Goetia auf. Auch hier scheinen 72 Dämonen inklusive ihrer Siegel beschrieben. Percy weiß, dass ein Buch des gleichen Titels gelegentlich als Urschrift des Goetia-Texts betrachtet wird und hat das vage Gefühl, etwas zu übersehen, sodass er sich mit einem Stapel Bücher zurückzieht.

Währenddessen betrachtet Parcival die Kugelschreiberkommentare eingehend, doch sie verbleiben kryptisch:

 

Beneath BROADALBIN is a door

 

Bael and Wilde each

 

Ambrose and the child in the pavilion costumes

 

Boat down into the fog lake to the real city

 

Bottles contain secrets as individual as those marked upon them

 

 All drawn in, closing in a dance, like a loop, leading to the masquerade

 

Als Percy immer noch keine Anstalten macht, zurückzukommen, stolpert Parcival an einem der Bibliotheksrechner über eine amateurhafte Webseite namens http://demonweb101.com/ zutage, die Einträge über jeden einzelnen der 72 Dämonen der Ars Goetia beinhaltet. Vor allem der Text zu PURSON erinnert Parcival auf unangenehme Weise an jenen verwahrlosten Obdachlosen, der eine Schlange um seinen Hals tragend ein Hupkonzert mehrerer Taxis provozierte:

 

Purson is a Great King of Hell, being served and obeyed by twenty-two legions of demons. He knoweth of hidden things, of lost treasures, and of all things past, present, and future. Occupying either a human or aerial body, he answereth truly of all secret and divine things of Earth and the creation of the world. Purson is depicted as a man with the face of a lion, carrying a ferocious viper and riding a bear. Before him, there can be heard trumpets sounding.

 

Dann endlich hat Percy gefunden, was er suchte: Während der Ursprung des Buches unbekannt ist, schreiben gewisse Autoren die Urheberschaft einem gewissen Augustus Chastaigne oder seinem Sohn, Gabriel Castaigne zu. Doch nicht nur das, durch reinen Zufall stößt er auf ein Exzerpt eines anonymen Briefes, der an John Dee adressiert gewesen ist:

 

A wonder shewn newly upon the worlde, an insect wrought in finest gold, as a gyft to the [unleserlich], of which he spent many yeeres gazing upon in the watches of the night.

 

So recht weiß niemand der vier, was all das bedeuten soll. Doch die Sonne steht tief und allen ist klar, dass sie auch diese Nacht noch einmal zurück ins Macallistar gehen müssen. Eine Bibliothek wartet auf sie.

Bevor es gänzlich dunkel geworden ist, widmen sie sich den letzten verbliebenen Artefakten an der Wand in Abigales Wohnung. Reich ist die Ernte nicht: Als letztlich nur noch das Funkgerät zwischen Epoxyt-Resten verbleibt, sind es ein irritierendes Foto eines älteren Paares mit ausgeritzten Augen, die ein Abgleich der Akten als Abigales Eltern identifiziert und zwei seltsame, auf (anscheinend nicht dem BROADALBIN zugehörigen) Servietten in minutiösem Detailgrad gezeichnete Mechaniken, die mit den Worten LEO und ESCRIBAR beschrieben sind. Während Parcival mit wachsendem Unbehagen auf die Fotografie starrt, blickt sich Percy um: Die in einer Beweismitteltüte verstaute PURSON-Glpyhe ist verschwunden.

Schließlich ist die Sonne vollends untergegangen. Die Treppe nach oben beschreitend spürt Parker einen Blick in seinem Nacken. Carun beobachtet sie durch die nur spaltbreit geöffnete Tür seines Appartments. Er hält im Gang nach oben inne und beschließt, ihn zu konfrontieren. Der übernächtigt wirkende Autor ist vollkommen neben sich und empfängt die Gruppe wild mit einem Messer fuchtelnd, Daumen und Zeigefinger der anderen Hand aneinander gepresst und Parker entgegengereckt. Schließlich glaubt er zu erkennen: Ein gerissenes Haar, dass Carun über seine Türschwelle geklebt hatte, um Eindringlinge ausfindig zu machen. Percy gelingt es die Situation zu entschärfen: Sie hätten den Mann in Weiß gesucht, der sich laut Karte in seinem Zimmer aufhalten solle. Carun lässt das Messer verdutzt sinken, hatte ihn doch bereits Abigale kurz vor ihrer Abschiedsparty anlässlich des Umzugs eine ähnliche Frage gestellt, kurz nachdem sie das Buch mit dem Stück ins Haus gebracht hatte. Natürlich hätte er den Mann gelegentlich gesehen, aber er sei nicht hier und es nie gewesen.

Da Carun das illegale Eindringen in seine Wohnung nicht weiter thematisiert, verabschiedet sich Parker schnell und geht mit den anderen zügig nach oben. Gerade, als sie Vanfitz Tür öffnen wollen hält Parcival inne. Er erinnert sich an seinen Traum, in dem er, Louis Post, sich seine Hände abhackte, um diese alleine weiter zeichnen zu lassen. Doch Posts Tür ist verschlossen und Percy und Parker drängen darauf, erneut in die Bibliothek vorzudringen.

Vanfitz Tür ist weiterhin unverschlossen und gemeinsam tritt die Gruppe hindurch. Der Anblick gleicht dem der gestrigen Nacht. Bücher über Bücher an den Wänden, im Raum selbst Tische und Stühle, voller abgestellte Getränke und gerade in Aschenbechern platzierter Zigarren und Zigaretten.  Während sich Preston und Parker zurückhalten, sind die anderen beiden fasziniert. Parcival greift auf gut Glück ein Werk aus einem der Regale an der rechten Wand des Saals heraus – ein Kinderbuch, welches den Titel „Maude geht zum Maskenball“ trägt. Während er das surreale Werk durchblättert, vernehmen die anderen gedämpftes Stimmengewirr aus dem rechten Nachbarzimmer, Lachen, das Knacken des Kamins. Parker kann das Gefühl nicht unterdrücken, beobachtet zu werden. Währenddessen fühlt sich Percy von einem Titel an der gegenüberliegenden Wand angezogen und entfernt sich vom Rest der Gruppe: Die Geschichte der Russo-Germanischen Hegemonie (1911-1921), ein historisches Ereignis, welches ihm vollkommen fremd ist. Ein erster Blick hinein hilft nicht weiter: Die Beschreibung von Schlachten, Konferenzen und Armeen hat Parallelen zur Realität, aber divergiert an unzähligen kleinen wie großen Punkten.

Vollkommen gefangen genommen nimmt Percy nicht zur Kenntnis, wie sich die Tür auf der linken Seite des Raums öffnet. Parker schreit ihm noch eine Warnung zu und rennt auf ihn zu, doch es ist zu spät. Mit einem wütenden Schrei stürzt sich Vanfitz, bewaffnet mit Pfeffersprax und einem Tomahawk, auf ihn. Eine tiefe Wunde zeichnet seine Schulter, als ihn das Beil trifft und mit tränenden Augen geht er zu Boden. Die anderen ziehen ihre Waffen, doch Parker geheißt ihnen, nicht zu schießen. Vanfitz beschimpft Percy derweil als Dieb und zwischen zusammengebissenen Zähnen presst er hervor, dass er das Buch zurückstellen wollte. Für einen kurzen Moment wirkt sie irritiert, dann herrscht Parker sie an, die Waffe fallen zu lassen, was sie ignoriert. Stattdessen rennt sie durch die Tür auf der linken Seite hindurch, die hinter ihr ins Schloss fällt.

Parker braucht einige Minuten, um Percy mit Schmerzmitteln und erster Hilfe wieder halbwegs auf die Beine zu bringen. Niemand will unter den aktuellen Vorzeichen eine weitere Konfrontation riskieren und so entscheidet sich die Gruppe, ihre Erkundungen vorsichtig durch die rechte Tür hindurch fortzusetzen, jener Seite, von der die lachenden Stimmen zu hören gewesen waren.

Der Raum ähnelt dem ersten, Bücherregale, Sessel, Stühle und Tische erwecken eine behagliche Atmosphäre. Diese wird noch von einem luxuriösen Steinkamin an der Stirnseite verstärkt, über dem ein einzelner Tomahawk hängt, welches wohl vormals dekorativ gekreuzt gewesen war. Kein Mensch ist zu sehen, nur das Knistern des Feuers zu vernehmen. Parcival studiert erneut die Bücher an den Wänden und steckt ein Englisch-Tartessianisch-Wörterbuch ein.

Ebenso fasziniert ihn eine Statuette eines lebensecht dargestellten Fisches, gefertigt aus purem Gold, die achtlos neben einer angebrochenen Flasche Brandy auf einem der Tische zurückgelassen wurde. Doch Parker erstickt jedweden Gedanken daran, das Artefakt mitzunehmen, im Keim. Stattdessen beschließt man, durch die einzige weiter Tür im Raum hindurchzugehen.

Dieser stellt sich jedoch als Sackgasse heraus: Eine mit identischen Büchern zugestellte Kammer. Parcival nimmt eines der Exemplare näher in Augenschein. „Die Bibliothek des Träumenden“ von Louis Lam (Harcourt Brace 1941) über einen Landstreicher, der Bücher verspeist. Auf der Seite, die er aufgeschlagen hat, steht in großem Detailreichtum jener Traum beschrieben, in welchem er als Louis Post seine Hände abtrennte.

Auf dem Rückweg ist die Fisch-Statuette verschwunden. Parker verdächtigt Parcival, sie entgegen aller Warnungen doch eingesteckt zu haben. Die Situation droht zu eskalieren, als er ihn dazu auffordert, seine Taschen zu leeren. Doch alles, was er darin findet, ist ein wild zappelnder Fisch. Man redet nicht weiter über den Vorfall

Doch schnell stellt man fest, dass nicht nur das goldene Kunstwerk, sondern auch die Tür im ersten Saal, durch welche Vanfitz der Gruppe entronnen war, nicht mehr aufzufinden ist. Generell scheinen sich auch darüber hinaus einige Details im Raum unmerklich verändert zu haben. Mit einem unguten Gefühl öffnet Percy die Tür aus Vanfitz‘ Wohnung heraus. Anstelle des Flurs des Macallistars blickt er auf einen langen, von zahllosen Zimmertüren gesäumten Hotelgang.

Ein bulliger Mann mit einem Knöpfhemd tritt aus einer von ihnen hervor. Die Agenten nicht weiter beachtend geht er durch die nächste Tür, eine Zahl zu sich murmelnd. Als Preston ihm hinterhereilt und die zugefallene Tür erneut öffnet, blickt er nur in ein leeres Hotelzimmer. Einige Minuten später tritt er wieder in den Gang hinaus, zielstrebig zur nächsten Tür schreitend. Er nimmt den vor ihm stehenden Preston augenscheinlich zur Kenntnis, doch ignoriert ihn mit einem höflichen nicken.

Mangels Alternativen beschließt die Gruppe, dem Gang bis zu seinem Ende zu folgen, wo sich eine Tür in mehr als 50m Entfernung von den anderen in ihrer Farbgebung abhebt. Vor ihr ein Schild. Könnte es Antworten bereithalten? Je näher man kommt, desto besser kann man die Schrift entziffern: „Fahrstuhl defekt“. Percy öffnet die metallene Tür. Tatsächlich, ein leerer Fahrstuhlschacht. Percy drängt darauf, ihn an einem in der Mitte baumelnden Stahlseil zu erklettern. Sei Abigale nicht nach oben gezogen? Doch Parker blockt ab.  Zu gefährlich, selbst wenn man die bizarren Umstände, in denen sie sich befinden, außer Acht lässt.

Am Fahrstuhl bildet der Flur des Hotels eine T-Kreuzung und während Parker und Percy miteinander diskutieren, öffnet Preston die erste Zimmertür zur rechten: Ein normales Hotelzimmer, wie jenes, welches er zuvor gesehen hatte, doch ist die Bettdecke zerwühlt und voller Blut. Mit etwas, das Parker kurz darauf als Lymphflüssigkeit identifizieren wird, ist in großen Lettern WO IST MEINE FLASCHE an die Wand geschrieben worden. Preston stutzt. Etwas ist unter die Laken gestopft: Zwei Schrotflinten, Parcival, der hinter ihm in den Raum getreten ist, nimmt eine an sich. Doch das ist nicht alles: Ein stabiler, etwas altmodischer Koffer. Er enthält 150000 Dollar, Serie D 1933, ebenfalls voller Blut. Während er die Aneignung der Schrotflinte nicht weiter zur Kenntnis nimmt, blockt Parker jeden Versuch, den Koffer mitzunehmen, systematisch ab.

Vor der Tür vernimmt Percy derweil ein dumpfes, rhythmisches Geräusch, das im Gang widerhallt. Als die anderen wieder aus dem Raum voller Geld und Blut heraustreten, hören sie es ebenfalls. Parker will die Gruppe führen, doch ein Ziel hat er nicht, die Gruppe scheint sich ihm folgend kaum von der Stelle zu bewegen. Parcival hingegen verspürt eine Intuition, als er sich darauf konzentriert, zurück zum Eingang kommen zu wollen, doch bevor er einen klaren Gedanken zu fassen vermag, zerreißt ein Ruf aus einem benachbarten Zimmer schräg gegenüber das Schweigen, welches sich zwischen den Agenten auszubreiten begonnen hat:

 

„ICH INVOZIERE UND RUFE DICH, OH GEIST PURSON UND MIT DER MACHT IHRER MAJESTÄT GEHORCHE MEINEN BEFEHL, DURCH BERALANENSIS, BALDACHIENSIS, PAUMACHIA, UND APOLOGIAE SEDES.“

 

Es mutet fast wie eine Beschwörung an, doch selbst der neuerdings mit überlegener Feuerkraft gesegnete Parcival verspürt kein Bedürfnis, der Invokation auf den Grund zu gehen. Stattdessen führt die anderen weiter, ein Stück zurück in einen Quergang, an dessen Ende eine Tür liegt, die (seines Erachtens nach) vielversprechend aussieht.

Doch als er nur noch wenige Meter entfernt ist, ertönt eine Glocke und er hält in der Bewegung inne, als ihm der tiefe Ton durch Mark und Bein fährt. Die Tür wird aufgerissen und eine Gruppe von Gestalten in silbernen Kostümen bricht aus ihr hervor und rennt durch den Gang, in die den Agenten entgegengesetzte Richtung.

Als Parcival an der Tür angekommen ist, sind sie bereits außer Sicht. Er öffnet sie und blickt in einen leeren Ballsaal, aus dem ihm eine sanfte Melodie entgegenklingt. Auf der Bühne – eine einzelne, mit traumhafter Anmut tanzende Gestalt, bedeckt von einem langen, weißen Schleier, der die Einzelheiten ihrer Erscheinung verhehlt. Unter Parkers geflüsterten Mahnung zur Vorsicht nähert er sich voller Faszination der Erscheinung. Keine Ansprache gebietet der Tänzerin Einhalt oder zeitigt auch nur die geringste Reaktion. Nur wer sie länger beobachtet, bemerkt, wie ihre Bewegungen nach und nach langsamer werden und die von unsichtbarer Stelle gespielte Musik mit ihr. Schließlich verstummt der Klang und die Verschleierte verharrt mit übermenschlicher Körperspannung mitten in der Arabesque. Direkt vor ihr stehend berührt Parcival sie vorsichtig und sie zerspringt vor seinen Augen in tausend Teile. Zahnräder, Federn, feinmechanische Gegengewichte und Schwungräder. Auf jedem einzelnen von ihnen findet sich die gleiche Signatur: G. Castaigne, FR 1433. Er steckt eines von ihnen ein und folgt seiner Intuition zum Ausgang hinter der Bühne.

Ein weiterer Hotelgang breitet sich vor ihm und den anderen, die ihm folgen, aus. Auf dem ersten Blick so „normal“ wie alle vorangegangenen scheinend, vermittelt sein Aufbau ein irritierendes Gefühl der Falschheit. Auf den zweiten Blick wird es klarer: Winzige Details sind nicht so, wie sie sein dürften, der Abstand zwischen den Türen ist minimal ungleich, ihre Rahmen ein Mu schief, der Teppich endet ein Stück zu früh…

Doch es ist schwer, all dem weitere Aufmerksamkeit zu widmen, im Angesicht des massiven medizinischen Rollbetts, welches direkt in der Mitte des Weges platziert ist und welches vollkommen aus der Szenerie herausfällt. Auf ihm, durch schwere Riemen fixiert, liegt ein Mann Anfang-Mitte 30. Er scheint die Agenten nicht sehen zu können, doch vernimmt er ihre Schritte und Stimmen, was ihn zu verstören scheint. Er fordert sie sichtlich verzweifelt auf, ihn loszumachen, als das Bett unter seinen angsterfüllten Schreien langsam aber sicher in den Boden herabsinkt. Parker rennt zum Rollbett und versucht genau das, doch seine Finger greifen durch die Fesseln. Als er ihn nach seinem Namen fragt, bezeichnet er sich als Vega, um sich kurz darauf zu korrigieren: Er hieße Michael Witwer und arbeite für die DEA. Er wolle nicht sterben und sie sollten seiner Freundin Ophelia etwas ausrichten, doch der schwarze Schlund, der sich ihm Gang geöffnet hat, hat ihn bereits zu tief eingesogen, um ihn noch vollends zu verstehen. Das letzte, was Parker zu hören glaubt, bevor er gänzlich in der Finsternis verschwindet, ist ein einzelnes Wort: „V-Cell“. Die anderen können nur zusehen, während Witwer einen ungewissen Schicksal entgegensinkt. Selbst am hartgesottenen Parker geht dies nicht spurlos vorbei. 

Parcival versucht sich derweil erneut zu besinnen. Deutlicher als zuvor fällt nunmehr die Schiefe der Türen und die Asymmetrie des Ganges auf. Etwas kann nicht stimmen: Seine Intuition sagt ihm, dass er… nach unten gehen soll? Doch als er sich umblickt, sieht er einige Meter hinter sich eine schmucklose Tür im Boden, aus der ein massives Rattern dringt, darauf die Aufschrift „PROJEKTORRAUM“.

Er tritt hindurch, die anderen hinter ihm. Das Rattern, welches von einem Projektor ausgeht, ist ohrenbetäubend und unterdrückt jedes Wort. Eine augenscheinliche Sackgasse, wenn man von der Lücke in den kinoartigen Saal absieht, auf dessen Leinwand die Projektion zielt. Percy blickt durch sie hindurch: Das Bild auf der Leinwand kann er nicht erkennen, zu grell ist das Licht. Doch der Saal liegt klar vor ihm: Gemütliche, großzügige rote Sessel und ein edwardianisch verspieltes Dekor erwecken eher Assoziationen an ein Theater. Alle Plätze sind leer, mit einer Ausnahme. Direkt in der Mitte blickt ein einzelner, in ein gelbes Gewand gehüllter Gast konzentriert auf die Leinwand.

Langsam beginnt er sich umzudrehen und seine Maske abzusetzen, während er Percy direkt anblickt.

Mit einem Sirren erstirbt das Rattern. Alles ist stockdunkel. Es riecht verbrannt.

Parker kramt seine Taschenlampe hervor, um für Licht zu sorgen. Doch statt des schmalen Lichtkegels, den er erwarten würde, erhellt plötzlich ein massiver Scheinwerferspot die Position der Gruppe. Kurz geblendet, sehen sie, dass aus dem Kino ein Theater geworden zu sein scheint, das Parker an seine Kindheitstage erinnert. Der Saal ist dieses Mal voll besetzt: Reihe um Reihe blicken ihnen stumme Marionetten entgegen.

Dann, ein weiteres Spotlight. Auf ein Stück Zeitungspapier, in der Mitte der Bühne. Eine gespannte Stille legt sich über das Publikum.

Preston löst sich aus der Gruppe und auf den Spot zu, während ihm ein weiterer Scheinwerfer folgt. Ein ausgeschnittener Artikel. Er hebt ihn auf.

 

Vom jungen Asa Daribondi, immer öfter als Chicagos eigenster "Picasso der Architektur" bezeichnet, soll man Großes erwarten. Die seltsamen Gebäude, die ihm seine Träume und Fantasien bescherten, haben begonnen, wohlhabende Gegenden in der Nähe des Sees zu bevölkern, und es heißt…

 

Der Artikel bricht ab. Einer Intuition folgend, dreht Preston ihn um und sieht ę̵̲̰̱͍͎͖̙̜̰̳̫͠ͅs̶̲͚̯̍͆̈́́͂.

 

Auf einmal stehen seine drei Gefährten direkt vor ihm, in einem dem Publikum zugewandten Halbkreis und jeder von ihnen fragt ihn, ohne dass er sich selbst daran erinnern wird, die einzige Frage, die im Moment von Bedeutung ist:

 

 

 

„Hast du das G̸̡̞̲̰͈̗̙̹̠̞͋̋͒̄̀̀͌̕ͅȇ̷̮̗͚̝͙̤̣̗͍̤̠͇̤͍͘ḽ̶̛̟̮̫͉̟̥̜̲̱̠͈̀̅͌̐̌͊ͅb̵̢̺͙͇̘̖̬͓̰̞̩̟̆̐̓̅̋ę̸͈͔̫́̈́̈̒́̓ ̴̨͎̭͓̟̤̤͇̕Z̴͔̞͎̜̼̗̀͂̑̅͝ͅe̸̢̠̣̓͐̓̏̄̐̓͆̿̎̃̉̌͝͠ͅi̴̥̜̺͈͎͊̐̄̽̆͑̄̈́̆ͅc̶̢͓̓̈́̃̇̒̔̒̐̓̃̓͠͠͝h̴̡͎͔͖̲̝͔͍̲͍͗̒̑͜͜ę̶̢̥̲̥̺̰̭̹̹̹͙͍͖̽͠n̷̨̧͓͎̙͚̻̺̠̺͛̌́̒̀̌̿̏̉̾̚͜ ̴̟̟͎̙̻͉̥̘̪͎͕̥̣͚̂͛̀͋̀̊̀̾̕͜ gesehen?“

 

 

 

„Hast du das G̶̡̡̢̝͔͆͊̚ẹ̴̛̉̃͂̌̓l̸̜͚̬͛b̴̠̣̟͎͔̋̀͜ȩ̷͎͖͎̲͗͑͌͋̚͘ ̶̜̋̕̕Z̶̧̏̍͋͘e̷̫͌̏̿̍̓i̶̱̓̎̀̐͒̎c̵͇̳̺̭̞͛͂̓̓̐h̶͎̊͊̾ẻ̵̲̰͈̰̤͖̋̂͛̑͝n̵͔͍͙̙̽́͑̍̍̃ ̶̧̱̺̱͈̓ gesehen?“

 

 

 

„Hast du das G̴̡̢̮̗͙̣̗͙̣̯͙̼̳̈̅̿̕͠ȩ̶̨̢̨̮̳͍͎̪̼̖̦̥̯̯̳̘͍̝̱̻͙̣̘̲͉̰̮͉͖̮̙͓̓̈́̐͜ľ̵̡̲͈̬̯̩̫͈̳̥͎̖̣̺͇̳͙̥̙̲̳̼̆́b̶̛̖͇̗͎͙̗̻͎̫͕̰̺̠̺̞͎̩͕̝͓̘̜̳͍̙̬͍̜̬̳͇̃͐̑̇̌́́̊͗̂͋̊̈̅͒͆̿́͌̾̍̌̄̀́̐̀̈́͘̚͜͝͝ͅę̷̡͕̮̱̯͈̞͚̜̘̦̗͈͖͉͈̒́͘ ̴̢̛̠̖̞̜̬̗̩̠͓͖̗̦̙͈̙̹̜̘̳̈́̉͑̿̈́ͅͅẐ̵̢̧͔̝̖̤̞̮̝̥̖̝̝͔̙̘̩̭͉̜̠̼͖̳̩̘̺̤̘͉͎̙̝̰̣̣̯͂̄͐̀̋̈́̑͒̓͐̏̆̑͒͊̔̍͂̈̀̒̈͆̽̏̒̅͐̎́̎̓͐̊͘͘͜͝͝͝͠ͅĕ̷̢̘͚̜̬̔́̀̍̂̊̓̈̿̌̆͊̓̿̔̔̆̈́͂̀͒̈́̕̚͜͠͝͝į̶̧̡̢̛͕͓̜̰̝̼͇̮̣̞͉̩͚͍͙̦̣̥̮͚̟̦̖͕̠̰̟̬͎̝̦̙̭͖̼̌̾̅̊͑̽́̀̑̇͝ͅc̶̡̡̨̢͎̼͚̞̞̤͓̩̲̜̳̭̘̞̻̳͔̥̦̻̖͎̫͈̙̫̲̮̣̩̟̬̘͉̹̏͛̋̽̋̉̈͛͘͜͝ͅͅh̵̢͙̞̪̙̠̯̘̞̬̗͇̣͎̙̠̰̝̳̭̳̘̥̬̻̣̘̹̐̌̈́̈́͒̃͛̀̌̄̎̆̎͂̂̽̇̔͜͝e̸̖̻̫̜͚̗͓͖̝̝̞̮̤̮͖̮̥͇̭̪͇̞̮͎̖̹̭͉̘̼̟͚̿̍̀̈̉̊̉͐̎͆̈̅͂͒̂̒̍̿́͌̀̽̽̽̆̀͛̍̈́̐̓̿̿̓̄͗̾͘̕͜͠͝͠͠ñ̶̢̧̡̡̛̙̟̩̦̬̯͙̗͈̞͎̣̣̞̻͕̩͚͍̘̝̖̳̥̪͓̜̱̱͕̩̥̼̮̯̬͕̀́̂͊͊́́̅͛̈̃̃́̓͌̉͋̈́͋̀͋́̓̎̌̈́̓̐̑̿̍̈́͛̚̚̕͜͠͝ ̷̢̡̧̡̢̨̢̛̦̩̞͕̦̰̦̮͎̖̰̟̤͈̜̲̖̞͔͍̿̊͆̊͊͂̀͌̃̍̌̊́̇͑̋͐͆̑̉̽̍̎̈́̿̂͋̓̓́̈́̏͆̿̍̌̋̄̕͠͝͝ͅ gesehen?“

 

 

 

 

 

 

 

Stummer, tosender Applaus aus der Menge der Marionetten.

 

Die Agenten wachen schweißgebadet in den Sesseln der Smoking Lounge auf. Roark schnarcht vor sich hin. Aufgeklappt hält er ein halb heruntergerutschtesBuch, welches schwarz-weiße Illustrationen enthält, darunter gerade aufgeschlagen einen nackten Torso (ohne Arme, ohne Beine) mit einem maskierten Kopf, der in einer komplexen Lederkonstruktion hängt, darunter, wie an einem Mobile, baumeln vier ca. 1m lange, baseballschläger-breite, in weißen Stoff gehüllte Bündel. Die Lederkonstruktion endet oben in einem dicken Brokattau. Eine Frau in spärlicher, aber stark aus der Zeit gefallener Kleidung, deren Kopf nicht mehr im Bild ist, steht auf einer mit Stoff ausgekleideten Holzleiter und scheint an irgendetwas zu hantieren. Am Rande steht ein der Zeit entsprechend gekleideter Gentleman - in der einen Hand ein Drink, in der anderen locker an seine Seite geklemmt ein Zeichenblock. Das Gesicht ist unzweifelhaft jenes von Parcival.

Aus dem Buch scheint ein Lesezeichen herausgerutscht zu sein: Parker hebt das gefaltete, schreibmaschinenbetippte Blatt auf. Die letzte Seite des Stücks.

Die Tür hinunter ins Macallistar ist angelehnt.  Sie gehen heraus, ein letzter Blick zur Tür, wo laut der Karte von Abigales Wand die Leiche liegen soll. Niemand ist zu sehen. Doch dann bemerkt Preston einen kleinen, achtlos an den Rand der Türschwelle geworfenen Zettel:

 

CAMILLA: Look then, beyond the footlight of the moons,

To upturned faces, lost in wonder, why here? Why now?

CASSILDA: So they might know the joy of the author’s intent,

and the certainty found in an exit, well-deserved.


Bearbeitet von aeq, 26. März 2021 - 12:46 .


#9 aeq

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Geschrieben 11. April 2021 - 13:58

Night Floors IV

 

Die Agenten treten aus dem Rauchersalon hervor und die Wucht des Erlebten trifft sie von einer Sekunde auf die andere mit voller Wucht. Insbesondere Preston scheint nun, wo er wieder in der Realität (?) des Macallistar-Buildings angekommen ist, sichtlich mitgenommen.

Was sollen sie tun? Wie umgehen mit dieser Situation? Für Parker ist der Fall klar: Das Gebäude muss zerstört werden und alle Bewohner mit ihm. Preston ist mit sich selbst beschäftigt und der müde wirkende Parcival scheint keine andere Antwort erwartet zu haben. Doch schwer atmend stützt sich Percy, dessen Schmerzmittel langsam nachzulassen beginnen, von der Wand des leeren, schwach beleuchteten Flurs herauf in einen leicht schwankenden, aufrechten Stand. Er widerspricht, so energisch, wie es sein Zustand zulässt: Sie müssten mehr über die Korridore der Nacht und das seltsame Verhalten der Bewohner herausfinden. Woher wisse Parker denn bitte, dass eine versuchte Zerstörung nicht alles noch viel schlimmer mache?

Parker entgegnet, dass Percy überrascht wäre, wie viele Probleme er in seinen Jahrzehnten in der Gruppe durch Sprengstoff zu lösen vermochte. Doch der Verletzte lässt nicht locker: Selbst wenn man das Macallistar-Building sprengt, könnte man nicht zumindest einen der Insassen herausholen und irgendwie weiter untersuchen?

Parker erinnert sich vage, dass die Gruppe früher über beschränkte Ressourcen zur Verwahrung und Therapie verfügte, doch sieht er keinen Grund, Percy hier ein Zugeständnis zu machen und schweigt hierzu.  Stattdessen schließt er kategorisch jegliche Option aus, die einen der Vektoren am Leben ließe. Sein Gegenüber setzt seine Argumentation derweil unbeirrt fort: Wer sagt, dass es nicht noch mehr „Vektoren“ gäbe? Hatte nicht Abigales Vater etwas über einen Buchladen gesagt? Könnte sie das verfluchte Theaterstück dort erworben haben? Es braucht mehr Nachforschung, sowohl im als außerhalb des Macall...

Kurz, bevor er seinen Satz beenden kann, unterbricht er sich selbst, als ihm etwas klar wird. Die Webseite, Demonweb101.com, war ihm von Anfang an seltsam vorgekommen, doch nunmehr plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. In ihrem Footer fand sich ein kleiner, unscheinbarer Satz:

 

What impossible landscapes wait beyond the cracked corners of this false world?

 

Ein Satz, der sich in gleicher Form auf einer der Seiten des Stückes fand, welche sie im MacAllistar gefunden hatten.

Auch wenn Parker von seiner generellen Position nicht abzubringen ist, überzeugt ihn der Hinweis auf den Buchladen und die Seite. Preston bietet sich an, letzteres morgen zu prüfen, während Parcival den zunehmend schwächer werdenden Percy zu einem ihm gut bekannten Arzt namens Johnson in der Bronx bringen will, der nicht zu viele Fragen stellt. Die Agenten kommen darin überein, sich am nächsten Morgen in den Räumlichkeiten des FBI zu treffen.

Parker schläft erneut miserabel, während er von einem labyrinthischen Meer von Türen in einer Art mittelalterlichen Burg träumt, durch welches er Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr irrt, ohne den Ausgang zu finden. Gelegentlich dringen aus der Distanz gedämpfte Geräusche, die an Geschützfeuer erinnern, an seine Ohren, doch bleibt er stets allein.

Mit etwas Kaffee gelingt es ihm bis zum Treffen mit den anderen die schlimmsten Auswirkungen der Nacht zu vertreiben und gemeinsam fasst man einen Plan für den Tag: Percy und Preston bleiben im Büro und telefonieren mit Thomas Wright bzw. nehmen die Webseite in Augenschein. Parker und Parcival fahren zurück ins Macallistar und nutzen ihre Kenntnisse im Umgang mit Sprengmitteln und Forensik dazu, verschiedene Wege zu eruieren, um das Gebäude in einer Gasexplosion zu zerstören.

Preston Analyse von Demonweb101.com nimmt einige Stunden in Anspruch und konfrontiert ihn mit überraschender Finesse. Doch qua seiner Fähigkeiten im Bereich der IT-Sicherheit gelingt es ihm, die Seite über diverse VPNs Lissabon/Portugal zurückzuverfolgen, wo eine whois-Anfrage den Besitzer der Seite mit dem Kürzel SRE angibt. Ausgesprochen gut versteckt ist ein weiterer VPN, dessen Analyse Rückschlüsse auf den echten Ursprung der Daten zulässt, welcher mit YHT/HAL angegeben ist.

Das Telefonat gestaltet sich wenig angenehm. Selbst ohne ihm gegenüberzustehen wird schnell klar, dass Wright nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Seine Stimme ist brüchig, immer wieder hält er für eine längere Pause inne oder stolpert über seine eigenen Worte. Als ihm klar wird, dass er gestern Morgen wirklich bei Parker angerufen und es sich dabei nicht nur um eine wirre Traumsequenz gehandelt hat, erschweren seine wortreichen Entschuldigungen und die hörbare Scham den Rapport noch weiter. Vorsichtig lenkt Percy das Gespräch auf den Laden. Wright versucht diese Episode herunterzuspielen, sie hätte dort nur ein Buch gekauft und er im Eingangsbereich gewartet, wo ihn ein seltsames Unwohlsein überkommen hätte, was später noch dadurch verstärkt wurde, dass er, wie er nach längerem Zögern zugibt, auch nach mehrfacher Suche die Adresse nicht wieder hatte ausfindig machen können. Dabei war er sich absolut sicher, dass es irgendwo in der Nähe des Empire State Buildings, 11 Ecke 33 gewesen sein musste.

Im Macallistar ist es ruhig, keiner der Bewohner verlässt sein Appartment, um Parker und Parcival bei ihrer Analyse der Gasleitungen zu stören. Gemeinsam kommen sie darin überein, dass eine vollständige Zerstörung des Gebäudes inklusive des wahrscheinlichen Todes aller Bewohner,  realistisch und in wenigen Stunden umsetzbar ist. Zuvor würden sie sämtliche unnatürlichen Asservaten in einer Green Box einlagern und die Tat Carun in einem erweiterten Suizid zuschreiben.

Als die Gruppe erneut zusammenkommt und ihre Ermittlungsergebnisse miteinander teilt, akzeptiert Percy die Zerstörung des Gebäudes und den Tod der Mieter zähneknirschend. Gemeinsam kommt man darin überein, die Explosion gegen Mittag des morgigen Tages durchzuführen und sämtliche nicht unnatürlichen, fallrelevanten Unterlagen zuvor dem FBI zu übergeben, inkl. einer Einschätzung des Geisteszustands der Bewohner des Macallistar. Die Untersuchungsergebnisse zur Webseite beunruhigen alle und Preston schlägt vor, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um Zugriffe auf die Domain zu verhindern, was auf Zustimmung stößt. Für den Abend beschließt man ohne große Hoffnungen, ca. zwei Quadratkilometer um das Empire State Building nach dem Buchladen zu durchsuchen.

Der Transport der Asservaten ist zeitaufwendig und so ist es Abend geworden als in zwei Gruppen geteilt die Agenten das Manhattan in der Umgebung der 11 Ecke 33 durchkämmen. Während Percy und Parcival knappe drei Stunden erfolglos durch die Straßen fahren und die Läden in den Erdgeschossen der sie umgebenden Gebäude genauestmöglich in Augenschein zu nehmen versuchen, sind Preston und Parker zu Fuß unterwegs.

Auch ihre Suche gestaltet sich wenig erfolgreich. Doch gerade, als sie zum dritten Mal an der 11 E 33rd St vorbeikommen, bemerken sie einen schmalen, unscheinbaren Laden, dessen an die Innenseite der Fensterscheibe geklebten Goldlettern, die wohl einmal das Wort „BOOKS“ geformt haben müssen, bereits vor langer Zeit verblasst sind. Sie pagen Percy und Parcival die Neuigkeit und gemeinsam betritt man den Buchladen.

Das Innere ist schmal, aber tief und hinter dem mit Bücherstapeln zugestellten Eingangsbereich verlieren sich die alten, hölzernen Regale in schwachem Licht, welches gelegentlich weitere Kunden erahnen lässt, die sich, wohl dutzende Meter entfernt, der Unzahl an Werken widmen, die das Sortiment für sie bereithält.

Hinter einem kleinen, Tresen-artigen Schreibtisch stehend, begrüßt ein nubisch anmutender Verkäufer in einem perfekt sitzenden Anzug die Agenten mit einem makellosen Lächeln. Er stellt sich als B.R. Robert vor und fragt, ob er ihnen helfen kann. Bevor Parker ihn zurückhalten kann, beginnt Percy bereits eine Unterhaltung, in der er sich mit seinem richtigen Namen ausweist und ihn über den Laden und Abigale auszufragen beginnt.

Auf jede seiner geradezu gierig anmutenden Fragen antwortet Robert fachkundig und formvollendet, betreffe sie Gabriel Castaignes mechanisches Geschick (er war selbst früher häufiger im Laden zu Gast)  oder auch das Lebenswerk St. John Philbys und seine Freundschaft mit dem saudischen Königshaus. Seit wann der Laden existiere, könne er hingegen nicht genau beantworten, er sei schlicht da, ganz gleich ob nun im Paris der 1890er, den New York des Jahres 1925 oder 1995. Über Abigales Verschwinden hätte er aus den Medien erfahren und er erinnerte sich, dass sie den Laden besucht hätte. Einem großen, altmodisch anmutenden Hefter, dessen Seiten von makelloser arabischer Handschrift bedeckt sind, entnimmt er die Einsicht, dass sie im Februar im Laden gewesen sei, doch was sie gekauft hätte, könne er nicht sagen. Doch vielleicht fände sich ja im Inneren des Ladens noch ein Zeuge ihres Aufenthalts?

Parker beobachtet die Szene mit wachsendem Zorn, während er gleichzeitig die Gänge im Auge behält. In einigen Metern Distanz kann er einen Kunden deutlich erkennen, wie er ein Buch durchblättert. Es ist jener Mann, dessen Porträt im Macallistar mit dem Namen D. WHEELER bezeichnet worden war.

Als Parcival dann noch damit beginnt, sich auf Französisch mit Robert zu unterhalten, wird es Parker schließlich zu bunt und er weist die anderen mehr oder minder diskret darauf hin, dass es Zeit sei, zu gehen. Er schleift sie in den Wagen, schaltet das Radio an, welches „King Midas in Reverse“ spielt und weist Percy und Parcival ob ihrer offensichtlichen Missachtung jeglicher Sicherheitsmaßnahmen zurecht. Doch bevor er noch ein finales Urteil fällen kann, wie viele C4 notwendig ist, um diesen Vektor aus dem Weg zu räumen, blickt er erneut in Richtung des Ladens, welcher jedoch bereits verschwunden ist.

Es ist kurz nach 10, als sich die Gruppe für die Nacht verabschiedet.

Doch Percy macht sich nicht auf den Weg zu seinem Appartment. Stattdessen fährt er zum MacAllistar und geht hinauf in den dritten Stock. Er hinterlässt dort eine Botschaft, dass er von den Bewohnern „lernen“ will und sie ihn kontaktieren sollen. Roark schaut ihn derweil schief an und meint, dass irgendetwas anders an ihm sei. Seine Haare vielleicht? Jedenfalls könnte er ja vielleicht doch sein Glück bei Castaigne versuchen, wenn er Probleme mit der Rezeption hat, um ein Zimmer oder möglicherweise sogar einen Termin beim Superintendenten zu bekommen. Percy zögert, doch lehnt dann ab. Roark verspottet in daraufhin und mit der Botschaft auf der Bartheke macht sich Percy auf den Weg nach Hause.

Der nächste Tag ist bewölkt, kühl und von Nieselregen dominiert. Erneut hat Parker kaum geschlafen, als er kurz nach Sonnenaufgang gemeinsam mit Parcival alle notwendigen Schritte unternimmt, um Caruns „erweiterten Suizid“ vorzubereiten. Preston und Percy bereiten derweil die Übergabe ihrer Unterlagen vor. Gegen 11 sind die Vorbereitungen abgeschlossen und Parcival trifft sich mit den anderen beiden im FBI. Parker hält Stellung. 12.03: Die Explosion zerreißt das Macallistar. Alles passiert nach Plan, die Schäden an den angrenzenden Gebäuden bleiben auf ein Minimum reduziert, während die Zerstörung des Vektors total scheint. Parker bleibt angespannt, doch auch nach mehreren Stunden, als die Sirenen der Kranken-, Polizei- und Feuerwehrwagen bereits verstummt sind, bemerkt er nichts, was ihm Anlass zur Sorge geben würde. Mit grimmiger Befriedigung macht er sich auf den Weg zu den anderen, welche den mehrfachen Mord an Unschuldigen nicht so ohne weiteres verarbeiten können wie er.

Doch man darf sich nichts anmerken lassen. Die Ermittlungen werden pro forma weitergeführt, die Theorie des erweiterten Suizids erhärtet, Versicherungsclaims von ARTLIFE bestätigt und dergleichen mehr. Es dauert nicht lange, bis P-Cell aus der Schusslinie ist und man Agent Marcus mitteilen kann, dass das Problem gelöst wurde.  



#10 aeq

aeq

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Geschrieben 15. April 2021 - 15:29

Home II

 

Der 28. August 2015.

 

20 Jahre… wenn man zurückblickt, weiß man nicht, wie es passiert ist. Was passiert ist. Ein normales Leben. So normal, wie es für ein Mitglied der Gruppe sein kann. Irgendwie hat man überlebt. Den Alltag, die Missionen, die Geschichte. Bevor der Morgen graut, schlüpft man zurück in einen Körper, der einem Tag für Tag ein Mu weniger gehorcht. Eine Rückkehr aus weiter Ferne, die schwerer fällt, jedes Mal.

 

7300 Tage… Was hat diese seltsame Welt noch mit jener zu tun, die man früher kannte? Das müde, verlebte Gesicht, das einem aus dem Spiegeln entgegen blickt, ist es wirklich noch das eigene? Ist das das Leben, das man für sich selbst vorsah, als man ein junger Mensch voller Ideale war? An welchem Punkt ist man falsch abgebogen, um irgendwann hier zu landen? Eingezwängt zwischen Beruf, Familie und… der Oper lebt man mit eingeschaltetem Autopilot. Man kann dem über Jahrzehnte gewobenem Netzwerk aus Verpflichtungen nicht entgehen. Spielt seine Rolle.  Oder vielleicht glaubt man selbst daran, dass man mit sich im Reinen ist. Dass man die beste Existenz verlebt, welche einem hätte vergönnt sein können.

 

Nur manchmal blinzelt man und dann kommen sie zurück. Vereinzelte Erinnerungen an 175 200 Stunden. Facetten. Fragmente, Momentaufnahmen, die sich ins Hirn brannten.

 

11. März 2001, 5:30, John F. Kennedy Memorial Highway, Red Toad Rd. – Parker, und der aufgelöst wirkende Agent Marcus auf dem zerstörten Asphalt eines menschenleeren. Eine Nachricht, die von „oben“ kam. Totale Prüfung sämtlicher Kontakte. Absolute Sicherheit. Marcus hat Gerüchte gehört. Kompromittierung. Ein interner Coup. Tote. Es gab irgendein Angebot. Einige sind anscheinend darauf eingegangen. Haben die Seiten gewechselt. Mit blutunterlaufenen Augen schwört Marcus Parker ein. Absolute Geschlossenheit. Er wird die Botschaft an Q-Cell weitergeben. Die beiden gehen wortlos auseinander. Doch zuvor: Ein Zettel. Mit einer Telefonnummer. A-Cell. Für absolute Notfälle.

 

Ein warmer Herbsttag, einige Monate später, 9 Uhr – freie Tage. 20 Künstler der Avantgarde in einem grünen Dachgarten in Brooklyn. Befremdliche Musik. Und Janus, sein Lebensgefährte bereits in ein Gespräch mit dem Gastgeber verwickelt.  Vegetarische Snacks auf einem Tapeziertisch, Bier und Wein. Ausgetretene Teppiche mit Dreiecksmuster. Auf einem von ihnen: Ein vielleicht vierzigjähriger Brite mit traurigen Augen, eingefallenem Gesicht und schütterem, aber langem Haar. David F. Tibet, Musiker. Der Hudson-River, die Skyline von Manhattan – eine atemberaubende Aussicht. Die Maschine fliegt bemerkenswert tief. Und dann – das Dröhnen des Einschlags. Der Tod des alten New Yorks, die Geburt eines anderen. Welche unmöglichen Land̸s̴chaften warten auf uns jenseits der rissigen Ecken dieser falschen Welt?

 

Eine Frage, die ihn w̴e̵iter suchen ließ.

 

30.8. 2005, 2.30, New Orleans: Kein Briefing. Setz dich in deinen Wagen, bring einen Taser und jede unmarkierte Waffe mit, die du in die Finger kriegen kannst. 16 Stunden Fahrt, selbst für Parcival schwer zu ertragen. Staus in der Gegenrichtung. Prasselnder Regen. Redenz-Vous-Punkt: Ein evakuierter McDonalds, vor dem Fenstern tobte der Hurricane. Parker war eindeutig. Wer Nachts durch die Straßen zieht, wird getasert. Wer sich verwandelt, erschossen. Der erste Fund: Ein Mensch. Die zweite: etwas anderes. Hündische Züge, die vor seinen Augen explodierten. Auf einmal: Allein, auf der überfluteten Straße in der Dunkelheit. Ein fletschendes Geräusch, Bewegung im Wasser, glühende Augen, die näher kommen. Feuer. Aus zwei Richtungen. Die Kreatur – tot. Eine irisch anmutende Frau, mitte dreißig, kurze rote Haare, kurz davor zu schießen. Dann – Entspannung. Agent Taylor, T-Cell.

 

14.10. 2013, 9:30: Der Erste Tag zurück im Dienst nach dem Einsatz in New Jersey. Preston starrer Blick, der direkt durch den Monitor hindurchgeht. Die von Schrot zerrissenen Gesichter der Familie vom Vortag auf der Netzhaut. Doktorand der Mathematik. Eine Gleichung. Eine Gleichung, die ihn dazu getrieben haben soll. Simon am Nebentisch, ebenfalls den Blick auf den Monitor geheftet. Ein abgefucktes Arschloch. Unzurechnungsfähig! Ed Mill̷er Wist. Erbe und Mörder seiner Eltern. Multimillionär.

 

Der 28. August 2015.

 

Ein FedEx-Paket mit einer Einladung zum Geburtstag von Richard Zíél.ôny, am 1. September im Gateway Bridges Restaurant Boston, Dorchester Neighborhood.

Auf ihr, für denjenigen, der nicht danach suchen, kaum zu erkennen – ein grünes Dreieck.  






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